Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg...

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Interview mit Schauspieler Robert Gustafsson

Robert Gustafsson als Allan.
Robert Gustafsson als Allan.
Concorde Filmverleih GmbH/dpa

Robert Gustafsson spielt den „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Wir sprachen mit dem 49-jährigen Schweden über Masken, das Alter und typisch skandinavischen Humor.

Herr Gustafsson, wie wurden Sie hundert Jahre alt?

Vor drei Jahren rief mich Regisseur Felix Herngren an. Ich habe das Buch dann in einem kleinen Buchladen erstanden und es an einem Stück durchgelesen. Dadurch gelangte ich zu der Überzeugung, dass man diese Geschichte unmöglich würde verfilmen können. Allein das Hörbuch ist 14 Stunden lang, während der Film weniger als zwei Stunden dauern sollte. Aber was herausnehmen, was beibehalten? Ich habe Felix kontaktiert und mich nach seiner geistigen Gesundheit erkundigt. Wenig später hielt ich das Drehbuch in meinen Händen. Es war fantastisch, ich habe es von Anfang an geliebt. Ich konnte dieses Angebot nicht ablehnen. Für mich bedeutet Schauspielerei nicht, einfach einen neuen Hut aufzusetzen oder einen anderen Anzug anzuziehen und zu behaupten: „Jetzt ist mein Name Roger Rabbit!“. Man muss seine Stimme und seine Körpersprache benutzen, das Kostüm, das Make-up, die Frisur und natürlich auch das Innenleben. Ich will in einem Film auf all diese Werkzeuge zurückgreifen. Und hier hatte ich die Gelegenheit dazu.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben uns sofort an die Entwicklung von Allans Charakter gemacht. Jeder Leser würde eine andere Vorstellung davon haben, wie Allan aussieht, wie er sich anhört und sich bewegt. Wir konnten die Fans eigentlich nur enttäuschen. Aber dann haben wir das Buch Buch sein lassen und uns das ehrgeizige Ziel gesteckt, einen Film zu machen, der auf seine Weise besser als das Buch sein würde. Ein eigenständiges Werk, keine bloße Verfilmung. Wir haben uns auf die witzigsten Rückblicke konzentriert. Ich halte den Humor des Buches für sehr schwedisch, sehr zurückhaltend. Er ist das Gegenteil einer Jim-Carrey-Komödie.

Waren Sie als Komiker die aufwändige Maske gewohnt?

In einem Film namens „Four Shades of Brown“ war ich Mitglied einer Monty-Python-artigen Comic-Gang. Dort spielte ich einen Typen, dessen Gesicht halb verbrannt war. Warum kriege ich bloß immer diese Rollen mit Plastik im Gesicht? Die Maske des Hundertjährigen wog zweieinhalb Kilo. Es hat fünf Stunden gedauert, bis sie angelegt war. Mich zu einem 23-jährigen zu machen, hat dagegen nur zwei Stunden gebraucht. Wir hatten nicht damit gerechnet, wie hart das für mich werden würde. Manchmal wurde ich 02.30 Uhr in der Nacht abgeholt, damit ich zum Drehbeginn um 08.30 Uhr fertig war. Ein oder zwei Wochen hatte ich nur zwei bis drei Stunden Schlaf täglich. Am schlimmsten war es, als wir in Thailand drehten, das im Film Bali doubelt. Die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit ließen mich in Schweiß ausbrechen, nur dass der Schweiß nirgends rauskonnte. Als sie die Maske aufschnitten, kam ein Liter Schweiß herausgespritzt. Mir wurde schwindlig und ich bekam Kopfschmerzen. Wir bauten ein Zelt auf, in dem eine Klimaanlage auf Hochtouren lief. Ich saß in einem Rollstuhl. Felix kam herein und erklärte mir die Szene, dann karrte man mich im Rollstuhl so schnell wie möglich ans Set, es hieß „Action!“ und ich spielte. Danach brachte man mich sofort wieder ins Zelt. Natürlich sieht das Resultat hinterher sehr überzeugend aus. Aber wenn ich mir all die Bali-Szenen ansehe, denke ich nur an die Qualen, mit denen sie verbunden waren. Es war echt schrecklich.

Hat die Maske Ihr Schauspiel behindert?

