LITERATUR

Nistplatz der Berliner Bohème

Im Romanischen Café gab sich in den wild-goldenen 20ern die kreative Szene Berlins die Klinke in die Hand. Ein „Gästebuch“ vereint Texte des schillernden Publikums zu dem legendären Restaurant am Kurfürstendamm.
Im Romanischen Café. Ein Gästebuch. Insel Verlag, Berlin, 2020
Im Romanischen Café. Ein Gästebuch. Insel Verlag, Berlin, 2020 Insel Verlag Berlin
Neubrandenburg.

Bertolt Brecht traf sich hier mit Kumpel Klabund zum Aufwärmen, qualmte, als gäb’s eine Lüftung, spielte gegen Schachgrößen. George Grosz, Maler, erschien gern im Cowboy-Kostüm, gestiefelt und gespornt. Lasker-Schüler, die dichtende Else, saß nicht nur da, nein, sie residierte regelrecht und trug ihren Teil dazu bei, die Nachrichten-, Tratsch-, Meinungsbörse in diesem Olymp der brotlosen Künste in Gang zu halten. Schriftsteller, androgyne Bubiköpfe, Kabarettisten, Musiker, Manager, Schauspieler, Theater-/Filmsternchen, Regisseure, Journalisten, Kritiker, Verleger – Berlins kreative Szene der wild-goldenen Zwanziger im vergangenen Jahrhundert traf sich: „Im Romanischen Café“.

So auch der Titel eines Bändchens mit Originaltexten des schillernden Publikums zu dem legendären Café. Das befand sich am Kurfürstendamm, östlich der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wo heute das Europa-Center steht.

Das Who’s Who des damaligen Kunstbetriebs

Hier maß die Berliner Bohème der Zeit den Puls, soff und disputierte bis zur Ohnmachtsgrenze. Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky, Friedrich Hollaender, Erich Mühsam, Wolfgang Koeppen … Das Gästebuch liest sich wie das Who’s Who des damaligen Kunstbetriebs. Erich Kästner schrieb vom „Wartesaal der Talente“ und sah ein „infernalisches Gewirr von Charakterköpfen und solchen, die es sein wollen“. Für manche war „das Romanische“ quasi zweiter Wohnsitz, für alle ein Umschlagplatz von Anekdoten über abwesende Kollegen.

Die meisten: Arm dran. Nachgerade ein Mythos als Schnorrer: John Höxter, Poet, Dandy, Café-Inventar. Sein ironisch gestimmter Zeitgenosse Anton Kuh beschrieb die Kundschaft als in einem „unerwünschten Wirtschaftszustand“, den Bohemien aber prinzipiell als pünktlich und pedantisch: Aufstehen Punkt 17 Uhr, zuverlässige Ignoranz von Rechnungen, verlässliche Arbeitsunterlassung, morgens um 6 ins Bett.

Einkommensschwache Stammgäste

In jenem „Industriegebiet der Intelligenz“ war man politisch links, mit Schattierungen: Sozis, Salonbolschewisten, Anarchisten. Zuvor galt, so Walter Benjamin, das nahe Café des Westens als „Hauptquartier der Bohème“. Bis dessen Besitzer seine einkommensschwachen Stammgäste vor die Tür setzte, indem er ihnen schriftlich mitteilte: „Sie werden gebeten, unser Etablissement nach Bezahlung Ihrer Zeche zu verlassen und nicht wieder zu betreten.“

Brigitte Landes, die Herausgeberin des Büchleins, macht mit kluger Text-Auswahl und -Folge die spezielle Atmosphäre des Romanischen Cafés in dieser verrückt-spannenden Phase der Weimarer Republik nacherlebbar. Es geht nicht selten heiter zu, bisweilen sarkastisch, und erzeugt Lust, (wieder) mehr von den glänzenden Autoren zu lesen. Kleine Kommentierungen ergänzen unaufdringlich bemerkenswerte Details und sind bei historischer Einordnung hilfreich.

Spätestens als die Nazis einen Stammtisch beanspruchten, war der große Intellektuellen-Spaß im Romanischen Café vorbei. Im Zweiten Weltkrieg – bei einem Bombenangriff am 21. November 1943 – wurde das Gebäude stark beschädigt, seine Ruine in den 1950ern abgerissen.

Im Romanischen Café. Ein Gästebuch. Insel Verlag, Berlin, 2020. 127 Seiten, 14 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 19472 – 9.

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