Schule

Pädagogen wollen alte DDR-Schreibschrift zurück

Schüler mit krakeligem Schriftbild verfassen nach Ansicht einiger Experten nicht nur unleserliche Texte, sondern machen auch mehr Fehler. Die Schulschrift der DDR soll daher Abhilfe schaffen.
Anna-Christina Bytom Anna-Christina Bytom
Anja Sokolow Anja Sokolow
Schreibbeispiele zu den verschiedenen Schriftarten, die an Grundschulen gelehrt werden.
Schreibbeispiele zu den verschiedenen Schriftarten, die an Grundschulen gelehrt werden. dpa-infografik GmbH
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Neubrandenburg.

Immer mehr Lehrer bemängeln die handschriftlichen Fähigkeiten ihrer Schüler. Nach Ansicht von Experten gefährdet eine schlechte Handschrift sogar den Lernerfolg.

Der Verband Bildung und Erziehung, hierzulande mit rund 164.000 Mitgliedern die zweitgrößte Pädagogen-Gewerkschaft, hat gemeinsam mit dem Schreibmotorik-Institut zu diesem Thema eine Untersuchung durchgeführt.

Mehr als 2000 Lehrer bundesweit machten mit. Ergebnis: Aus Sicht der Pädagogen können im Schnitt nur vier von zehn Schülern 30 Minuten und länger beschwerdefrei, also ohne Verkrampfung, Ermüdung oder Unleserlichkeit, mit der Hand schreiben.

Arbeitsgruppe „Schrift in der Schule“

Ursachen für die Probleme sehen sie in mangelnder Routine, schlechter Motorik und Koordination sowie Konzentrationsproblemen. Auch der stetig zunehmende Medienkonsum vieler Schüler wird von Lehrern mehrheitlich als problematisch empfunden. Zudem fehle es im Unterricht an Zeit, das Handschreiben mit den Schülern zu üben.

Die Arbeitsgruppe „Schrift in der Schule“ – bestehend aus dem emeritierten Siegener Professor für Deutschdidaktik, Wolfgang Steinig, der Pädagogin Katrin Eisfeld, der Deutsch-Expertin Viola Oehme von der Uni Siegen und Maria-Anna Schulze Brüning, Handschriftexpertin und Lehrerin an der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Hamm – fordert nun die flächendeckende Einführung der sogenannten „Schulausgangsschrift“ (SAS). Einer Schreibschrift, die 1968 vom Ministerium für Volksbildung der DDR als Erstschrift für Grundschüler eingeführt wurde.

Übung fehlt

Denn die Arbeitsgruppe sieht noch ein weiteres akutes Problem beim derzeitigen Vermitteln der Handschrift: Die Schreibschrift werde „nicht mehr intensiv genug gelehrt“. Die heutzutage gängige Methodik – das Erlernen von Druckschrift vor dem Erlernen der Schreibschrift – verwirre viele Kinder.

Die Experten warnen: Gelingt es in den ersten Schuljahren nicht, die Schreibbewegung zu automatisieren, kann es in höheren Klassenstufen schwierig werden, während des Schreibens Gedanken zu formulieren. Zudem koste es die Schüler Mühe, mitzuschreiben und ihre eigenen, schwer lesbaren Notizen als Lerngrundlage zu nutzen.

Schüler mit nachlässiger Schrift hätten Schwierigkeiten, bei Tests und Klausuren mitzuhalten, handelten sich wegen mangelnder Lesbarkeit unnötige Fehler ein und verlören schneller die Freude am Lernen. Schüler mit einer gut lesbaren und flüssigen Schrift hingegen machten weniger Rechtschreibfehler.

Petition im Internet

„Eine problematische Handschrift wird für immer mehr Kinder und Jugendliche zu einem gravierenden schulischen Handicap“, schreibt die Arbeitsgruppe, die im Internet eine Petition zur Wiedereinführung der Schulausgangsschrift veröffentlicht hat.

„Wir fordern, von Anfang an eine verbundene Schrift zu lehren, und zwar die Schulausgangsschrift“, so die Arbeitsgruppe. Die SAS ist in den neuen Bundesländern immer noch verbreitet. An westdeutschen Grundschulen wird die Schulausgangsschrift des Ostens mancherorts zwar gelehrt, meist wird jedoch die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) verwendet.