Sie musste auch in den Großaufnahmen glaubwürdig sein. Ich hatte Angst, dass die Maske meine Gesichtsausdrücke abschwächen würde. Deshalb habe ich anfangs stärker gelächelt, wenn nur ein kleines Lachen gefordert war. Es hat sich herausgestellt, dass das Gegenteil der Fall war. Die Maske hat alles intensiviert. Felix sagte häufig zu mir, ich solle mich noch mehr zurücknehmen, weniger machen. Allan redet eigentlich nicht viel. Man muss ihm alles aus der Nase ziehen. Das ist eine typisch schwedische Eigenschaft.

Wie erklären Sie sich dann den großen internationalen Erfolg der Geschichte?

Als wir die Arbeit am Film aufnahmen, begannen sich die Verkaufszahlen gerade erst zu entwickeln. Anfangs waren drei Millionen Bücher über die Ladentische gegangen, beim Dreh selbst waren es schon sechs. Das Projekt wuchs also zwischenzeitlich. Der Erfolg hat mich überrascht, hatte ich doch vermutet, dass der Humor eher den östlichen Raum ansprechen würde, Finnland und Russland zum Beispiel, wo die Melancholie gepflegt wird. Nun hat Frankreich 300 Filmkopien bestellt, das Buch ist dort äußerst populär. Vielleicht mag man es überall, Underdogs triumphieren zu sehen oder einen alten Typen, der Abenteuer erlebt. Wenn man 86 ist oder 100, muss man nicht zwangsläufig im Sessel sitzen und fernsehen. Das Leben bietet noch so viel mehr als das. Man stellt sich immer vor, dass man als alter Mensch mit einem Drink in der Sonne sitzt, eine Partie Golf spielt und später vielleicht nochmal mit dem Boot rausfährt. In der Realität liegt man dann im Hospital und es ist zu spät. Allan lebt im Hier und Jetzt. Er verurteilt niemanden und nimmt immer die Position des Beobachters ein. Er ist neugierig und sehr aufgeschlossen.

Haben Sie Angst davor, alt und gebrechlich zu werden?

Ja, das habe ich schon. So wie vermutlich die meisten Menschen. Als ich jünger war, versetzte mich der Gedanke an den Tod in Angst und Schrecken. Der Tod war ein furchterregendes, schwarzes Etwas. Je älter ich wurde, umso mehr hat sich dieser Schrecken verloren. Heutzutage werden die Menschen ziemlich alt. Ich habe Recherchen angestellt, wie alte Menschen klingen und wie sie laufen. Ich habe mir Dokumentationen und youtube-Videos angeschaut. Manchmal konnte ich nicht glauben, dass dieser Mensch hundert Jahre alt sein soll. Er sah vielleicht aus wie 87, manchmal sogar wie 69. Es hängt von dem Leben an, das man geführt hat. Vor dreißig Jahren noch mussten die meisten Menschen sehr hart arbeiten, was ihre Körper gebeugt und ihre Stimmen brüchig gemacht hat.

Welche Periode hat Ihnen beim Dreh am besten gefallen?

Für mich als Schauspieler war es das Größte, mit all diesen ausländischen Kollegen zu drehen, die ich nicht kannte. In Russland oder in Spanien sind sie ganz große Nummern. Es war sehr interessant, ihnen bei der Arbeit zuzusehen. Vor dem Typen, der Stalin gespielt hat, hatte ich wirklich Angst. Er schien mir gefährlich zu sein. Wir haben ein paar Stunden zusammengesessen und uns unterhalten. Er hat Russisch gesprochen und ich Schwedisch, gemixt mit ein paar Brocken Englisch. Aber irgendwie haben wir uns verstanden. Diese Begegnungen haben mir viel Freude gemacht. In Ungarn fanden sie es schön, mal eine kleine Produktion zu haben, bei der man sich besser kennenlernen kann. Kleine Produktion? Für uns war es ein Riesenbudget! Aber sie sind dort „Stirb Langsam 4“ und Co. gewöhnt.

Hat es Sie beunruhigt, dass Ihre Filmfigur besessen davon ist, Dinge in die Luft zu jagen?

Nein, weil es mich zumindest in jüngeren Jahren ebenso fasziniert hat. Die Szene, in der Allan als Kind die Matrjoschkas sprengt, könnte auch aus meinem Leben stammen.

 

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