FALLADA: "DER EISERNE GUSTAV"

Nazi-Schwanz und ostdeutscher Streichstift

Die Geschichte um Hans Falladas Werk „Der eiserne Gustav“ bietet Stoff für einen eigenen Roman. Nazi-Minister Goebbels und ein „gründlicher“ DDR-Lektor spielen dabei Rollen. Nun ist eine Neuausgabe erschienen. Deren Anspruch: Der Urfassung so nah wie möglich kommen.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Hans Fallada: Der eiserne Gustav. Aufbau Verlag, Berlin, 2019.
Hans Fallada: Der eiserne Gustav. Aufbau Verlag, Berlin, 2019. Aufbau Verlag
Neubrandenburg.

„… die Welt kotzte mich an, ich mich selbst aber noch mehr“, erinnerte sich Hans Fallada in seinem Gefängnistagebuch an jene Wochen des Jahres 1938, als er in Carwitz bei Feldberg dem Roman „Der eiserne Gustav“ auf Geheiß von Propagandaminister Joseph Goebbels „neue Schlussseiten“ anhängte. Die nannte er für sich: Nazi-Schwanz. Rudolf Ditzen (1893-1947), als Hans Fallada mit Bestsellern wie „Kleiner Mann – was nun?“ zu Weltruhm gelangt, fühlte sich miserabel dabei, ein regime-ergebenes Ende zu erfinden. Später zu DDR-Zeiten, Fallada war bereits verstorben, sollte sein „Gustav“ politisch intendierte Tilgungen erleben.

Die Geschichte um dieses ziegeldicke Werk bietet wahrlich den Stoff für einen eigenen Roman. Sie spiegelt deutsche Tragik des 20. Jahrhunderts mit den zwei Diktaturen, die Rolle und die Zwänge der Kunst, aber auch sehr konkret die Krux des populären, psychisch labilen Schriftstellers Fallada im Spagat zwischen Maximen und Macht.

Der Aufbau Verlag hat dieser Tage eine „Der eiserne Gustav“-Neuausgabe vorgelegt. Deren Anspruch ist es, der Roman-Urfassung, die als die einzig gültige angesehen werden kann, so nah wie möglich zu kommen. Was das Unterfangen für Hausgeberin Jenny Williams zu einem detektivischen Puzzle-Job machte: Das Originalmanuskript ist verschollen. Falladas erste Roman-Version musste rekonstruiert werden – so durch Auswertung von Brief-Verkehr. Handschriftlich und maschinegeschrieben überliefert sind lediglich besagt aufgezwungene „Schlussseiten“, sie befinden sich im Carwitzer Hans-Fallada-Archiv des Literaturzentrums Neubrandenburg.

Jannings war scharf auf die Hauptrolle

Verleger Ernst Rowohlt hatte Ende 1937 für Fallada einen dicken Auftrag der TOBIS Filmkunst GmbH an Land gezogen. Der Autor, gerade mit „Wolf unter Wölfen“ im Reichsmark-Segen, sollte einen „verfilmbaren Roman“ über die Geschichte einer Familie bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 schreiben. Kino-Star Emil Jannings war scharf auf die Hauptrolle.

Hans Fallada machte sich – allerdings mit eigenen Vorstellungen – in gewohnt fiebriger Weise ans Werk: Ein Wechsel von ungesunder Hochproduktion (210 Druckseiten in den ersten zweieinhalb Wochen!) und Abstürzen, Alkohol-/Drogenexzessen. Er erzählt die Story des Droschkenkutschers Gustav Hackendahl im Berlin von 1914 (doch nur) bis 1924. Der Protagonist ist wilhelminisch geprägt, ein knorriger Typ, der seine Vorstellungen von Anstand und Gehorsam vertritt, jedoch vor allem am Verhalten seiner Kinder feststellen muss, dass diese Werte schwer an Wert verlieren.

Fallada war als Chronist der Unterprivilegierten in seinem Element: Pferdestall, Krämerladen, Halbwelt, Zeitungsbranche, Mietskaserne. Die Turbulenzen im Leben kleiner Leute. Als Figur-Vorlage diente ihm ein gewisser Gustav Hartmann, Betreiber des Fuhrunternehmens „Wannseedroschken“, der 1928 in einer medienwirksamen Aktion per Pferdedroschke die 1000 Kilometer nach Paris zurückgelegt hatte, um auf den Niedergang seines Gewerbes durch den Automobil-Boom aufmerksam zu machen.

