LITERATUR

"Kleider machen Leute" wiederentdeckt

Die Neuausgabe der Erzählung „Kleider machen Leute“ von Meister-Novellist Gottfried Keller ergibt Sinn – eine immergültige Eulenspiegelei. Neue Illustrationen sorgen für einen Augenschmaus.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Gottfried Keller: Kleider machen Leute. Insel Verlag, Berlin 2019.
Gottfried Keller: Kleider machen Leute. Insel Verlag, Berlin 2019.
Neubrandenburg.

Auf Jobsuche. Ein paar Schneeflocken gefrühstückt, in der Tasche nix als einen Fingerhut. Doch ein „edles und romantisches Aussehen“ reicht schon, dass der bettelarme Schneidergeselle Wenzel Strapinski – zumal in einer hochherrschaftlichen Kutsche trampend – bei seiner Ankunft in Goldach einem jeden die Augen verblitzt. Das kann nur ein polnischer Graf sein! Pure Verblendung. Wenzel wird von den biederen, nach dem Glanz der großen Welt dürstenden Kleinstädtern nachgerade zum Hochstapeln gedrängt und kommt einfach nicht heraus aus der Lügen-Nummer.

Die Erzählung „Kleider machen Leute“ vom Schweizer Dichter Gottfried Keller (1819-1890) aus der Sammlung „Die Leute von Seldwyla“ gilt als Geniestreich in der deutschsprachigen Literatur. Eine meisterliche und immergültige Eulenspiegelei: Mit Schein statt Sein zu punkten ist auch gut 140 Jahre nach Erscheinen der Falscher-Graf-Story ein Erfolgsrezept. Bedenklich ungebrochen ist das Bedürfnis, sich einem Götzen anzuwanzen. Marken-, Image-, Prestige-Denken spielen ihre Rollen.

Collagen mit magischer Wirkung

Ergo: Die Neuausgabe dieses Klassikers in der Insel Bücherei ergibt Sinn. Die wundersamen Illustrationen von Ulrike Möltgen würzen und interpretieren den Text von einer anderen Seite. Nach dem Motto „Leute machen Kleider“ verbindet sie farbfreudige, mit verschiedenen Techniken kreierte Figur-Zeichnungen mit Elementen aus dem Schneider-Handwerk. Schnittmuster, Nähschablone, Heftung, Nadel, Faden. Der Mix schafft Magie. Das kleine Buch wird zum Augenschmaus.

Selbstredend lässt Gottfried Keller seinen Wenzel auffliegen, ihn aber – bei allem Du-Du-Fingern – nicht untergehen. Der, eigentlich eine ehrliche Haut, kriegt dennoch das Amtsratstöchterchen zur Frau. Und das Nettchen hilft ihm, mit ihrem Vermögen ein Schneider-Atelier aufzubauen. Wohlstand und Ansehen à la Keller. Dessen Geburtstag jährt sich am 19. Juli zum 200. Mal. Wer Lese-Anlässe dieser Art benötigt: Der alte Novellen-Spezialist hat eine Menge mehr ironisch Moralisierendes und Unterhaltsames im Repertoire.

Gottfried Keller: Kleider machen Leute. Illustriert von Ulrike Möltgen. Insel Verlag, Berlin 2019. 80 Seiten, 16 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 20034 – 5.

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