ROMAN „16.7.41“

Norwegischer Ossi als Stadtführer in Berlin

Dag Solstad lässt einen Dag Solstad durch das Nachwende-Berlin pilgern. An dem Roman „16.7.41“ von der Ikone der Skandinavien-Literatur ist nicht allein der Titel eigenwillig.
Dag Solstad: 16.7.41. Dörlemann Verlag, Zürich, 2020
Dag Solstad: 16.7.41. Dörlemann Verlag, Zürich, 2020 Dörlemann Verlag
Neubrandenburg.

Die Karl-Marx-(zuvor Stalin)-Allee im Ostteil nennt er ein „imponierendes Bauprojekt sozialistischer Monumentalkunst“. In einem Restaurant am Kurfürstendamm, einst Signum Westberliner Selbstbewusstseins und Wohlstandsgeschichte, bleibt ihm etwas im Halse stecken, das schwer zu erbrechen ist. – Das „Ich“ in Dag Solstads Roman „16.7.41“ macht aus seinen Anteilsnahmen kein Versteckspiel: „Am Ton hört man, wer ich bin. Ein Ossi. Kein Wessi, das will ich gern einmal dartun. Es ist meine innerste politische Identität.“

Wobei zu wissen ist, dass Solstad der wohl wichtigste, zweifelsfrei eigensinnigste Gegenwartsautor Norwegens ist und für diesen Roman, der sein Geburtsdatum als Titel trägt, eine unkonventionelle Erzähler-Konstellation ausgeheckt hat: „Das schreibende Ich ist nicht identisch mit dem handelnden Ich, obwohl beide Schriftsteller sind und auch Dag Solstad heißen.“

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Der echte Solstad mietete 2001 für einige Zeit eine Zweizimmerwohnung am Maybachufer in Berlin-Neukölln. Kurz darauf erschien „16.7.41“ in seiner Heimat. Nun liegt der Roman in deutscher Übersetzung vor. Ein ungewöhnliches Buch, womöglich polarisierend. Typisch Solstad.

Erstaunliche Beobachtungsgabe

Die deutsche Wieder-Einheit ist ein Jahrzehnt alt, als sich besagtes Autor-Ich mit dem unverstellt/unverklärten Blick des Fremden und einer erstaunlichen Beobachtungsgabe in der Bundeshauptstadt herumtreibt. Er arbeitet sich ein in U-/S-Bahn-Pläne, Buslinien, kann sich in Verkehrsvernetzung vertiefen, begeistert sich selbst am Rauschen der Autoschlangen. Dieser Solstad taucht ab in Berlins Historie und wieder auf in der neuen „Mitte“ oder Plattenbau-Burgen à la Marzahn („gut in Schuss“, aber viel Leerstand). Einkehr in Kneipen und Cafés dient dem Menschenstudium, mit Bier oder Whisky oder beidem beglaubigt er sein Da-Sein.

In schäbigen Markenklamotten auf Tour, am Glas nippend, reflektiert er: Berlin sei „ein Zusammenschluss von zwei Städten, Westberlin und Ostberlin, mit einer eingerissenen Mauer dazwischen“. Es verhelfe zu menschlichen Erkenntnissen, „im Kommunismus unterdrückt gewesen zu sein, die von keiner westlichen Freiheit ersetzt werden können“.

Er meint Leute zu sehen, die „mit tiefempfundener Ironie um den Kommunismus“ trauern. In puncto Stadtentwicklung macht er einen „ganz klar westlich-arroganten Unterton“ aus. Das Berliner Schloss, das an Stelle des „auf dem Schafott“ befindlichen DDR-Palasts der Republik wiedererstehen soll, werde „nie etwas anderes als ein Pappschloss sein“.

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Dem eigenen Schreiben auf der Spur

Dieser Gedanken-Erzähler schert sich nicht um Fragwürdigkeiten, gar politische Korrektheit. Er stößt Leser-Reaktion an, und sei es Unverständnis, Abwehr. Der „Stadtführer“ von „Solstads Solstad“ lässt dem Nachwende-Berlin seine Rätsel.

Ein literarisches Kleinod ist der zweite Teil des Buches, in dem sich der Protagonist nach der Norwegen-Heimkehr in sein Elternhaus in Sandefjord zurückdenkt und mithin sich und also seinem Schreiben auf die Spur zu kommen versucht. Dieser Part zieht auf andere Weise in den Bann als der vorangegangene und ist einen eigenen Roman wert.

In Skandinavien gilt Dag Solstad als große Nummer, er spricht ironisch von einer „öffentlichen Inszenierung meiner Person“. Die Schwedische Akademie verlieh ihm 2017 den Nordischen Preis, gern „Kleiner Nobelpreis“ genannt. Norwegen gewährt Solstad lebenslang eine steuerfreie Staatsrente – Literaturförderung konkret.

Dag Solstad: 16.7.41. Dörlemann Verlag, Zürich, 2020. 287 Seiten, 22 Euro, ISBN 978 – 3 – 03820 – 081 – 9.

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