BUCH-REZENSION

Letzte Erzählungen von William Trevor

Beklaute Klavierlehrerin, abgehalfterte Hure: Auch im Nachlass-Band „Letzte Erzählungen“ des britischen Top-Autors William Trevor stehen Außenseiter im Fokus.
William Trevor: Letzte Erzählungen. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2020.
William Trevor: Letzte Erzählungen. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2020. Hoffmann und Campe Verlag
Neubrandenburg.

„Manchmal war es gar nicht so schlecht, allein zu sein“, sagt sich die Bankangestellte Roseanne. Im Privaten geht es trist zu, ihr Freund ist ein Parasit. Und ein Schalter-Kunde höheren Semesters, wohlhabend, der sie auf ein Glas (oder mehr?) einlädt, hat nach dem Tod seiner Frau ein eigenes Tragik-Päckchen zu tragen. „Mr Ravenswood“ heißt diese Story, und sie sticht unter den zehn ohnehin bemerkenswerten Prosa-Arbeiten aus dem Nachlass des Iren William Trevor (1928-2016) – nun als „Letzte Erzählungen“ erschienen – noch heraus.

Es sind die Drehmomente im Leben, die den Großautor, der 2002 von der Briten-Königin Elisabeth II. zum Ehrenritter ernannt wurde, literarisch reizten. Melancholische Einzelgänger, Nischenhocker, Fremdgänger mit triftigen und vorgeschobenen Gründen, milde Exzentriker, traurige Witwer, vermeintlich lustige Witwen, kleine Leute in Vorstädten und emotionalen Ausnahmezuständen – das sind Trevors Lieblingshelden, die nun ihre finalen Auftritte haben.

Drama und Glück – nah beieinander

Darunter die Klavierlehrerin Elisabeth Nightingale. Sie stellt fest, dass nach Unterrichtsstunden mit einem bestimmten Schüler kleine Deko-Teile in ihrer Wohnung fehlen. Eine Tabakdose, ein Porzellanschwan. Doch weil sie in dem Dieb einen künftigen Schöpfer bedeutender musikalischer Werke sieht, nicht weniger als ein Genie, geht sie stillschweigend darüber hinweg. In einer weiteren Geschichte, „Giottos Engel“, kommt ein von Gedächtnis-Aussetzern heimgesuchter Gemälderestaurator mit einer abgehalfterten Prostituierten zusammen, die eine begründete Angst vor Männern hat – nicht aber vor diesem. Die zufällige Begegnung scheint Einsamkeit vertreiben können.

Drama und Glück. Nah beieinander. Trevors 20-Seiten-Geschichten sind nicht laut, nicht unverschämt. Politische Unverträglichkeiten spielen darin keine Rolle. Sie bieten feine Psychogramme gewöhnlich anmutender Menschen, deren Alltag in Unwucht gerät. Es geht um Abschied und Abwesenheit, um Varianten des Verlusts, des Versagens.

Ohne verbale Kunstflüge und Pathos

Dieser Schriftsteller ist kein Dampfplauderer des bürgerlichen Realismus, er kommt ohne verbale Kunstflüge und Pathos aus. William Trevor ist erfreulich kurz angebunden. Sprachlich prägnant, zuweilen mit sparsamsten Mitteln der Andeutung oder dem Nichtgesagten, vor allem dank seiner raffinierten Story-Konstruktionen erzeugt er eine Atmosphäre von Unheil – mithin enorme Suggestion. Diese Erzählungen haben Tiefe und Empathie, keine davon ist belanglos oder schlichtes Entertainment. Ein wenig „old fashioned“, doch auf die gute Art.

Trevor war einer der britischen Top-Autoren und diverse Male für den Nobelpreis im Gespräch. Die knappe Form galt als seine Spezialität. „Ich weiß beim Schreiben nicht, wie die Geschichte enden wird, und nicht einmal, was in den nächsten Zeilen passiert“, sagte er in einem Interview.

  • William Trevor: Letzte Erzählungen
  • Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2020
  • 208 Seiten
  • 24 Euro
  • ISBN 978 – 3 – 455 – 00828 – 9

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