GNTM-Kolumne

Natürlicheres Auftreten durch zehn Kilo Extensions

Für die Mädchen von Germany's Next Topmodel steht das Umstyling an. Währenddessen facht Heidi Klum unter dem Deckmantel der Mediatorin Zickenkriege an.
Christine Gerhard Christine Gerhard
Hatten die männlichen Statisten zurecht kalte Füße? Die Modelanwärterinnen mussten alleine zum Altar stolpern.
Hatten die männlichen Statisten zurecht kalte Füße? Die Modelanwärterinnen mussten alleine zum Altar stolpern. Screenshot
Den Mädchen ging es an die Haare und an die „Personality”.
Den Mädchen ging es an die Haare und an die „Personality”. Screenshot
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Neubrandenburg.

Alle Jahre wieder ist es ein Horror für jeden gesichtsblinden Zuschauer und heiß ersehnter Höhepunkt für alle anderen: das berühmte Umstyling bei Germany's Next Topmodel. Da hat man endlich mühevoll im Laufe von vier Folgen halbwegs herausklamüstert, wer wer ist, hat im mentalen Modelmemorie Gesichter und Namen passend zusammengefügt, da wird auch schon alles wieder wild durcheinandergewürfelt. „Die Rothaarige” hat plötzlich einen schwarzen Schopf, die „mit dem Knick in der Augenbraue” wurde begradigt, „Deanarys” sieht auf einmal aus wie meine Grundschulfreundin.

Die Prozedur, die zu dieser Verwirrung führte, wurde diesmal strengen Auges von Gastjurorin Stefanie Giesinger beaufsichtigt, von „der mit den Wanderorganen” und einstigen Gewinnerin von Germany's Next Topmodel. Ob sie zu Heidis Nachfolgerin gezogen werden soll? In Sachen Anglizismendichte steht sie ihrem Idol jedenfalls in nichts nach, aber die Beweihräucherung der Sendung muss sie, so überschwänglich wie das klingt, wohl noch vom Teleprompter ablesen. Aber vielleicht hat Germany's Next Topmodel ja wirklich ihre Karriere beflügelt, wer weiß.

Heidis Scharfsinn

Während ihre Vertreterin und eine Armada von Promistylisten also die Arbeit machen, wandert Heidi, wie Stefanies Organe, durch die Halle und übt sich in Küchenpsychologie. „Da ist etwas, das in ihr schlummert und sie bedrückt. Das sehe ich, weil ihr Tränen in den Augen stehen.” Das Wiederanfachen eines gefährlich heruntergebrannten Streits tarnt sie geschickt als Mediationsmaßnahme, auch eine Spezialität der vielseitig begabten Modelmama.

Nachdem zwischenzeitlich zehn Kilo Extensions im Wert von bis zu 5000 Euro pro Kopf (Ersteres ist eine Hyperbel, das mit dem Kopfgeld die traurige Realität) in ihren Haaren verklebt worden sind, sollen die Mädchen beim „Ohne-Makeup-Shooting” ihre Natürlichkeit zur Schau stellen.

Ähnlich paradox auch, dass sie ihr altes Ich durch symbolisches Zerreißen eines lebensgroßen Fotos überwinden müssen, um dann mit Frisuren, die andere für sie ausgesucht haben, endlich ihre eigenen Persönlichkeiten und ihre Individualität zur Geltung bringen zu können. Weil Schüchternheit aber nicht zu dem Katalog zugelassener Persönlichkeitsmerkmale zählt, muss Leonela Abschied nehmen.

Entscheidungswalk im Hochzeitskleid

Ihre Liebeserklärung an sich selbst beim Entscheidungswalk war wohl einfach nicht überzeugend genug. Die Braut, die sich nicht traute. Im Hochzeitskleid stolperten die Mädchen dorthin, wo normalerweise der Altar steht, nun stattdessen aber die heilige Zweifaltigkeit aus Heidi und Steffi richtete, und sollten sich selbst ehelichen.

Weil Streitsucht und ein gewisses Potenzial zu Zickereien in besagtem Katalog zugelassener Persönlichkeitsmerkmale sogar noch über Achselhaaren und Wanderorganen ganz oben stehen, durfte Jasmin trotz ihrer pannenhaften Vermählung bleiben.

Ihre um eine Woche verspätete Ankunft in Los Angeles hatte zuvor einige Verwirrung ausgelöst: Einen Anfall von Rechenschwäche bei Leonela („Sind wir jetzt Top 17? Oder sind wir Top 16?”), grammatikalische Aussetzer bei Lena (die ansonsten übrigens „nichts gegen ihr” hat) und blanke Angst bei Theresia, die fürchtete, Jasmin könne sie im Schlaf erwürgen: „Die ist unglaublich unberechenbar.” Jasmin musste auf dem Sofa schlafen.

Pinke Gelnägel, unbequeme Jeans, Thilo Sarrazin – es gibt Dinge, die lassen sich mit einem (wenn auch abgeschlossenen) Studium der Geisteswissenschaften nur schwer vereinbaren. Alle Jahre wieder der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel entgegenzufiebern, gehört mit Sicherheit dazu. Da braucht es schon gute Vorwände: Ironische Distanz vielleicht, oder eine Kolumne. Ab jetzt schreibt unsere Autorin Christine Gerhard regelmäßig über die Show. Hier geht es zu allen Beiträgen.

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