LITERATUR

Neuausgabe der Schildbürger-Schwänke

Ebenso alt wie aktuell: Mit halbtrockenem Witz nacherzählt und illustriert machen die bemerkenswert absurden Geschichten des Volksbuchs „Die Schildbürger” noch mehr Spaß.
Die Schildbürger. Illustriert von Katrin Stangl. Insel Verlag, Berlin, 2020
Die Schildbürger. Illustriert von Katrin Stangl. Insel Verlag, Berlin, 2020 Insel Verlag Berlin
Neubrandenburg.

Dieses Büchlein, gefüllt mit unterhaltsamem Unsinn, sollte Beamten ob auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene gleich mit ihrer Ernennungsurkunde überreicht werden. Was „Die Schildbürger“ – so der Titel des immergültigen Werks – Ende des 16. Jahrhunderts unter Abnicken ihrer Verwaltung verzapften, vermag auch heute noch zu mahnen und zugleich Kurzweil in Büro-Tristesse zu zaubern. Nicht-Staatsdiener erheitert es ebenso. Pflichtliteratur!

Gerade ist eine Neuausgabe der in urheberrechtsfreien Zeiten und vor allem aus dem „Lalebuch“ (1597) zusammengestohlenen Schilda-Narreteien erschienen. Matthias Reiner erzählt die Schwänke modern nach. Seinen halbtrockenen Witz nehmen Katrin Stangls farbfreudige Illustrationen – zwischen Kinderbuch- und Comic-Stil – wunderbar auf.

In Schilda geschehen bemerkenswert absurde Dinge: Man fängt in Säcken Sonnenlicht ein und trägt es ins Rathaus. Der Ofen indes muss aus Platzgründen nach draußen. Mit Mühe und vereinten Kräften wird ein Mühlstein einen Berg hinaufgewuchtet, weil es den Transport erleichtern würde, ihn hinunterrollen zu lassen. Um eine Kirchenglocke vor Verlust im Krieg zu retten, wird sie auf einen See geschippert und versenkt. Die Stelle wiederzufinden – kein Problem: Eine Kerbe im Bootsrand sollte genügen. Das Schildaer Gericht befasst sich mit dem Fall eines Krebses, der seine Scheren eingesetzt hat. Das Urteil lautet: Krebs-Tod durch Ersäufen.

Dumm gestellt – dumm geworden

Haarsträubende Dummheiten. Dabei waren die Bewohner zuvor als clevere Bürschchen bekannt und im ganzen Land helfend auf Achse. Deren ständige Außerhäusigkeit missfiel freilich ihren Frauen. Um Ehe-Ärger zu vermeiden, stellten sich die „Berater“ blöd, waren nicht mehr gefragt und konnten im heimischen Schilda bleiben. Fatalerweise wurde aus der imaginierten eine echte Torheit – mit üblen Konsequenzen.

„O Schilda, mein Vaterland!“, ätzte der Dichter Heinrich Heine (1797-1856) zwei Jahrhunderte nach Erstveröffentlichung der Sammlung – mittlerweile ein deutsches Volksbuch, Kulturgut und offenbar jederzeit aktuell. Auch heute ließe sich der eine oder andere Schwank anfügen. Etwa der vom Flughafen-Bau oder der von der Elbphilharmonie oder der von der Ostsee-Autobahn oder der vom Berliner Pappschloss …

Die Schildbürger. Illustriert von Katrin Stangl. Insel Verlag, Berlin, 2020. 86 Seiten, 16 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 20041 – 3.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

Kommende Events in Neubrandenburg (Anzeige)

zur Homepage