ANARCHO-AUTOR PAAVO MATSIN

In „Gogols Disko“ regiert das Chaos

Das neue russische Zarenreich hat sich Estland einverleibt, wo nun Gauner, Ganoven und groteske Künstler ihr Unwesen treiben. Ebenso alptraumhaft wie karnevalesk geht es in „Gogols Disko“ zu.
Paavo Matsin: Gogols Disko. Homunculus-Verlag Erlangen, 2021
Paavo Matsin: Gogols Disko. Homunculus-Verlag Erlangen, 2021 Homunculus-Verlag
Neubrandenburg ·

Bücher in estnischer Sprache sind einzig auf Toiletten erlaubt, und sie dürfen unter keinen Umständen gelesen werden, weder beim kleinen noch beim großen Geschäft, sondern ausschließlich hygienisch Verwendung finden. Blatt für Blatt. Das Estnische soll mit wässrigem Wwwusch aus Estland verschwinden. Und das Esten-Volk per Deportation. Denn das neue russische Zarenreich hat jenes baltische Ländlein okkupiert. Die NATO wurde gleich komplett mitbesiegt. – So die Lage in „Gogols Disko“, dem mit dem EU-Literaturpreis gewürdigten Dystopie-Roman von Paavo Matsin (50), einem der schrägsten Vögel in Estlands Literaturszene.

Der dreht die Gegenwart/Zukunft seiner provinziellen Heimatstadt Viljandi auf links und fährt eine bunte Truppe an charmanten Ganoven, grotesken Künstlern und nischenhockenden Pseudo-Philosophen auf. Ausgewanderte Russen bewohnen nun hochprozentig die kürzlich dahingeschiedene Republik. Vorzugsweise gescheiterte Existenzen.

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Beatles-Fanatiker und lausiger Gitarrist

So Wasja, ein Beatle-Maniac, ein „Ol-ju-niid-is-lav“-Typ, der den Bau eines Tempels für seine Idole erwägt. Buchard führt ein ruinöses Antiquariat, das „Antiquarium“. Im Hinterzimmer werden die bedeutsamen Fragen der Menschheit diskutiert. (Zum Beispiel: Warum sind Ejakulationen im Traum oft stärker als im Wachzustand?) Da ist der lausige Gitarrist Manschettowitsch Manschette, da ist Geyer, Veranstalter strikt verbotener Konzerte, und Kumpel Arkascha, dessen Chansons, Gaunerlieder und miese Witzchen auf Röntgen-Platten gepresst werden.

Nach der neo-zaristischen Besitzreform scheint alles marode, second hand, Mangel- und Gebrauchtware. Wodka indes fließt karaffenweise. Konstantin Opiatowitsch, ein ehrbarer Taschendieb alter Schule, schleppt einen Greis an, der aussieht wie der Tod auf Latschen, aber zugleich wie Gogol, Nikolai Wassiljewitsch. Sollte der mit übermäßiger Fantasie geschlagene Schöpfer klassischer Prosa nach anderthalb Jahrhunderten von den toten Seelen auferstanden sein? Ein Wiedergänger?

Hohe Verluste, auch an Verstand

Dieser Gogol jedenfalls redet nicht, wenn doch, dann Diffuses. Er vertilgt Koteletts im Akkord und verzieht sich – satt – gern aufs Klo. Der perfekte Prophet!, meint nicht allein Langfinger Opiatowitsch. Der Zombie-Gogol ließe sich wunderbar für Zwecke missbrauchen. Und die Dinge nehmen ihren chaotisch-karnevalesk-alptraumhaften Lauf.

Nur so viel: Eine Kneipe und (mindestens) eine Liebesbeziehung gehen zu Bruch, ein Museum wird geplündert, es fallen Schüsse, es gibt hohe Verluste, auch an Verstand. Letztlich landen einige der Protagonisten in der Klapse, weitere gehörten eigentlich hinein. Vier sind geistig so angeknockt, dass sie Bücher schreiben. Sie outen sich als Evangelisten des Gogolismus.

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Paavo Matsin ist keiner von der Sorte Autoren, die sich im Legoland konventioneller Roman-Konstruktionen bedienen und ihre Leser zu kuschelig-behaglicher Lektüre einladen. Der ist ein literarischer Draufgänger, experimentell, ein Anarcho-Avantgardist, der sich über den eigenen Hang zu Geheimwissenschaften lustig zu machen versteht.

Im Kellergewölbe von „Gogols Disko“ malt er den Teufel an die Wand. Der baltische Ur-Horror vor der Großmacht Russland ist hier nicht in Luftpolsterfolie verpackt – und wird zugleich ad absurdum geführt. Mit Geschick und Cleverness erzeugt und verlacht er die Dämonen.

Es handelt sich um den ersten der Romane von Paavo Matsin, der nun auf Deutsch erschienen ist. Bitte mehr davon!

Paavo Matsin: Gogols Disko.

  • Homunculus-Verlag Erlangen, 2021.
  • 176 Seiten.
  • 21 Euro.
  • ISBN 978 – 3 – 946120 – 31 – 5.

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