Problem mit den Kleinbuchstaben

„Diese Schrift erscheint auf den ersten Blick leichter schreibbar“, erklärt die Arbeitsgruppe. Doch: „Die Hauptschwierigkeit der VA besteht darin, dass alle Kleinbuchstaben an der Mittellinie beginnen und dort wieder enden, häufig mit einem kurzen Stopp. Die Schrift ist somit an einer Hilfslinie orientiert, die es nur in Grundschulheften gibt.“

Beim beschleunigten Schreiben in den weiterführenden Schulen – ohne Hilfslinien – fehle vielen Schülern dann der optische Halt beim Schreiben. Nicht selten kehrten die Kinder dann aus der Not zur Druckschrift zurück.

„Die Vermittlung von zwei Schriften erscheint so als vertane Zeit, die sinnvoller hätte genutzt werden können“, so die Autoren der Petition. Die Schulausgangsschrift sei einfach und schnörkellos gestaltet, ermögliche einen harmonischen Schreibfluss und könne als erste Schrift erlernt werden, ein verwirrender Schriftwechsel sei also gar nicht nötig.


(Quelle: dpa-Infografik. Zum Vergrößern bitte anklicken.)

„Grundschrift“ überfordert viele Kinder

An vielen Grundschulen werde zurzeit die sogenannte „Grundschrift“ genutzt, eine Druckschrift, bei der mehrere Buchstaben mit einem Häkchen versehen sind. Damit sollen die Schüler eigenständig Verbindungen zwischen den Buchstaben finden. Das überfordere jedoch viele Kinder. Zudem finde angesichts der Vielzahl der Möglichkeiten keine Automatisierung statt.

Bei der Schulausgangsschrift hingegen hätten auch leistungsschwächere Schüler „Erfolgserlebnisse über gelungene Bewegungsabläufe“. Sie sei unter Zusammenführung schriftgrafischer, motorischer und methodisch-didaktischer Aspekte entwickelt und umfangreich erprobt worden.

„Wir plädieren für die Einführung der Schulausgangsschrift (SAS) als verbundene Schrift von Anfang an, um so dem Handschreiben wieder die Bedeutung zu geben, die ihm als Voraussetzung für einen erfolgreichen Schriftspracherwerb zukommt“, fassen die Autoren zusammen.

Lehrer klagen schon lange über Schrift der Schüler

Dass Lehrer über die Schrift ihrer Schüler klagen, ist der Schriftforscherin Sibylle Hurschler Lichtsteiner von der Pädagogischen Hochschule Luzern zufolge absolut nichts Neues. „Schon in früheren Jahrhunderten haben sich Lehrer über die handschriftlichen Fähigkeiten ihrer Schüler beschwert“, so die Schweizer Wissenschaftlerin. Für eine objektive Einschätzung wäre aus ihrer Sicht eine empirische Studie mit den Schülern nötig.

Dass Schüler heutzutage länger als 30 Minuten schreiben sollten, hält Hurschler Lichtsteiner zumindest für die Grundschule für fraglich. „Schreiben hat eine wichtige Funktion, aber ist kein Ausdauersport mehr“, sagt sie. Die Handschrift sollte aber durchaus früh automatisiert sein, damit die Kinder den Kopf freihaben für die Planung ihrer Texte.

Aus Sicht vom „Verband Bildung und Erziehung“ können beim Verbessern der Handschrift neben klassischen Übungen übrigens auch Aktivitäten helfen, die eigentlich gar nichts mit Schreiben zu tun haben – aber die Feinmotorik trainieren: Malen, Basteln und Kochen. Schönschreiben lernen kann also auch Spaß machen.

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Kommentare (13)

30 min. beschwerdefrei schreiben. Ich wage mal zu behaupten das 9 von zehn Kindern mehr als drei Stunden beschwerdefrei auf ihrer Spielekonsole spielen können. Als man nach der Schule noch rausging in die reale Welt und sich nicht auf Servern getroffen hat, da war das Niveau in der Schule noch höher und die Kinder interessierter und schlauer.

