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Istanbul-Roman mit wärmender Wirkung

Orhan Pamuk - Diese Fremdheit in mir
Orhan Pamuk - Diese Fremdheit in mir
Hanser Verlag

Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk erzählt in seinem Roman „Diese Fremdheit in mir“ das Leben eines Straßenverkäufers – und zugleich die neuere Geschichte seiner Geburts- und Lieblingsstadt.

„Die Liebe kommt dann schon.“ – Dass die arrangierte Ehe in der Türkei bis in die Moderne als Art von „Klärung des Beziehungsstatus“ überlebt hat, ist uns Mitteleuropäern bekannt und nicht geheuer. Wie der Umgang mit der rabiaten Tradition – und ihr Umgehen! – funktionieren, gehört zu dem vielfältig Fernen, das Nobelpreisträger Orhan Pamuk (63) im Roman „Diese Fremdheit in mir“ über sein Land, speziell Istanbul, unterhaltsam zu erzählen weiß. Alles andere als eine Hommage ist diese wendungsreiche Geschichte einer verästelten Familie im vergangenen Halb-Jahrhundert, doch spürbar eine Herzensangelegenheit.

Oben zitierte Tochter tröstet sich nach ihrem schnöden Verkauf mit zweifelhaftem Pragmatismus: Es sei leichter, einen „zugewiesenen“ Mann zu heiraten, denn wenn man so einen Kerl vorher kennenlerne, werde „es erst recht schwer, ihn zu lieben“. Ihre Unterdrückung wird sie zur gewieften Taktikerin machen.

Hält sich mit allerlei Jobs über Wasser

Hauptfigur Mevlut setzt auf die einverständige Entführung einer Schönheit aus seinem anatolischen Heimatdorf nach Istanbul, wo er sich – wie schon sein Vater – als Straßenverkäufer mit Ach und Krach durchbringt. Diesem laut Hörensagen anmutigen Wesen hat er bei der Hochzeit eines Cousins nur einmal kurz in die kopftuchumrahmten Glutaugen geschaut und danach drei Jahre lang blumige Liebesbriefe geschrieben. Nacht und Nebel und Hinterlist führen freilich dazu, dass sich die Falsche von Mevlut rauben lässt, eine halbschöne, ältere Schwester der Glutäugigen. Kann da dennoch Liebe werden?

Mevlut ist ein grundguter Typ, fast naiv, der mit dem Glück des Ahnungslosen sich und die Seinen als Eis- und Reis-Händler, Parkplatzwächter und Stromableser über Wasser hält. Eine Lebensaufgabe sieht er im Verkauf des selbstproduzierten Nationalgetränks Boza. Mit seinen Kannen und klageliedhaften „Boooza“-Rufen läuft er zunehmend als Relikt durch die Jahrzehnte eines Istanbul, dessen Randhügel ab den 1950ern planlos mit Hütten von Zuwanderern zugepflastert werden und das sich um die Jahrtausendwende endgültig zum Stahlbeton-Dschungel mit einigen bewahrten Touri-Highlights wandelt.

Roman macht Lust auf Reisen

Militärputsch, Kurden-Konflikt, Mafia-Treiben, die verzwickte Sache mit den Religionen, der Fernseher als Wohnzimmer-Altar – Mevlut ist unbeirrt mit seinem Boza unterwegs. Das Kopftuch sitzt den Frauen verdächtig locker, Männerstolz ist in Gefahr, Familie wächst bis zum Horizont – wenn Mevlut abends Boza feilbietet, drücken die Sorgen erträglicher. Der Boza-Glaube ist ihm nicht auszutreiben.

Erstaunlich, wie Orhan Pamuk seine Leser mit einem Helden bei der Stange zu halten vermag, der nicht einmal zu einem Simpel taugt. Der Roman steuert auf keinen gravierenden Höhepunkt zu, er hat die Aufs und Abs im Leben der kleinen Leute zum Inhalt. Liebe, Zorn, Niedertracht, Trauer. Bisweilen schwermütig, bisweilen augenzwinkernd, keine kalte Bosheit. Dass der Romancier nicht wider den Stachel löckt, sondern einen eher melancholisch-milden Ton anschlägt, darf ihm vorgeworfen werden. Andererseits: Warum zynischen Zeiten mit Zynismus begegnen? Pamuks komplexes Werk wirkt wärmend. Fraglos eine Seltenheit in der gegenwärtigen Hochliteratur. Der Autor erweist sich als Meister im Aufrufen kurzer Szenen, clever setzt er die Stimmen der Mevlut-Vertrauten ein. Stilelemente einer TV-Serie mit Sog-Effekt.

Pamuk verquickt die Familien-Story mit der neueren Geschichte seiner Geburts- und Lieblingsstadt, bringt überaus kundig und detailliert Struktur in ein Istanbul, das dem Fremden zunächst einmal als wucherndes Durcheinander vorkommt. Was Lust macht, auf Reisen zu gehen – und in der Bosporus-Metropole einmal laut „Boooza!“ zu brüllen.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir. Hanser Verlag München, 2016. 592 Seiten. 26 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 25058 – 1.

 

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir.
Hanser Verlag München, 2016.
592 Seiten.
26 Euro.
ISBN 978 – 3 – 446 – 25058 – 1.