DIE MACHT DES BÖSEN

Joseph Roths "Beichte eines Mörders" mit neuen Illustrationen

Joseph Roths Roman „Beichte eines Mörders” ist eine faszinierende Story über einen Widerling. In der Neuausgabe forcieren Illustrationen noch Turbulenz und Dramatik der Geschichte.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Joseph Roth: Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht. Mit Illustrationen von Klaus Waschk. Faber & Faber Verlag, Leipzig
Joseph Roth: Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht. Mit Illustrationen von Klaus Waschk. Faber & Faber Verlag, Leipzig Faber & Faber
Neubrandenburg.

„Warum ist unser Mörder heute so finster?“, fragen sich – mäßig amüsiert – einige Stammgäste im „Tari-Bari“. In der Pariser Spelunke, übel verqualmt, treffen sich in den 1930ern gern Emigranten, meist schwermütige Russen, Flüchtlinge aus den „Vereinigten Sowjetstaaten“, um von den alten Zaren-Zeiten zu schwadronieren und schädlichen Schnaps zu vernichten. Mörder!

Das ist das Stichwort für einen der abgehalfterten Männer: Als einen solchen hat sich Semjon Golubtschik lange angesehen. Die Säufer verschwinden allmählich, und als nur noch ein kleiner Kreis übrig ist, beginnt die „Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht“.

So betitelt ist der Roman des österreichischen Autors Joseph Roth (1894-1939), worin Golubtschik seine Geschichte zum Besten gibt. Eine ebenso unheilvoll sarkastische wie rastlos abenteuerliche Angelegenheit – und ein Beispiel für das dramaturgische Geschick, die Klarheit in Sprache und Sicht von Roth. Ein glänzender Figurenerfinder.

Besondere Eignung zum Schurken

Negativ-Held Golubtschik erfuhr früh, dass nicht ein Förster, sondern ein Fürst sein Vater ist. Weshalb er meinte, für Höheres bestimmt zu sein und umstandslos am adligen Wohlstand teilhaben zu dürfen. Über sich lernte er, dass er „von Geburt und Natur“ eine Eignung zum Schurken und also Spitzel besaß, entsprechend fiel die Berufswahl aus. Seine Agenten-Tätigkeit führte ihn vor dem „Unheil der Revolution“ bis nach Paris, wo er die „sogenannten subversiven Elemente Russlands“ belauschte und skrupellos Schicksal spielte.

Hübsche junge Frauen in Schrecken zu versetzen, hielt er für „die besondere Art der polizeilichen Erotik“. Die eigene Vernarrtheit in ein treuloses Mannequin mündete in einem Desaster von dostojewskischer Güte – blutig und mit der Erkenntnis: „Einer häßlichen Frau glauben wir selten die Wahrheit, einer hübschen alles, was sie erfindet.“ Wie weinerlich und mit welch einer Selbstverachtung Golubtschik Bericht erstattet, steigert noch dessen Widerlichkeit.

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Schwer dem Alkohol verfallen

Schriftsteller Joseph Roth, Sohn eines jüdischen Händlers und durch die Romane „Hiob“ und „Radetzkymarsch“ weltbekannt, war ob der wachsenden Macht des deutschen Faschismus selbst im französischen Exil. Wenngleich schwer dem Alkohol verfallen, schrieb er, oft im Bistro, faszinierende Romane. Sie handeln von Niedertracht, Verderbnis, Verrat, Entsolidarisierung, der Macht des Bösen, dem Abschied von jedwedem moralischen Vorbehalt – und haben nichts an ihrer Gültigkeit eingebüßt, gerade im politisch aufgeladenen Klima der Jetzt-Zeit.

In der nun erschienenen „Beichte“-Neuausgabe forcieren 50 Illustrationen von Klaus Waschk noch Turbulenz und Dramatik des Kurzromans. Die düsteren, schrofflinigen, vorwiegend mit Kohlestift geschaffenen Zeichnungen entsprechen vollkommen dem fatalistisch-beklemmenden Charakter der Roth-Story. Sie sind mehr als eine Ergänzung. Das Buch lässt sich nach der Lektüre nicht mehr ohne Waschks Arbeiten denken.

Joseph Roth: Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht.
Mit Illustrationen von Klaus Waschk.
Faber & Faber Verlag, Leipzig.
160 Seiten.
36 Euro.
ISBN 978–3–86730–151–0.

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