EIN WORT ALLEIN FÜR AMALIA

Lessings finales Trauerspiel

Christoph Hein beschwört in seiner Erzählung „Ein Wort allein für Amalia“ die letzten Tage des Groß-Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing herauf.
Christoph Hein: Ein Wort allein für Amalia. Illustriert von Rotraut Susanne Berner. Insel Verlag, Berlin, 2020.
Christoph Hein: Ein Wort allein für Amalia. Illustriert von Rotraut Susanne Berner. Insel Verlag, Berlin, 2020. Insel Verlag Berlin
Neubrandenburg.

Als „Geschichtenschmierer“ beschimpft er sich, als „Widerspruchsklauber“ und Sonderling, komplett alltagsuntüchtig. Gotthold Ephraim Lessing spürt das Ende nahen. Ohne Nachsicht bilanziert er sein Leben und Werk. Bedauert, nicht vermocht zu haben, zu „verliederlichen“. Es ist Februar 1781, als Lessing von Wolfenbüttel, wo er in herzoglichem Bibliotheksdienst steht, nach Braunschweig reist und einen „Stickfluss“ erleidet. Todkrank, seelenmüde verbringt er die finalen Tage im Hause des Weinhändlers Angott. Die kaum 20-jährige Stieftochter Maria Amalia eilt herbei, um ihn zu „päppeln“.

Jenes „Malchchen“ lässt Allround-Autor Christoph Hein (75) in seiner neuen Erzählung „Ein Wort allein für Amalia“ die Braunschweiger Abschiedsstunden mit Lessing – dem bedeutendsten Dichters der Aufklärung und relevanten Theaterreformer – heraufbeschwören.

Keine Nachtpoesie für schmachtende Fräuleins

Der pflichtbewusste Lessing, 52, bettlägerig, empfängt noch Besuch, regelt Dinge. Doch am Abend, einzig Malchen an seiner Seite, verliert er sich in Halluzinationen, spricht von Spinoza und den eigenen Trauerspielen, die er eher für „kräftige Hausmannskost“ hält, immerhin „keine Nachtpoesie für schmachtende Fräuleins“. Im Kopf fertig: Das Stück „Derwisch“, das alles Bisherige übertrumpfe, sogar „Nathan den Weisen“. Weniger „verteufelt freundlich“ soll es sein als die Vorgänger, sondern „wild und barbarisch“. Es würde „nicht allein meine Feinde beißen“.

Lessing geht (allzu) hart mit sich ins Gericht: Zu anständig, zu vorsichtig sei er gewesen, kein literarischer Draufgänger. „Der Bibliothekar opferte den Schriftsteller.“ Und: „Nicht der Herr macht den Knecht, sondern der Knecht den Herrn.“

Spezialist für unglückliche Love-Storys

Dass der Dramatiker nicht allein gegen sich selbst opponiert, sondern eine aktive Position für das in feudalen Grenzen unfreie Bürgertums einnimmt – auch das erzählt diese Geschichte. Christoph Hein – seit Publikation der Novelle „Der fremde Freund“ (1982) einer der wichtigen zeitgenössischen Autoren in deutschen Landen – schafft auf engstem Schreibraum ein feines Stimmungsporträt jener spannenden Epoche.

Zugleich erweist er sich einmal mehr als Spezialist für unglückliche Love-Storys: Als 47-Jähriger heiratete Lessing die Witwe Eva König, am Weihnachtsabend 1777 gebar sie einen Sohn, der zwei Tage darauf starb. Im Januar folgte ihm Eva und hinterließ Lessing vier Kinder aus erster Ehe, darunter bewusste Maria Amalia. Dass das Gerücht ging, der als umsichtig und zärtlich geltende Stiefvater habe sein Malchen „ein bisschen zu gern“ gehabt, bringt Hein ein, lässt indes Diskretion walten.

Gotthold Ephraim Lessing hat für Klassiker der Schullektüre und einige Meter Sekundärliteratur gesorgt – heißt: Sein freiwilliges Publikum unter den Gegenwartsmenschen muss gewonnen werden. Das Büchlein „Ein Wort allein für Amalia“ leistet einen auch unterhaltsamen Beitrag, das Interesse an diesem Künstler und Anti-Dogmatiker zu steigern. Dessen Credo „Vernunft und Toleranz“ kann aktueller nicht sein.

Christoph Hein: Ein Wort allein für Amalia.

  • Illustriert von Rotraut Susanne Berner.
  • Insel Verlag, Berlin, 2020.
  • 88 Seiten, 14 Euro.
  • ISBN 978 – 3 – 458 – 19479 – 8.

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