„Gustav“ sollte Fallada kein Glück bringen. Zunächst wurde Stammverleger Rowohlt von der Reichsschrifttumskammer „wegen Tarnung jüdischer Schriftsteller“ ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Der Autor musste mit dem Buchprojekt zur Deutschen Verlags-Anstalt wechseln, seinerzeit verquickt mit einem Nazi-Verlag. Und: Goebbels mäkelte am Roman-/Filmmanuskript, er notierte in seinem Tagebuch: „Das Ende wird gänzlich umgearbeitet und positiv gestaltet. Ich diktiere selbst einen neuen Schluss.“ Fallada wurde verdeutlicht: In seiner Version würde es zu keiner Publikation kommen. Von einer harten Drohung des Propagandaministers eingeschüchtert, durch den Unterhalt für das Carwitz-Anwesen und die Familie finanziell unter Dauerdruck, Gefangener seiner Süchte – Fallada kapitulierte und ließ den Roman neu enden: Mit NSDAP-Mitgliedschaft und Hitler-Gruß. Eine Schmach. Für den Film kam das Aus.

Politisch motivierte Eliminierungen durch den Cheflektor

Fremdgewerkelt wurde am „Gustav“ nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Bundesrepublik erschien als Erstes im Blüchert Verlag eine verstümmelte Variante, eine literarische Katastrophe. Vorsatz ist indes weniger vorzuwerfen als Ignoranz.

Im Osten machte man es sich nicht so leicht. Fallada-Fachfrau Jenny Williams würdigt „die minutiöse und akribische Arbeit“ von Günter Caspar bei der Wiederherstellung des Ur-Romans. Allerdings: Dessen Eingriffe seien nur zu einem gewissen Grad zu folgen.

Caspar war Cheflektor beim Aufbau Verlag und Herausgeber der zehnbändigen Fallada-Reihe, die bei Sammlern beliebt war. Lange galt die in der DDR edierte und 1962 veröffentlichte „Gustav“-Fassung als maßgeblich. Aktuelle Forschungen ergaben freilich, dass das Werk Eliminierungen erfuhr, die politisch motiviert waren und es zudem in seiner erzählerischen Qualität beschnitten.

Der Lektor beließ es nicht dabei, den Nazi-Schwanz und damit in Verbindung stehenden Text zu entfernen. Auch wenn es sich um Figurenrede handelte, merzte er Stellen aus, die mit nazistischer Geschichtsfälschung zu tun hatten oder haben könnten. Die dürften, wie Williams meint, kaum mit den erzwungenen „neuen Schlussseiten“ in Verbindung stehen. Man müsse „annehmen, dass ein Herausgeber mit Wohnsitz in der Hauptstadt der DDR, wo der Antifaschismus gewissermaßen von Staats wegen verordnet wurde, gegenüber Material, das auf irgendeine, wenn auch noch so abwegige Art als Beweis für den Einfluss des Nazismus gedeutet werden könnte, stark sensibilisiert war“, so Williams im erhellenden Nachwort des neuesten „Gustav“. Infragestellungen linker Ideen – abwertende Äußerungen zu Novemberrevolution, Liebknecht, Spartakisten – fielen gleichfalls Caspars Stift zum Opfer. Was im Übrigen zu Mängeln in puncto Zugänglichkeit und Binnenlogik führte.

30 Seiten mehr als DDR-Version

Günter Caspar arbeitete in brenzligen Zeiten. Der Aufbau Verlag galt in jenen Jahren als Hort von Renegaten. Die Anklage lautete: Konterrevolution. Verlagsleiter Walter Janka und fünf Mitarbeitern wurde 1957 der (Schau)-Prozess gemacht, sie erhielten Zuchthausstrafen.

Rund 30 Seiten mehr als die DDR-Version hat die „Gustav“-Neuausgabe. „Jetzt erscheint der Roman endlich so, wie ihn sein Verfasser gewollt hatte“, wirbt der Aufbau Verlag. Zahlreiche Passagen vom Originaltext, die fehlten, seien wieder eingefügt worden.

Hans Fallada: Der eiserne Gustav. Aufbau Verlag, Berlin, 2019. 831 Seiten, 26 Euro. ISBN 978 – 3 – 351 – 03760 – 4.

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