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Neue Nachrichten von Christa und Gerhard Wolf

Christa Wolf mit ihrer Enkelin Jana Simon 1999 in dem Sommerhaus der Wolfs in Woserin bei Güstrow.
Christa Wolf mit ihrer Enkelin Jana Simon 1999 in dem Sommerhaus der Wolfs in Woserin bei Güstrow.
Frank Rothe

Die Enkelin des Schriftstellerehepaars hat mehrere intensive Gespräche mit ihren Großeltern geführt. Das jetzt erschienene Buch lebt von einer wunderbaren Nähe zu den Autoren.

Jana Simon war 16 Jahre alt, als sie von ihrer Großmutter elf Bücher auf einmal zum Weihnachtsfest geschenkt bekam. Es handelte sich nicht um irgendwelche Werke, sondern um die Bücher der wohl berühmtesten deutschen Schriftstellerin der vergangenen Jahrzehnte: Christa Wolf. Als Teenager sei sie nicht gerade begeistert gewesen von dem Geschenk, schreibt Jana Simon 25 Jahre später. „Eine Madonna-Platte hätte mir besser gefallen.“ An diese kleine Reminiszenz erinnert Jana Simon in ihrem Buch „Sei dennoch unverzagt“, in dem sie mehrere Gespräche wiedergibt, die sie zwischen 1998 und 2012 mit Christa und Gerhard Wolf geführt hat.

Längst hat Jana Simon alle Bücher ihrer berühmten Oma gelesen. Der erste Roman war „Kindheitsmuster“, sagt Jana Simon. Dabei handelt es sich um einen der Schlüsselromane von Christa Wolf, der 1976 erschien. Ihr liebstes Buch sei aber „Nachdenken über Christa T.“ (1969). Ausgerechnet das Buch, mit dem Christa Wolf Ende der 1960er Jahre das erste Mal richtig aneckte. Jahrelang lag das Manuskript auf Eis, wurde herumgereicht bis in die höchsten Ebenen des SED-Kulturapparates. Diese Erfahrungen bildeten eine Zäsur in Christa Wolfs Leben, die der DDR fortan deutlich kritischer als in ihren jungen Jahren gegenüberstand.

Warum seid Ihr trotz allem in der DDR geblieben?

Die Erlebnisse auf der Flucht aus Landsberg im heutigen Polen, die junge Liebe zwischen Christa und Gerhard Wolf, der schwierige Start der kleinen Familie in der DDR und die zunehmenden Reibungen mit der SED-Kulturpolitik – all diese Themen spielen in den Gesprächen zwischen der Enkelin und ihren Großeltern eine wichtige Rolle. Jana Simon, die heute als Journalistin bei der Zeit arbeitet, hatte nicht von vornherein an eine Veröffentlichung gedacht. Vielleicht auch deshalb wirken die Gespräche authentisch, privat und persönlich, etwa wenn die Wolfs von ihren familiären Wurzeln erzählen und wie es dazu kam, dass sie als junge Menschen Anhänger des Hitler-Regimes wurden. Damit bieten die Gespräche auch den Lesern einen Zugang zu der Schriftstellerfamilie und ihren kulturpolitischen Kämpfen, die sich vielleicht nicht an die anspruchsvollen Texte einer Christa Wolf wagen.

Immer wieder insistiert die junge Fragestellerin – immerhin liegen mehr als 40 Jahre Erfahrung zwischen Jana Simon und ihren Großeltern. Schnittpunkte ihrer Biografien liegen insbesondere in der DDR-Zeit. Die zentralen Fragen, die die Enkelin in Abwandlungen immer wieder stellt: Warum seid Ihr trotz der vielen Enttäuschungen in der DDR geblieben? Warum habt ihr die Idee des Sozialismus nicht fallen gelassen? Mit ihren Antworten geben die Wolfs zugleich auch immer Einblicke in 40 Jahre DDR-Literaturbetrieb.

