BUCH-REZENSION

Peter Handke und die neue Harmonie

Der Nobelpreisträger zeigt sich in seiner neuen Geschichte „Mein Tag im anderen Land“ ungewohnt daseinsfreudig. Um des Widerspenstigen Zähmung handelt es sich aber keineswegs.
Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Suhrkamp Verlag, 2021
Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Suhrkamp Verlag, 2021 Suhrkamp Verlag Berlin
Neubrandenburg ·

„Für den Bruchteil eines Moments spürte ich den Tod in mir, wie er ansetzte zu einem Purzelbaum. Und da aber nichts geschah, atmete ich durch und ging erfrischt weiter.“ – So weitbrüstig und frei fühlen sich die neuen Helden von Österreichs Großautor Peter Handke (78). Wie bereits in der Langerzählung zuvor, „Das zweite Schwert“, endet auch die aktuelle (Dämonen)-Geschichte „Mein Tag im anderen Land“ des als Provokateur berühmt-berüchtigten Nobelpreisträgers in einem versöhnlichen Ton. Doch keine Bange! Das muss nicht Zahn-/Harmlosigkeit bedeuten.

Handke-Typen sind gemeinhin Außenseiter, allein, aber nicht einsam, höchst widerständig, gegen Zustände anwetternde Trotzköpfe. Und auch dieser Protagonist, ein Spalierobstbauer, scheint behext: Der führt zunächst ein asketisches Campingleben auf einem stillgelegten Friedhof, den er einzig verlässt, um mit „glühenden Augen, gesträubten Haaren, geblähten Nüstern“ Beschimpfungen und Schmähreden gegen all und jeden/jedes loszuwerden. Dörfler, Besucher, Amseln, Schmetterlinge, Kleeblätter, Himmelsblau, Nasenform – alles sei „häßlich und zum Hassen“ und bekommt sein Fett weg. Ein von unzähligen Dämonen Besessener, ein laut und böse orakelndes Original in Hochform.

Keine Einladung zum betreuten Lesen

Handke-Typen sind nicht nur Außersichgeratene und gegen die Schöpfung Wütende. Sie sind auch zwanghaft Reisende, nomadisch veranlagt. Zu einem Über-den-See-Setzenden wird nach seinen „Wahnjahren“ nun besagter Obstbauer, der am anderen Ufer in einem anderen Land – zum eigenen (und der Handke-Kenner) Erstaunen – das Wunder der Erlösung erfährt. Die Dämonen verlieren ihren Schrecken, der Befreite mutiert zu einem nachgerade „gesellschaftlichen Wesen“, wie er selbst erfreut feststellt. Steckt sich eine Bussardfeder ins Haar, spielt mit Wildfremden Tischfußball, speist in Gemeinschaft. Ein neuer Handke-Typus, dem Harmonie nicht suspekt ist. Er erlebt eine seelische Reinigung, erlangt innere Balance. Und dennoch: Um des Widerspenstigen Zähmung handelt es sich keineswegs.

Peter Handke macht aus der „Entgeisterung“ und Identitätssuche seines Obstbauern ein kleines poetisches Meisterwerk. Wie er immer wieder neu ansetzt und alle Sinne auf Empfang stellt, um (Ausnahme)-Situationen, Befinden, Verzweiflung und Hoffnung wahrzunehmen, auseinanderzufitzeln, auf den Grund zu gehen, in Sprache zu übersetzen, das ist klassisch handkest. Heißt: Hohe Literatur. Unkonventionell, kauzig, fesselnd. Eine Einladung zum betreuten Lesen wird – einmal mehr – nicht von Handke ausgesprochen. Gut so!

 

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land.

Suhrkamp Verlag, 2021, Berlin.
160 Seiten, 18 Euro.
ISBN 978 – 3 – 518 – 22524 – 0.

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