1989 bis 2019 und ein Ende ist nicht absehbar - alles, was nur im Entferntesten nach DDR gerochen hat, wurde verdammt und verflucht - es war der Politik und den Kultus-Ministern schier unmöglich zu glauben, die DDR könne auch ein paar bewahrenswerte Aspekte hervor gebracht haben. 30 verlorene Jahre, das sind drei Schüler-Generationen, die zum Teil dümmer aus der Schule hinaus als hinein gingen. Die Feststellung der Fähigkeit, besser mit Spielekonsolen als mit Papier und Schreibgerät zurecht zu kommen, ist absolut zutreffend. Das betrifft sowohl die motorischen Fertigkeiten als auch die orthographischen Kenntnisse. Beweis ist der NK selbst - als Beispiel: "Interwallschaltung" - schreiben, wie man spricht......ha ha ha

Die Kinder, schreiben, heute schlimmer, als vor 50 Jahren, in der DDR Sonderschule.

Ich widerspreche Ihnen nicht, auch die Interpunktion hat damals bestimmt besser geklappt.

Ich habe noch, mein Schönschreibheft, von 1963, aus der Tagesoberschule.

liebster Feuerfuchs, nicht nur die Kinder ...

Mit dem fortschreitenden Wohlstand kam die Überbehütung der folgenden Generationen. Kindern nicht zu viel zumuten. Kinder selbst lernen lassen, wenn die Zeit reif ist ("kommt von allein") sind krude Ideen kommende Generationen auf das Leben vorzubereiten. Es mag sein, dass kommende Generationen eh nicht viel selbst handschriftlich verfassen müssen - aber das Gehirn wird so keineswegs komplett ausgebildet. Nimmt man die fixen Ideen von Energiewende, Vegetarismus und Klimahysterie ist umfangreiche Bildung nicht gewünscht. Dass nicht genügend Zeit für die Übungen da sind, liegt an den "modernen" Lehrplänen, sämtliche Kinder als Versuchskaninchen zu nutzen, um alberne Ideen zu testen (Kinder sollen selbst herausfinden, wo man ein Häkchen macht). Eigentlich braucht man bei derzeit 12 und 13 Jahren Schule keinen Lehrplan, da die Kinder sowieso alles selbst herausfinden und entscheiden sollen. Irgendwann kommt der Tag, wo 3-Jährige selbst entscheiden müssen, wann sie wo eine Straße überlebend überqueren werden und Erwachsene sie benoten danach, ob sie die andere Straßenseite geschafft haben, tot oder schwerverletzt auf der Straße liegen. Bildung kostet Geld und Zeit, da gibt es keine Alternative.

Leider ist das schreiben lernen nicht das einzige. Es fehlt oftmals auch jegliches Interesse an der Umwelt und besonders die Allgemeinbildung. Sicherlich auch eine Aufgabe der Eltern aber es ist abzusehen, wohin es in den nächsten Generationen gehen wird. Vielleicht ist eine gewisse "Verdummung" auch erwünscht. Wer wenig Interesse hat, hinterfragt auch weniger.

Früher wurde man, ermahnt, wenn man was weggeschmissen hat

Die Eltern kommen nicht mit, mit dem Stoff nicht mit, sagen sie, obwohl die Grundrechenart , geblieben sind.

Manche Kinder, sind hilflos, wenn man, ihn den Taschenrechner weg nimmt.

dieses Schriftbild kenne ich nur von Analphabeten oder 3te 4te Weltländern - ein Volk was nicht schreiben und lesen kann lässt sich ganz leicht regieren - denkt vielleicht manch ein Politiker - den Lehrern alleine die Schuld zu geben reicht nicht - verfolgt man unseren nicht Zeit gemäßen politischen Alltag was will man von dem System noch erwarten wenn fast regelmäßig wegen einer Kleinigkeit (pol. des kl. gemeinsamen Nenners) die Sau durchs Dorf getrieben wird und der Focus auf das Wichtigste/ eigentliche Ziel verloren geht

Es gab mal eine Lehre darüber, daß man an der Handschrift den Charakter / Schwächen / Stärken von Persönlichkeiten erkennen und deuten könne. Mir fällt der Begriff leider nicht ein. In Schweden schmeißen sie die Füller / Kulli weg und tippen auf Tastaturen bereits in der Grundschule rum. Lernen keine Schreibschrift mehr. Roboter werden gebraucht ...