DDR-Klischees nach der Bundestagswahl

Kaum läuft was schief, sind die dumm-naiven Ossis schuld

Hat der ostdeutsche Mann im Alleingang den Wahlsieg der AfD zu verantworten? Nein! Unsere Kollegin Sophia Brandt (24) hat keine Lust mehr, in Ossi-Klischees gedrängt zu werden.
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Dieser Mann ist so wütend, weil er nicht gebildet ist, keine Frau findet und keine Arbeit hat. So geht das gängige Klischee über den ostdeutschen Wutbürger. Was für ein Unfug!
Dieser Mann ist so wütend, weil er nicht gebildet ist, keine Frau findet und keine Arbeit hat. So geht das gängige Klischee über den ostdeutschen Wutbürger. Was für ein Unfug! Ralf Hirschberger
Neubrandenburg

„Die Wahrheit über den ostdeutschen Mann”: So prangt es drei Tage nach der Wahl in großen Lettern von den Titelseiten der großen deutschen Zeitungen. Die Wahrheit wollen sie uns erzählen, über uns Ostdeutsche, deren Männer zu mehr als einem Viertel AfD gewählt haben. Und diese Wahrheit lautet: Ostdeutsche Männer sind frustriert, weil sie keine Frau mehr kriegen, keinen Job mehr kriegen und Angst davor haben, dass Flüchtlinge ihnen das letzte Hemd nehmen. Deswegen sind sie wütend. Und deswegen wählen sie rechts.

Es klingt schon alles ziemlich einfältig, wenn man es so in einfachen Worten aufschreibt. Und das Traurige ist: Diese stereotypen Beschreibungen sind nicht neu. Westdeutschland zeigt schon immer mit dem Finger auf uns, auf die – im doppelten Sinne des Wortes – Zurückgebliebenen. Auf die Ossis, die nicht schlau oder gebildet genug waren, in den Westen abzuhauen. Auf die Ossis, die keine Arbeit finden. Auf die Ossis, die noch Demokratiedefizite haben, die noch nicht erleuchtet sind – die Bewohner Dunkeldeutschlands halt. Das ist die Wahrheit, so lassen es uns die (ja: westdeutschen) Medien wissen. Der ostdeutsche Mann, das strunzdumme, einfältige Wesen.

Natürlich gibt es den ostdeutschen Frust

Ja, natürlich gibt es den ostdeutschen Frust und natürlich spielen wirtschaftliche Faktoren eine Rolle: Löhne und Renten sind niedriger als im Westen, wir erben weniger, haben weniger internationale Unternehmen, weniger kulturelle Möglichkeiten. Unsere Heimat ist nach dem Ende der DDR, nach der Wende zusammengebrochen und wurde durch die Treuhand zumeist an westdeutsche Unternehmer für 'n Appel und'n Ei verhökert und wir haben einen hohen Preis dafür bezahlt. Heute sind 80 Prozent der Menschen in den oberen drei Führungsetagen der ostdeutschen Unternehmen Westdeutsche. Es kann doch niemand erwarten, dass uns das völlig kalt lässt.

Aber das ist – aus unserer Sicht – gar nicht mal das Problem. Mit all dem könnten wir leben. Wenn wir nicht ständig abgewertet würden. Denn in Wahrheit ist Eure „Wahrheit” über den ostdeutschen Mann eine Abwertung, die nichts anderes soll, als in zoologischer Genauigkeit aufzuzeigen, was schief läuft mit uns dumm-naiven Ossis, denen wieder einmal der Westen zeigen muss, wie sie zu leben, denken, fühlen und zu wählen haben.

Und diese Abwertung, die sich manchmal in Überheblichkeit, manchmal in Herablassung, immer aber in einseitigen Sichtweisen ausdrückt, kommt auch fast 30 Jahre nach der Wende oft zum Vorschein. Als ich einen Freund in Dortmund besuchte, kommentierte ich am Küchentisch die schlechten Straßen in Nordrhein-Westfalen. „Der Osten hat ja das ganze Geld”, fauchte mich die Mutter des Freundes an. „Deswegen haben wir hier nichts mehr für unsere Straßen!” Ich habe es ihr nachgesehen. Denn offensichtlich ist sie noch nie mit dem Auto durch Vorpommern gefahren.

Die Ruhrpott-Männer laufen nie in der Tagesschau

Dass wir uns hier zurückgelassen und von der Außenwelt teilweise abgeschnitten und abgestempelt fühlen, hat auch mit dieser ständigen Abwertung zu tun. Doch auch ländliche Regionen in Süddeutschland sind unmodern, auch der Ruhrpott leidet an hoher Arbeitslosigkeit und Wut und Ängsten vor sozialem Abstieg. Doch wenn dort, wie zum Beispiel in Gelsenkirchen, die AfD 17 Prozent holt und drittstärkste Kraft wird, ist das keine Sondersendung nach der Tagesschau wert – und auch keine gesammelten Weisheiten über die „Wahrheit über Ruhrpott-Männer”.

Die Erklärer im Westen haben sich offenbar einer moralischen Selbstreinigung unterzogen. Sie verbieten sich jede Art von politischer Unkorrektheit. Nur über uns Ossis darf man sich nach wie vor politisch unkorrekt erheben. So wie bei der Mutter meines Bekannten in Dortmund: Sie hätte so etwas nie über Polen oder die Türkei gesagt, dazu hat sie einfach zu viel Selbstdisziplin. Aber so etwas über den Osten zu sagen, ist scheinbar okay. Und das nervt irgendwann. Und zwar ganz gewaltig.

Doch die Welt befindet sich im Wandel. Viele Wessis in meinem Freundeskreis bereuen es, dass sie nicht im Osten aufgewachsen sind. Echt jetzt! Die Abneigung, die von den Elterngenerationen geschürt wurde, ebbt langsam aber sicher ab. Einen echten Ost-West-Unterschied gibt es zwar noch auf dem Papier – aktuell eben auf den Wahlzetteln –, aber die nächsten Altersklassen sind damit nicht mehr aufgewachsen. Für viele in meinem Alter ist das Schuldzuweisen auf den Osten unverständlich oder gar lächerlich, denn wir sehen uns als ein vereintes Deutschland und da tragen wir alle gemeinsam die Verantwortung. Wir sind schon lange keine Jammer-Ossis mehr. Und wir werden uns auch nicht länger von Euren Jammer-Studien beeindrucken lassen.

Über die Autorin: Sophia Brandt, 24 Jahre alt, macht beim Nordkurier eine Ausbildung zur Journalistin. Sie wurde in Anklam geboren und wuchs auf einem Bauernhof bei Blesewitz auf. Sie ging in Spantekow zur Schule und besuchte anschließend das Lilienthal-Gymnasium in Anklam. Nach ihrem Studium in Jena zog sie nach Neubrandenburg.

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