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Kleiner Mann kommt auf der Bühne ganz groß raus

Selbstbewusst und mit einem feinsinnigen Humor ausgestattet: Schauspieler Erwin Bröderbauer ist am Sonntag in Neustrelitz zu erleben.
Selbstbewusst und mit einem feinsinnigen Humor ausgestattet: Schauspieler Erwin Bröderbauer ist am Sonntag in Neustrelitz zu erleben.
Frank Wilhelm

In Anklam und auf der Insel Usedom hat sich Erwin Bröderbauer als Schauspieler längst einen Namen gemacht. Jetzt will er auch das Neustrelitzer Publikum erobern – dieses Mal in einer ganz besonderen Rolle.

Von wegen intolerantes Vorpommern! Erwin Bröderbauer schüttelt mit dem Kopf. Dieses Klischee kann er nur verneinen. Der 42-Jährige muss es wissen. Er misst gerade einmal
1,40 Meter von den Fußsohlen bis zum Scheitel. „Sie können mich ruhig Zwerg nennen. Hauptsache nicht Liliputaner, da bin ich schon in der Schule als Kind wütend geworden“, sagt Bröderbauer, der keinerlei Problem damit hat, offen über das Leben als „Zwerg“ zu sprechen. In Anklam und auf der Insel Usedom begegnet er nach eigenen Worten kaum schiefen Blicken, geschweige denn Anfeindungen ob seiner Maße. „Die Menschen hier nehmen mich für voll.“

Da habe er in seiner Heimatstadt Salzburg schon anderes erleben müssen. „Da gucken die Menschen viel dämlicher, wenn sie mich auf der Straße sehen.“ Manchen Passanten sei gar die Verwunderung anzusehen, wenn Bröderbauer was sagt. „‚Mensch, der kann ja sprechen‘, scheinen die Leute dann zu denken.“ Ein wenig Milde lässt Bröderbauer seinen österreichischen Landsleuten trotz ihrer Intoleranz aber doch zukommen. Wenn er am Salzburger Landestheater angestellt wäre, hätte er wohl auch einen anderen Stand in seiner Heimatstadt.

In diesem Jahr könnte Bröderbauer sein 20-jähriges Bühnenjubiläum an der
Vorpommerschen Landesbühne feiern. 1994 engagierte ihn Anklams Intendant Wolfgang Bordel für die Rolle des Kobolds in der Märcheninszenierung „Schneeweißchen und Rosenrot“ – so richtig klassisch mit langem Bart. Auch um die hohen Fahrtkosten zwischen Salzburg und Anklam zu sparen, habe ihm Bordel einen Jahresvertrag angeboten. Aus diesem sind mittlerweile 20 Spielzeiten geworden.

Für beide Seiten ein Glücksfall, wie auch Bordel betont. Er versteht Bröderbauers zahlreiche Schauspielrollen – angefangen von verschiedenen Märchen bis hin zu den Vineta-Festspielen – als „gelebte Inklusion“. Der Intendant setzt den Kleinwüchsigen auch immer wieder für Rollen ein, die einem Zwerg eher nicht auf den Leib geschnitten sind. Demnächst soll Bröderbauer sogar den Paris in der „Schönen Helena“ spielen. Es passt zu Bordels bekannter Experimentierfreude, dass er den Prinzen als klassischen Liebhaber nicht mit einem Schönling besetzt. „Das kann doch jeder. Wir wollen überraschen.“

Er mag vor allem außergewöhnliche Rollen

Bröderbauer hat nie eine Schauspielschule besucht. Dass er trotzdem in zahlreichen Charakterrollen auftritt, die nicht gerade dem klassischen Zwergen-Repertoire entsprechen, findet er wunderbar. „Gott sei Dank muss ich nicht auf der einen Schiene bleiben.“ In Erinnerung ist ihm beispielsweise seine Rolle als Kurt, einer der „Drei Männer von der Tankstelle“, geblieben, einer Inszenierung aus dem Jahr 2009. Normalerweise erwarte das Publikum da natürlich drei Boygroup-Typen. „Aber es hat auch mit mir wunderbar funktioniert. Ich war selbst überrascht.“

Weniger überrascht war Bröderbauer, als er für die laufende Spielzeit des Landestheaters Neustrelitz als Gestiefelter Kater im gleichnamigen Märchenstück besetzt wurde. Immerhin spielt er bereits zum dritten Mal den cleveren Bartputzer. Das erste Mal schlüpfte er 1995/96 in die Rolle der berühmtesten Katze der Märchenwelt. Seinerzeit gab es sage und schreibe 101 Aufführungen. Die Anklamer tourten durch den gesamten Nordosten, sorgten unter anderem in Güstrow, Teterow und Prora für volle Säle. In der Kater-Rolle kann man sich den 1,40-Meter-Mann, der herrlich mit Mimik und Gestik spielen kann, natürlich sehr gut vorstellen. „Ich sehe den gestiefelten Kater vor allem als großen Blender, der mit einem gewissen Größenwahn durch die Welt geht“, sagt Bröderbauer.

Aber natürlich ist der clevere Kater auch ein gewitztes Kerlchen – er sorgt für den Humor und die Lacher, im Original-Märchen wie auch in der Inszenierung. Die zeugt erneut von der gelebten Kooperation zwischen den Theatern Neustrelitz und Anklam. Wolfgang Bordel führt Regie, neben Bröderbauer kommt auch die Prinzessin aus
Vorpommern: Giulia Weis studiert im dritten Jahr an der Theaterakademie Zinnowitz. Die anderen Akteure kommen aus Neustrelitz.

Erwin Bröderbauers Engagement in Anklam ist übrigens deutschlandweit fast einmalig. Mit Peter Luppa am Berliner Ensemble gebe es nur noch einen fest angestellten kleinwüchsigen Schauspieler an deutschen Theatern, weiß Bröderbauer.

Premiere am Sonntag, 23. November, 15 Uhr. Karten sind noch vorhanden.

Weitere Aufführungen am Wochenende im Landestheater Neustrelitz: 21. und 28.12. jeweils um 15 Uhr.