Schon früh aber eher zufällig spürte Jana Simon, dass sie in einer berühmten Familie aufwuchs. Als sie neun Jahre alt war, spielte sie bei einer Freundin in der Wohnung in Berlin. Plötzlich sah sie im Schlafzimmer Fotos von Anna Seghers und  Christa Wolf. „Warum hängt denn ein Bild von meiner Oma in Eurem Schlafzimmer“, habe sie damals etwas empört gefragt, erinnert sie sich heute. Die Eltern ihrer Freundin seien einfach große Christa Wolf-Fans gewesen. Ob sie als Journalistin etwas geerbt habe von der Schreibkunst Ihrer Großeltern? Kaum, sagt Jana Simon. Aber sie sei eben in einer Familie aufgewachsen, in der immer viel über Bücher, Kunst und Kultur gesprochen wurde. Das präge.

Bis zum Schluss jeden Leserbrief beantwortet

Diese persönlichen Erfahrungen machen vielleicht auch die Authentizität der Gespräche Jana Simons mit ihren Großeltern aus. So gibt Christa Wolf, die nach außen eher streng wirkte, auch die ein oder andere Anekdote zum Besten. Etwa, als ihr ein Bote – entsandt von der Partei – 1963 eine Pistole in die Hand drücken wollte. Sie war damals gerade Kandidatin des ZK der SED geworden, da stehe ihr eine Waffe zu. „Man könne doch nie wissen, ob man in eine Situation gerate, in der man sich als Genossin verteidigen müsse“, so der Bote. Sie sei die Einzige, die die Pistole ablehne. „Na gut, dann bin ich eben die Einzige“, erinnert sich Christa Wolf an die Episode.

Die Autorin war spätestens ab den 70er Jahren Kult in der DDR. Bei den Lesungen forderte ihre Gemeinde stets Rat für fast alle Lebenslagen ein. Jana Simon spürt auf ihren eigenen Lesereisen mit den „Gesprächen“ noch sehr viel von dieser Verehrung. „Es kommen unglaublich viele Menschen, die von ihren eigenen Lese-Erlebnissen mit den Büchern meiner Oma erzählen aber auch von vielen, vielen Begegnungen“, sagt Jana Simon. So habe Christa Wolf auch grundsätzlich jeden Leserbrief beantwortet – „bis zum Schluss“.

Das Buch der Enkelin erlebte sie nicht mehr

Nachdem Christa Wolf 2010 den vom Nordkurier und der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft verliehenen Uwe-Johnson-Preis in Neubrandenburg sowie in Lübeck den Thomas-Mann-Preis in Empfang nehmen durfte, starb sie am 1. Dezember 2011. Das Buch der Enkelin erlebte sie nicht mehr.

Dafür aber Gerhard Wolf. „Ohne seine Zustimmung hätte ich das Buch nicht veröffentlichen können.“ Natürlich war die Enkelin auch ein wenig aufgeregt ob des Urteils ihres Großvaters. Schließlich galt Gerhard Wolf als erster Kritiker der Manuskripte seiner Frau. Er hat grundsätzlich jeden Text gelesen, ehe er an einen Verlag ging. Aus ihrem Manuskript, so Jana Simon, habe er nichts Wesentliches gestrichen. Und auf die Frage „Opi, wie findest Du es?“, gab es ein vergleichsweise großes Lob: „Gar nicht so schlecht.“ Jana Simon muss schmunzeln: „Bei Großmutter hat er auch immer sehr hart kritisiert.“

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Berlin, Ullstein. 288 Seiten, 19,99 Euro. ISBN-13 9783550080401

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Kommentare (1)

Ich wußte nicht, dass zu DDR Zeiten ZK Boten Waffen an privelegierte Personen verteilte. Aber mit dem nachfolgenden Zitat (leider weiß ich nicht von wem es stammt) versuche ich das Anliegen der Enkelin der Wolf`s zu versehen. "Die Interpretation der Vergangenheit ist maßgeblich von den Bedürfnissen der be Gegenwart bestimmt - jeder neue Glaube macht aus den alten Göttern böse Dämonen."