THEATER-KRITIK

Madame Butterfly erweckt Schmetterlinge im Bauch

Wenn der Zuschauer zweidreiviertel Stunden nicht mehr aus dem Staunen herauskommt, dann ist klar: Die italienische Liebestragödie „Madame Butterfly“, für die sich in Neustrelitz der Premierenvorhang hob, ist mehr als gelungen. Und zwar aus vielerlei Gründen.
Marcel Auermann Marcel Auermann
Was für eine imposante Bildsprache trotz eines reduzierten Bühnenbilds! Mittendrin im Geschehen: Madame Butterfly (Soojin Moon, links), ihr Sohn Jack (Hannes Robert Boldt, Mitte) und Suzuki (Lena Kutzner, rechts).
Was für eine imposante Bildsprache trotz eines reduzierten Bühnenbilds! Mittendrin im Geschehen: Madame Butterfly (Soojin Moon, links), ihr Sohn Jack (Hannes Robert Boldt, Mitte) und Suzuki (Lena Kutzner, rechts). Joerg Metzner
Eine Liebe, von Anfang an auf Lügen aufgebaut: Cho-Cho-San (Soojin Moon) und Pinkerton (Alexander Geller).
Eine Liebe, von Anfang an auf Lügen aufgebaut: Cho-Cho-San (Soojin Moon) und Pinkerton (Alexander Geller). Joerg Metzner
Dezent, aber gezielt setzt Regisseur Jürgen Pöckel Farben ein – entweder mit Kostümen oder durch Licht.
Dezent, aber gezielt setzt Regisseur Jürgen Pöckel Farben ein – entweder mit Kostümen oder durch Licht. Joerg Metzner
Neustrelitz.

Ist es Kino? Ist es Film? Ist es Show? Ist es Fernsehen? Nein, es ist – und zwar nicht nur –, es ist Theater, um genauer zu sein: Oper! Viele trauen sich ja an diese doch schwerere Gattung des Kulturbetriebs nur zaghaft heran. Die Musik ist für manchen etwas zu grell. Die Geschichten deshalb nur schwer nachvollziehbar. Und eben viel zu alt, zu angestaubt, zu unmodern. Diese Vorurteile sollte der Zuschauer ganz fix löschen und sich Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“, die am Wochenende Premiere feierte, anschauen. Regisseur Jürgen Pöckel schafft mit seiner Inszenierung eine lange im Nordosten nicht mehr dagewesene Opulenz und hebt dadurch das im 19. Jahrhundert entstandene Stück in die Moderne. Kein Wunder also, dass sich so viele Jugendliche und junge Zuschauer im Publikum wiederfinden. Was also macht die Anziehung dieser Inszenierung aus?

Die Details im Überblick:

Handlung

Der in Nagasaki stationierte amerikanische Leutnant Pinkerton (bei Alexander Gellers Liebesduetten läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter) heiratet die Geisha Cho-Cho-San (Soojin Moon kehrt ihre Gefühlswelt nach außen). Doch schon in seinen Aussagen wird klar, dass keine echte Liebe dahintersteckt. Alles „just for fun“ sozusagen. Alles nur verlogen und von vornherein nicht auf die Ewigkeit angelegt. „Ich warte auf den Tag, an dem ich eine echte Amerikanerin heirate“, erklärt der Marineoffizier noch ganz stolz seine eiskalte Berechnung. Eine packende, über die Jahrhunderte stets aktuelle und ergreifende Geschichte.

Bühnenbild

Die Inszenierung schafft etwas scheinbar Unvereinbares. Die Kulissen bestehen nur aus schwarzen und weißen Dekoteilen. Was an sich eher trist daherkommt, entwickelt jedoch durch den gekonnten Einsatz von farbigem Licht eine unglaubliche Anziehungskraft. Das satte Blau des Himmels, das Honiggelb des Frühlings, aber auch das bedrohende Kirschrot nach dem Suizid von Cho-Cho-San wirken umso kräftiger als auf einer Bühne, auf der sowieso schon üppige Farben vorherrschen. Das besitzt Eleganz. Auch die Boote, die hoch wogenden Wellen im Hintergrund – alles in Weiß gehalten – schwappen in feiner japanischer Origami-Papierfaltkunst über die Rampe direkt in die Publikumsreihen. Dazu schneit es im einen Moment und im nächsten regnet‘s weiße und rote Rosenblätter. Der Zuschauer kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ständig tut sich was auf der Bühne, ständig fahren Kulissen von oben nach unten und von unten nach oben, herrscht ein mächtiges Gewusel. Langweilig wird’s nie.

Kostüme

Natürlich tapsen die Damen alle in Kimonos und Holzklocks über die Bühne. Die Kleider in unzähligen Falten und Schichten, Formen und Farben schmiegen sich in die kraftvolle Musik ein. Jedes einzelne Stück ist ein Blick wert. Die seidigen Teile mit ihren Ornamenten und Stickereien erzählen eine eigene Geschichte. Dennoch besteht keine Kitsch-Gefahr. Die mit Bedacht ausgewählten, schön fallenden Kleider stehen für die umschmeichelnde Liebe und den Schutz und die Geborgenheit. So wird klar, wieso Cho-Cho-San im zweiten Akt nur noch in einer Art schwarzem Jogginganzug fläzend im Stuhl sitzt: Ihre Weltordnung, ihre Liebe und damit ihr Leben gingen verloren.

Der schönste Moment

Nie mehr danach liegt so viel Liebe in der Luft wie in der Hochzeitsnacht von Pinkerton und Madame Butterfly. Die beiden gestehen sich in innigem Gesang ihre Gefühle. Dabei wirken die sonst oft forschen Stimmen karamellig, schmelzend, wohltuend. Beide umgarnen sich, sind sich nahe und dann doch wieder so fern. Die Szenen spielen mit Anziehung und Abstoßung, mit Verlangen und Sehnsucht. Ja vielleicht wünschen sich die beiden auch einfach nur die sexuelle Verschmelzung – dennoch bleibt der erste Kuss der beiden nur ein Wunsch. Mehr als eine Umarmung gönnt der Regisseur dem Liebespaar nicht.

Witzige Elemente

Ob bewusst oder unbewusst mutet Onkel Priester (Ryszard Klaus) wie ein Klingone an, der mit einem Leuchtschwert gegen die Liebe der beiden Protagonisten ankämpft.

Andrés Felipe Orozco spielt seinen Goro als herrlich fiesen, hinterfotzigen Unsympath. Arrogant und hochnäsig wandelt er weiß geschminkt und mit Dutt durch die Kulissen und spinnt die Fäden. Dazu besitzt Orozco eine unglaublich füllige, wuchtige Stimme, die vor allem in seinen Soli zum Tragen kommt.

Fazit

Was für ein gelungener Opernabend voller bunter Impressionen und überwältigender Gefühle.

StadtLandKlassik - Konzert in Neustrelitz

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