GNTM-KOLUMNE

Ist das Haute Couture oder kann das weg?

In der sechsten Folge von Germany's Next Topmodel suchten die Kandidatinnen den Sinn hinter einem bunten Tuch. Und Heidi Klum gab Punkte für Charakterstärke.
Christine Gerhard Christine Gerhard
Jasmin und Melissa trainieren Haute Couture.
Jasmin und Melissa trainieren Haute Couture. Screenshot
Ein Barbietraum aus Tüll.
Ein Barbietraum aus Tüll. Screenshot
Aller Abschied ist schwer, mancher weniger, mancher mehr.
Aller Abschied ist schwer, mancher weniger, mancher mehr. Screenshot
Los Angeles.

Wenn einem gar nichts mehr einfällt, lässt man einfach die Kandidatinnen ihre Klamotten selbst designen. Die sechste Folge von Germany's Next Topmodel beginnt also mit einer wilden neuartigen Version von Batikparty, bei der sich die Mädchen künstlerisch ausleben können und bei der sich nebenbei herausstellt, warum sie eine Karriere auf der Konsumentenseite der Modeindustrie anstreben.

Seit Folge eins hat sich der Bestand in der Modelarena ziemlich gelichtet. So treten endlich auch die ewigen Statisten aus dem Hintergrund hervor und bekommen Namen (Julia) und Gesichter. Es ist ein bisschen wie bei den Abiklausuren zu merken, mit wem man die letzten neun Jahre eigentlich zur Schule gegangen ist.

Beim Casting in den selbstgemachten Unikaten blitzt dann auch endlich wieder die lange vernachlässigte Zahnlücke auf. Noch vor ein paar Staffeln war die ja ein begehrtes Accessoire bei Heidis Modelanwärterinnen, mittlerweile scheint sie jedoch wieder out geworden zu sein, nur Typen in Castingteams tragen heute noch Lücke zwischen den Schneidezähnen. Insgesamt haben die Kandidatinnen dieser Staffel plötzlich wieder unterdurchschnittlich wenige schicke (oder von Heidi als schick deklarierte) Schönheitsmakel wie schiefe Beine, Balkenaugenbrauen oder eben Zahnlücken. Offenbar geht der Trend wieder zum klassischen Perfektionismus der GNTM-Anfänge. Und zur Zickerei, deren Zentrum weiterhin Jasmin ist.

Charakter oder soziale Inkompetenz?

Heidi nennt das, was sie hat, „Charakter”, die anderen Mädchen halten es wohl eher für soziale Inkompetenz. Doch zumindest reicht Jasmins unfehlbares Talent, im falschen Augenglick das Falsche zu tun als Freifahrtschein in die nächste Runde. Alle anderen sind auf Heidis kryptische Tipps angewiesen, die im Schleier grammatikalisch fraglicher bis poetischer Konstruktionen daherkommen: „Immer keinen Kopf machen!”

Weil die Mädchen ihre kreativen Kapazitäten schon beim Casting ausgeschöpft haben, muss für das Fotoshooting als Blickfang ein buntes Tuch herhalten, das wahrscheinlich aus den Resten der letzten „Kleidungs„produktion zusammengenäht worden ist. In der guten alten Wüste stehend (der Lieblingskulisse für alle Anlässe) scheinen auch die Mädchen nicht so recht zu wissen, was sie mit diesem doch eher willkürlichen Requisit anfangen sollen. Jasmin und Melissa gehen die Aufgabe wie eine Gruppenarbeit in der Schule an und diskutieren erst mal ausgiebig, wer was macht, während sie eigentlich schon vor der Tafel, beziehungsweise vor der Kamera, stehen.

Bei anderen sieht es aus, als würden sie zur Fußball-WM die Flagge irgendeines lustigen Fantasielandes schwenken, in dem man gerne mal Staatsbürger wäre. Oder ein überdimensioniertes Strandtuch ausschütteln. Oder ein Bettlaken zusammenlegen. Dass man dafür an entgegengesetzten Enden stehen muss, verrät ihnen der Fotograf nicht. Aber sie sind ja auch in der Sendung, um zu lernen. Spätestens zum Staffelfinale wissen bestimmt alle, wie man Bettlaken zusammenlegt, in der Modelvilla gibt es vermutlich keinen Zimmerservice.

Entgegen der Anatomie

Jedenfalls lässt das Shooting den Zuschauer ratlos zurück: Was sollen mir diese Bilder sagen sagen? Na gut, das mit dem Tuch ist irgendwie schief gelaufen, dachte sich das Creativity-Team wohl bei der letzten Feedbackrunde vor dem Brainstorming zum Entscheidungswalk. Wenn gar nichts mehr geht, geht immer noch Haute Couture (auch um als Kompensation des Anglizismengeschwaders aus dem vorangehenden Satz hier mal ein bisschen Französisch einzustreuen). Da ist man auf der sicheren Seite.

Haute Couture ist das, wo die Models merkwürdig mit den Armen wedeln, als wollten sie abheben und es sich dann auf halber Strecke doch anders überlegen. Bei Haute-Couture-Modenschauen muss man sich am Ende des Laufstegs weiter zurückbeugen, als von der Wirbelsäule anatomisch vorgesehen ist. Dazu läuft man besonders elegant, ein Horror für Jasmin, wenn sie nicht ohnehin die Freikarte wegen des von ihr so hübsch angestifteten Unfriedens hätte.

Damit auch den letzten auffällt, dass sie nicht laufen kann, wird alles mit der entsprechenden Musik unterlegt. Weiter kommt sie wie gesagt dennoch, obwohl inzwischen auch Simone in der aufgeheizten Stimmung für Unmut sorgt, weil sie den anderen einfach nicht krank genug ist. In ärztliche Behandlung darf man sich höchstens dann begeben, wenn einem wegen Haute Couture die Wirbelsäule durchgebrochen ist, so der Konsens.

Pinke Gelnägel, unbequeme Jeans, Thilo Sarrazin – es gibt Dinge, die lassen sich mit einem (wenn auch abgeschlossenen) Studium der Geisteswissenschaften nur schwer vereinbaren. Alle Jahre wieder der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel entgegenzufiebern, gehört mit Sicherheit dazu. Da braucht es schon gute Vorwände: Ironische Distanz vielleicht, oder eine Kolumne. Ab jetzt schreibt unsere Autorin Christine Gerhard regelmäßig über die Show. Hier geht es zu allen Beiträgen.

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Kommentare (1)

Die Welt der Mode war mal Zauberhaft.... jetzt kann ich nur noch sagen, OMG! http://bit.ly/omg4dog