INTERVIEW

Junge Musiker reißen Hürden auf dem Weg in den Konzertsaal ein

Das gab‘s noch nie! Im Herbst startet ein komplettes Orchester eine mehrmonatige Konzertreise durch den Nordosten. Was steckt dahinter? Ein Interview zu „Stadt. Land. Klassik!“
Dieses Orchester sorgt für richtig gute Laune. Unter der Leitung von Andreas Schulz tourt die Neue Philharmonie MV ab Herbst Mecklenburg-Vorpommern (Archivbild).
Dieses Orchester sorgt für richtig gute Laune. Unter der Leitung von Andreas Schulz tourt die Neue Philharmonie MV ab Herbst Mecklenburg-Vorpommern (Archivbild). Anne-Marie Maaß
Waren.

Mit Andreas Schulz von der Neuen Philharmonie MV und Lutz Schumacher vom Nordkurier sprachen Frank Wilhelm und Sirko Salka.

Weitere Informationen zu „Stadt. Land. Klassik!“ finden Sie hier.

Nach drei Jahren Nordkurier Sinfoniker in der Neubrandenburger Konzertkirche wollen Sie jetzt mit der Neuen Philharmonie MV auch in Kleinstädten wie Demmin, Eggesin, Teterow und Malchow auftreten (komplettes Programm siehe Infokasten ganz unten). Das klingt schon etwas verrückt.

Schumacher: Wenn Sie das schon so nennen, muss man sagen: Auch Mozart war ein Verrückter. Er war der Freddy Mercury seiner Zeit. Das Besondere an den Komponisten der damaligen Zeit, an diesen künstlerischen Genies war, dass sie Freaks waren und immer auch ein wenig am Rande des Mainstreams standen. Es gab aber Ausnahmen: Haydn war eher ein biederer Typ mit einem, ich sage mal, normalen Lebenswandel.

Schulz: Wir wollen raus aus Zentren der klassischen Musik wie Berlin oder Neubrandenburg. Es ist schade, dass es in Kleinstädten kaum noch Angebote für klassische Musik gibt. Wir wollen diese Räume wieder zurückerobern.

Was macht Sie so sicher, dass die Menschen Ihr Angebot auch annehmen?

Schulz: Im vergangenen Jahr waren wir nach den beiden Neubrandenburger Konzerten auch in Anklam. Das Konzert war sehr schnell ausverkauft, wir mussten noch zusätzliche Stühle in die Kirche stellen.

Mit der Zauberflöte haben Sie einen Klassik-Hit gewählt. Warum?

Schulz: Wir haben versucht, ein Werk zu finden, das gleichermaßen für Kinder und Erwachsene geeignet ist. In der Zauberflöte vereint sich einiges: Wir haben viele rein sinfonische Passagen aber auch viele Opernelemente, die wir mit drei Solisten darstellen wollen. Das ist eine wunderbar bunte Mischung fürs Publikum.

Welche Partien der Oper werden die Sänger darstellen?

Schulz: Yeni Lee wird die Pamina singen, der Tenor Christoph Pfaller den Tamino und Juan P. Villanueva interpretiert Papageno.

Wodurch unterscheiden sich die Konzerte für Kinder und Erwachsene?

Schulz: Musikalisch bleiben die Stücke weitgehend gleich. Möglicherweise fallen die Stücke für Erwachsene etwas länger aus.

Schumacher: Der Unterschied liegt in der Moderation, in der Ansprache an die Kinder und Erwachsenen. Juri Tetzlaff wird, wie schon in den vergangenen Jahren bei den Nordkurier Sinfonikern, einen Großteil der Konzerte moderieren. Es ist klasse, wie er die Kinder anspricht. Generell soll jedes Konzert in der Reihe „Stadt. Land. Klassik!“ moderiert werden.

Sie sind die Köpfe der Nordkurier-Sinfoniker und der neuen Konzertreihe „Stadt. Land. Klassik!“ Wie kann man sich das vorstellen, wie entsteht ein Programm? Treffen Sie sich abends auf einen Rotwein. Und so bei 2,8 Promille stehen dann die Stücke?

