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KOHLHAAS oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel

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Komiker und Schauspieler Christoph-Maria Herbst vergleicht diese wunderbare Komödie im Presseheft mit „Living in Oblivion“ oder „Lost in La Mancha“. Und damit liegt er goldrichtig.

Es soll ein ganz großes, historisches Epos werden. Immerhin muss man auch einiges bieten, will man Kleists Selbstjustiz-Drama „Michael Kohlhaas“ nach Schlöndorff und Co. noch einmal auf die große Leinwand bringen. Nach dem ersten Drehtag ist Regisseur Lehmann (Robert Gwisdek) aus dem Häuschen. Alles läuft wie am Schnürchen, selbst schwierigste Szenen waren in Nu im Kasten. Dann kommt der schlimmste aller Anrufe. Die Produzenten sind abgesprungen, die Förderung hat sich in Luft aufgelöst und es ist auch sonst kein Geld mehr vorhanden. Die logische Konsequenz wäre, die Zelte abzubrechen und unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu fahren. Aber Lehmann ist eine Kämpfernatur und ein begnadeter Motivator. Es gelingt dem Filmemacher, Darsteller und Crew davon zu überzeugen, den Kohlhaas für lau herunterzukurbeln. Dabei setzt er voll und ganz auf die darstellerischen Fähigkeiten seines Ensembles und auf die Vorstellungskraft seiner Zuschauer. Schließlich haben schon die „Ritter der Kokosnuss“ vorgemacht, dass es nicht zwingend Pferde braucht, um mächtig Eindruck zu schinden.  

Der Bürgermeister des idyllisch gelegenen bayrischen Dorfes Speckbrodi, selbst ein ambitionierter Amateur-Schauspieler, bietet seine Unterstützung an. Geld kann man freilich keines anbieten, wohl aber Unterkunft, Statisten und passable Drehorte. Kohlhaas, der Pferdehändler, muss nicht einmal auf einen reitbaren Untersatz verzichten. „Kühe kann man reiten wie Pferde, in der Schweiz ist das ganz normal.“.

Autor und Regisseur Aron Lehmann lässt das bizarre Geschehen im Stile eines „Making Of“ von einer Handkamera dokumentieren. Schon nach wenigen Minuten zaubert er seinem Publikum ein Schmunzeln aufs Gesicht, das bis zum Ende der Geschichte nicht mehr verschwinden wird. Eine wunderbare Darstellerriege (u.a Jan Messutat, Thorsten Merten, Rosalie Thomass) stellt sich in diesem Film im Film den absurdesten Situationen, ohne selbst an Glaubwürdigkeit einzubüßen – ein wahres Husarenstück angesichts der gewagten Prämisse der Geschichte. Es ist schade, dass der passende, aber gänzlich unkommerzielle Filmtitel „KOHLHAAS oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ jene Zuschauer abschrecken wird, die um das Arthaus-Kino gern einen weiten Bogen schlagen. Die wunderbaren Dialoge aus Lehmanns Feder sind zwar durchaus tiefsinnig, aber auch lebensecht und immer originell. Ein Kabinettstückchen für den Cineasten, aber auch für den Gelegenheitskinogänger, der es nicht mehr in den Hollywoodfilm nebenan geschafft hat, eine echte Offenbarung.

Anspruch: 3
Spannung: 3
Action: 2
Humor: 3
Erotik: 0

Filmstart am 08. August 2013

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