SPIELKARTEN BOOMTEN IM ERSTEN WELTKRIEG

Noch 'ne letzte Runde Skat im Schützengraben

Wenn der Kanonendonner eine Pause machte, war an der Front Zerstreuung gefragt. Die Spielkarten avancierten gar zum kriegswichtigen Gut und erlebten immense Auflagen.
dpa
Editionen wie die "Deutsche Kriegs-Spielkarte" erreichten riesige Auflagen von mehreren Hunderttausend Stück und wurden kostenlos an die Soldaten ausgegeben.
Editionen wie die "Deutsche Kriegs-Spielkarte" erreichten riesige Auflagen von mehreren Hunderttausend Stück und wurden kostenlos an die Soldaten ausgegeben. Martin Schutt/dpa

Die Herz Zehn zeigt einen Zeppelin vor Englands Küste, Großadmiral Alfred von Tirpitz gibt den grünen Ober, und der Eichelkönig ist für Kaiser Wilhelm reserviert. Als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg in Europa ausbrach, hatte das Auswirkungen auf alle Lebensbereiche - auch auf das Kartenspiel. Spielkarten avancierten sogar zum kriegswichtigen Gut. Denn die Obrigkeit wusste, dass Soldaten in ihren Gefechtsständen und Lazaretten Zerstreuung brauchten. Editionen wie die "Deutsche Kriegs-Spielkarte" erreichten riesige Auflagen von mehreren Hunderttausend Stück.

"Das Kartenspiel sollte den Soldaten den Schwermut des Krieges nehmen", erläutert Spielkartenexpertin Renate Reinhold vom Schloss- und Spielkartenmuseum im thüringischen Altenburg. Daher seien sie kostenlos an die Soldaten ausgegeben worden. Reinhold blättert in einem Ordner mit Kartenspielen aus jener Zeit, auf denen Größen aus Politik, Hochadel und Militär abgebildet sind, ebenso wie Gefechtsszenen und Parolen gegen den Feind. "Immer feste druff!", heißt es da etwa oder: "Den Engländern haben wir diesen blutigen Krieg vor allem zu verdanken. Drauf!" "Der Gedanke dahinter ist: Wenn man an mehreren Abenden mit solchen Karten spielt, prägt man sich diese Bilder und Parolen ein."

Gespielt wurden die damals gängigen Kartenspiele: Skat und Rommé ebenso wie Schafkopf oder Tarock. Dass die Deutschen mit Frankreich im Krieg lagen, tat allerdings dem weit verbreiteten französischen Blatt keinen Abbruch. "Das ist skurril: Man hat mit den Symbolen der Feindesnation gespielt", sagt die Leiterin des Deutschen Spielkartenmuseums in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, Annette Köger. Den Platz der Dame hätten dabei Allegorien wie die Germania oder die Austria eingenommen. Mit dem deutschen Blatt gab es da weniger Probleme, denn da gibt es den Ober statt der Dame.

Zwar frönten die Soldaten auch in früheren Kriegen ausgiebig dem Kartenspiel und trugen so zu dessen Verbreitung bei. Doch weil die technischen Voraussetzungen andere waren, erzielten Spielkarten etwa zur Zeit der napoleonischen Kriege noch nicht solche Massenauflagen, wie Köger betont - und hatten damit auch nicht eine so große Propaganda-Funktion.

Im Zweiten Weltkrieg sei dies wiederum anders gewesen, schildert Reinhold. Hier seien die Abbildungen auf den Karten noch weitaus martialischer und menschenverachtend - ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. "Darauf wurde erbarmungslos gegen Juden und Homosexuelle gewettert und das Hakenkreuz abgebildet", erklärt die Fachfrau. "Viele Karten sind so schlimm, dass ich sie nie ausstellen würde."

Gespielt wurde zu Zeiten des Ersten Weltkriegs freilich nicht nur an der Front. Die Kriegskarten wurden auch zivil verkauft, was dem Staat Spielsteuern einbrachte und bei Jugendlichen romantische Vorstellungen über den Krieg genährt haben dürfte. Um sie gezielt anzusprechen, gab es auch Quartette wie "Führer und Helden im Weltkrieg". Die Kehrseite des Krieges, der Millionen Menschen in den Tod riss oder zu Krüppeln machte, offenbaren solche historischen Spielkarten nur indirekt. So gab es eine Edition "zugunsten des Luftfahrerdanks". Reinhold: "Von jedem verkauften Spiel ging ein Pfennig an Fliegerwitwen, deren Männer im Krieg umgekommen sind."

 

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