(Beide lachen.)

Schumacher: Im Grundsatz ist das genau so gelaufen. Wir werfen uns lustigerweise wirklich die Bälle zu.

Schulz: Bei der Auswahl überlegen wir, welche Stücke sind für das Orchester gut zu spielen? Was können wir gut umsetzen? Herr Schumacher kennt die Leute vor Ort und weiß deshalb genau, was gut ankommt.

Das Land will die Konzertreihe „Stadt. Land. Klassik!“ aus dem Haushalt finanziell unterstützen, Stichwort Kultur im ländlichen Raum. Hilft das?

Schumacher: Natürlich. Ich bin dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Tanzkompanie und dem Landesvorsitzenden der CDU, Vincent Kokert persönlich dankbar, weil er sich für dieses Projekt so eingesetzt hat und sofort von unserer Idee begeistert war, mit einer auf vier Jahre geplanten Konzertreihe durch kleinere Städte in Mecklenburg-Vorpommern zu ziehen. Den Ausschlag dafür gab zum einen die Zusammenarbeit zwischen Orchester und Tanzkompanie. Zum anderen sollen damit verstärkt junge Musiker aus MV unterstützt werden.

Schulz: Durch diese Förderung sind überhaupt erst solche sehr moderaten Eintrittspreise von 20 Euro für Erwachsene und sieben Euro für Kinder möglich. Ich hoffe, dass wir damit auch Hürden auf dem Weg in den Konzertsaal einreißen.

Wie meinen Sie das konkret?

Schulz: Manche Menschen meinen noch, dass sie in Ehrfurcht erstarren müssen, wenn es um Klassik geht. Wir wollen, dass die klassische Musik kein elitäres Angebot für ein bestimmtes Publikum ist. Jedem Interessierten soll der Zugang ermöglicht werden.

Wie fielen die Reaktionen in den Städten aus, als Sie das Angebot von „Stadt. Land. Klassik!“ Vorgestellt haben?

Schumacher: Anfangs stießen wir ab und an auf Ungläubigkeit. Danach standen uns dann aber die Türen in fast allen Rathäusern extrem weit offen. Gemeinsam fanden wir schnell geeignete Veranstaltungsorte. Die Gespräche mit den Stadtverwaltungen und den Kulturverantwortlichen verliefen alle erfrischend einfach.

Schulz: Ich erinnere mich an die Pastorin von Eggesin, die sofort meinte, dass wir in ihre Kirche kommen müssen. In Dargun hat sich bereits die gesamte Grundschule für das Kinderkonzert angemeldet. Das ist einfach toll!

Kirchen, Kulturhäuser und Konzertsäle – die Räume, in denen Sie spielen, fallen sehr unterschiedlich aus. Wie stellen Sie sich als Dirigent darauf ein?

Schulz: Das wird in der Tat jedes Mal eine spannende Angelegenheit, in einen neuen Raum zu kommen. Wie die Akustik ausfallen wird, werden wir erst am Konzerttag feststellen. Wichtig sind für uns deshalb die jeweiligen Anspielproben. Wobei die Akustik in einem Raum mit Publikum dann auch noch mal eine andere ist, als wenn die Stuhlreihen leer sind.

Die Resonanz zeigt, dass es ein Bedürfnis nach Klassik gibt. Wo sehen Sie die Ursachen?

Schulz: Das verbindende Element ist das besondere Klangerlebnis eines klassischen Live-Konzerts, das man selbst bei guten Aufnahmen so nicht hinbekommt. Sogar mit einem Computer kann man diese Musik, die von puren Emotionen lebt, nicht annähernd so gut produzieren. Musik zu erklären, ist schier unmöglich. Die Emotionalität fällt bei jedem Zuhörer anders aus. Ich für mich finde, dass klassische Musik aus der Unendlichkeit kommt und uns dort auch wieder ein stückweit hineinhebt.

