Eduard von Keyserling

„Kostbarkeiten des Lebens” – Texte vom unbekannten Klassiker

Der Band „Kostbarkeiten des Lebens” versammelt bemerkenswerte Feuilletons von Eduard von Keyserling, der sehr zu Unrecht oft bei der Aufreihung der größten deutschen Schriftsteller ignoriert wird.
Eduard von Keyserling: Kostbarkeiten des Lebens. Manesse Verlag, München, 2021
Eduard von Keyserling: Kostbarkeiten des Lebens. Manesse Verlag, München, 2021 Manesse Verlag
Neubrandenburg

Eduard von Keyserling ist einer, mit dem man lange Abende verbringen kann. Mit ruhiger Stimme erzählt er Geschichten vom Verdämmern des Tages, er lässt vor unserem Leserauge Aristokraten degeneriert, totkrank, doch ungebrochen hochmütig durch trübe Parks schlurfen, untätige Frauen Migräne haben und melancholisch werden.

Selten ist Lebenslangeweile einer morbiden Gesellschaft so tief im Fühlen und zugleich eisig in der Beobachtung dargestellt worden. Dabei schicksalt es heftig. Keyserling (1855-1918), ein Meister im Erahnen des Untergangs, zählt zu den größten deutschen Schriftstellern – ein Klassiker, der indes bei Klassiker-Aufreihungen gern vergessen wird.

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Es besteht kein Zweifel: Wer die Literatur liebt und Eduard von Keyserling übergeht, erleidet Verluste. Schlichtes Menschlichsein und jene feine Noblesse im Ton – diese Verbindung hat Eigenart. Die Wege, die er zum Publikum findet, sind still, einsam, intim. Wie auch die Feuilletons, Rezensionen und Kleinprosa belegen, die nun in der Sammlung „Kostbarkeiten des Lebens” erschienen sind. Nach den Erzähl-Bänden „Landpartie” und „Feiertagskinder” die dritte Publikation im Rahmen der „Schwabinger Ausgabe”.

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Stammgast in Salons und Künstler-Cafés

Schwabingen ist der Münchner Stadtteil, in dem der exaltierte Autor seine letzten zwei Jahrzehnte verlebte, nachdem er den deutsch-baltischen Adel in den russischen Generalgouvernements Kurland, Livland, Estland und Ösel verlassen und eine Italien-Bildungsreise unternommen hatte.

Als Prosa-Mann hielt er sich in der anachronistischen Welt der alten Heimat auf, als Feuilletonist aber zeigte er sich hochinteressiert an gegenwärtiger Kunst und Kultur, die in der sogenannten Prinzregentenzeit blühten. Impressionismus, Moderne, Jugendstil, Bohème feierten Feste. Schwabingen mit seinen Salons und Cafés war deren Drehscheibe, Keyserling Stammgast.

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Kein Thema scheint vor seiner Feder sicher gewesen zu sein. Begräbniskunst sprach ihn an. Für junge Lyrik, die „unter der Wortpracht” zu ersticken drohte, befürchtete er eine „Anämie des Gedankens”. Er diagnostizierte eine „temporäre Erkrankung der Genussfähigkeit” beim Theaterpublikum.

Tollgewordene Kleinkunst-Werke auf dem Oktoberfest muteten „wie Träume eines an einem Tische der Festwiese vergessenen Schläfers” an. Skulpturen mit verschämt angebrachtem „Anhängsel aus Papier und Blech”, um Nacktheit zu verbergen, fand er lächerlich. Den damals noch jungen Zeichner Alfred Kubin würdigte Keyserling als geistvollen „Schilderer schwüler Fieberträume, gespenstischer Schauer”.

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Allmählich entsteht ein Epochen-Porträt

Er schrieb über Lichtmalereien der Avantgarde, über Stil, Liebe. Über Krankheit diesen wunderbaren Satz: „Es ist, als wollte ein Diener, der bislang lautlos und korrekt seinen Dienst versehen hat, nun aufdringlich an der Unterhaltung teilnehmen.” Der Autor erwies sich als ein Anempfinder, er bewahrte sich einen unverstellten Blick auf die Dinge, verstand es, neidlos zu staunen, sich ohne Koketterie zu wundern.

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Seine damals meist in Zeitungen veröffentlichten Beiträge sind seltsam beseelt. Wer sie liest, wird Zeuge, wie Stimmungen und Eindrücke sprachliche Musik werden und allmählich ein Epochen-Porträt entsteht.

Den nicht-literarischen Texten starker Roman-Schriftsteller ist oftmals etwas Bemühtes eigen. Diesen nicht. Das „Kostbarkeiten”-Buch ist eine Art Lektüre-Apotheke. Wo sein Leser es aufschlägt, wirkt es belebend und anregend.

Eduard von Keyserling: Kostbarkeiten des Lebens

  • Manesse Verlag, München, 2021
  • 912 Seiten, 32 Euro
  • ISBN 978 – 3 – 7175 – 2504 – 2

 

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