LITERATUR

Muskel-Männer und göttliche Hormone

„Helden“ lautet der Titel eines witzigen und intelligenten Buchs, in dem der britische Autor Stephen Fry klassische Antike-Sagen modern nacherzählt und kommentiert.
Stephen Fry: Helden. Aufbau Verlag, Berlin, 2020
Stephen Fry: Helden. Aufbau Verlag, Berlin, 2020 Aufbau Verlag Berlin
Neubrandenburg.

Zeus ist ein ganz schlimmer Finger. Komplett hormon-gesteuert, dieser Chef-Gott der griechischen Mythologie. Ein notorischer Seitenspringer. Ob als Goldregen oder Wolke, auch als Adler, Bulle, Hengst oder – besonders perfide – in Gestalt eines Ehemanns verübt er Beischlaf mit nichtsahnenden weiblichen Wesen in einer Rasanz, als handelte es sich um eine olympische Disziplin. Ein Meister der Verführung und Vermehrung. Verhütung? Nie gehört davon. Und das Gefühlsleben von Hera, seiner Gattin (zugleich Schwester), ist ihm ebenso schnurz. Dass Hera angesichts dreister Zeus-Affären gehässig, geradezu zickig wird – nachvollziehbar. Auszubaden haben ihre Launen und Komplotte allerdings die Sterblichen. Das zu ertragen, muss einer stark sein, sehr stark, im günstigsten Fall: Ein Held.

„Helden“ lautet der Titel von einem amüsanten und intelligenten Buch, in dem der britische Allrounder Stephen Fry (63) die klassischen Antike-Sagen der nicht-göttlichen Kraftprotze und Publikumslieblinge modern nacherzählt und (mit feinem Humor) kommentiert. Es wimmelt von bösen Kreaturen, mehrköpfigen Höllenhunden, blutdürstenden Halbpferden, außer Rand und Band und Band geratenen Ebern, die allesamt von den Protagonisten um die Ecke gebracht werden müssen. Volle Action!

Apokalyptische Wutausbrüche

So gibt Tausendsassa Fry – auch als Schauspieler und Komiker eine große Nummer – die bratensaftige Geschichte von Herakles, alias Herkules, zum Besten. Nun, der Muskel-Mann ist „nicht das hellste Pixel auf dem Bildschirm“, im Intrigenkrieg von Göttern, Giganten, Titanen etc. stößt er intellektuell an Grenzen. Ein Star also. Knappe Zündschnur. Seine Wutausbrüche sind apokalyptisch. Der schlägt alles kurz und klein und tot, um Abbitte für seinen Mord an der Angetrauten Megara zu leisten. Und ist furchtbar fruchtbar: In 50 Nächten in Folge verursacht Herakles 50 Schwangerschaften!

Perseus, der bekanntlich Medusas Schlangenhaupt anzuschleppen hat, gilt als Uropa und zugleich als Halbbruder von Herakles. Familienverhältnisse sind antik heikel. Für das, was in dieser Welt sexuell abläuft, scheint Inzest ein unzureichender Begriff. Schock-/Blindverliebtheiten tun ein Übriges, Vielfach-Verwandtschaften sind Standard. Der Stammbaum gleicht einem Urwald. Stephen Fry versucht, Licht in die Beziehungskisten zu bringen – fundiert, hintergründig und auf die Gefahr hin, die Leser angesichts Hunderter Namen „in den Wahnsinn zu treiben“.

Killer-Köter wird zum Schoßhündchen

Der Autor bastelt keine Sketch-Parade daraus, er lässt eine schöne Ironie walten. Orpheus sei zugleich ein Mozart, Lennon, Pavarotti. Dessen Gesang macht Killer-Köter Kerberos am Hades-Eingang zum Schoßhündchen. Jasons Argonauten-Crew, auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, ist ein Who’s Who sagenhafter Helden. Ein solches Super-Aufgebot wird es bis zum Troja-Gemetzel nicht mehr geben. Als das Vlies gefunden ist, dient es Jason als weiche Unterlage zum Liebesvollzug mit Medea, welche zuvor fix ihrem Bruder den Kopf abgeschnitten hat, um den Lover zu retten.

Diese Mythen-Helden sind fehlbar, gut, grausam, selbstlos, schwach, generös, kalt, warmherzig, widersprüchlich. Ihre Reisen zu begleiten, zumal in der abgestaubten Fry-Version, bringt Spaß und hilft den Lesern womöglich, etwas mehr über sich selbst zu erfahren.

Stephen Fry: Helden. Aufbau Verlag, Berlin, 2020. 463 Seiten, 26 Euro. ISBN 978 – 3 – 351 – 03481 – 8.

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