Die Konzerte im Überblick (nach Datum sortiert)

Pasewalk
Sonntag 14.10.2018, Historisches U, Beginn: 16 Uhr
Ausschnitte aus W. A. Mozart „Die Zauberflöte“ und P. Tschaikowsky „Schwanensee“

Demmin
Montag 15.10.2018, beermann arena, Beginn: 10 Uhr
Klassisches Kinderkonzert: Ausschnitte aus W. A. Mozart „Die Zauberflöte“

Neustrelitz
Montag 15.10.2018, Carolinum, Beginn 19 Uhr
Ausschnitte aus A. Mozart „Die Zauberflöte“ und P. Tschaikowsky „Schwanensee“

Waren
Dienstag 16.10.2018, Bürgersaal, Beginn: 10 Uhr
Klassisches Kinderkonzert: Ausschnitte aus W. A. Mozart „Die Zauberflöte“

Dienstag 16.10.2018, Bürgersaal, Beginn 19 Uhr
W. A. Mozart „Ouvertüre zur Zauberflöte“, P. Tschaikowsky „Schwanensee“ und L. v. Beethoven, „2. Klavierkonzert“; Dirigenten: Lutz Schumacher und Andreas Schulz; Klavier: Andreas Schulz)

Dargun
Mittwoch 17.10.2018, Klosterruine, Beginn: 10 Uhr
Klassisches Kinderkonzert: Ausschnitte aus W. A. Mozart „Die Zauberflöte“

Teterow
Mittwoch 17.10.2018, Kulturhaus, Beginn 19 Uhr
Ausschnitte aus W. A. Mozart „Zauberflöte“ und P. Tschaikowsky „Schwanensee“

Anklam
Freitag 19.10.2018, Nikolaikirche, Beginn: 10 Uhr
Klassisches Kinderkonzert: Ausschnitte aus W. A. Mozart „Die Zauberflöte“

Freitag 19.10.2018, Nikolaikirche, Beginn 19 Uhr
Ausschnitte aus A. Mozart „Die Zauberflöte“ und P. Tschaikowsky „Schwanensee“

Ueckermünde
Montag 26.11.2018, Volksbühne, Beginn 19 Uhr
L. v. Beethoven „Egmont-Ouvertüre“, K. M. v. Weber „Klarinettenkonzert Nr. 2 in Es-Dur“, J. Haydn „Sinfonie Nr. 94“

Neustrelitz
Dienstag 27.11.2018, Carolinum, Beginn 19 Uhr
L. v. Beethoven „Egmont-Ouvertüre“, K. M. v. Weber „Klarinettenkonzert Nr. 2 in Es-Dur“, J. Haydn „Sinfonie Nr. 94“

Teterow
Mittwoch 28.11.2018, Kulturhaus, Beginn 19 Uhr
L. v. Beethoven „Egmont-Ouvertüre“, K. M. v. Weber „Klarinettenkonzert Nr. 2 in Es-Dur“, J. Haydn „Sinfonie Nr. 94“

Anklam
Donnerstag 29.11.2018, Nikolaikirche, Beginn 19 Uhr
L. v. Beethoven „Egmont-Ouvertüre“, K. M. v. Weber „Klarinettenkonzert Nr. 2 in Es-Dur“, J. Haydn „Sinfonie Nr. 94“

Malchow
Freitag 30.11.2018, Werleburg, Beginn 19 Uhr
L. v. Beethoven „Egmont-Ouvertüre“, K. M. v. Weber „Klarinettenkonzert Nr. 2 in Es-Dur“, J. Haydn „Sinfonie Nr. 94“

Pasewalk
Sonntag 02.12.2018, Historisches U, Beginn 16 Uhr
Klassisches Konzert und Tanz für Pasewalk: R. Schtschedrin „Carmen-Suite“ und J. Haydn „Sinfonie Nr. 94“
Gast: Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz

Karten gibt es in den Stadt- bzw. Touristinformationen von Pasewalk, Waren, Teterow, Anklam und Demmin, im Medienhaus des Nordkurier in Neubrandenburg sowie telefonisch unter 08004575033.

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