LITERATUR

Prosa mit klopfendem Herzen

Die 95-jährige Friederike Mayröcker ist die aufregendste Frau in der deutschsprachigen Literatur. Ihr neues Prosawerk „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ beschert eine sinnliche, rauschhafte Lese-Erfahrung.
Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020
Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020 Suhrkamp Verlag Berlin
Neubrandenburg.

Immer noch „barfusz über den Pfad des Nadelwalds“ unterwegs, in ihrer Vorstellung „high“ von „verblutender Blütenpracht“ überwältigender Gärten. Immer wieder auf eine „Überdosis Natur“ aus und neugierig auf sprachliche Abenteuer. Die 95-jährige Friederike Mayröcker ist die aufregendste Frau in der deutschsprachigen Literatur. Hellwach vom „Knall der Verliebtheiten, Vergeblichkeiten, Phantasien, Tagträume“, wie die Wienerin in ihrem neuen Prosawerk „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ schreibt. Den knappen Texten klopfen die Herzen. Die Lektüre beschert eine nachgerade sinnliche, rauschhafte Erfahrung.

Mayröcker schreibt, nun im Zeitraum vom 22. September 2017 bis zum 3. November 2019, ihr literarisches Lebenswerk fort. Diese „Proeme“ sind höchst unkonventionell, scheren sich um Regeln nicht, schon gar nicht um die der Interpunktion, doch wetzen Sinne, alle fünf und den sechsten auch.

Die Österreicherin schafft „im Unschlaf“ ein Gespinst aus Erinnerungen an die Kindheit, als sie ein „Mädchen mit schwarzen Haaren und blauen Augen“ war, aus Assoziationen, die Anstöße ebenso von Alltäglichem wie von Malerei erhalten. Aus Gedanken über lebende Kollegen à la Durs Grünbein, Marcel Beyer. Aus Gedenken Verstorbener, so des Partners und Experimentallyrikers Ernst Jandl. Privatkontakte, Korrespondenz, Tagebucheinträge und immer wieder die Natur als per se sensationelles Ereignis, ein Kraftquell unter „weiszer Wolkenperücke“.

Sprachfetzen und wunderbare Sätze

Den Notaten, die, so Friederike Mayröcker, „durch sich fortpflanzende Augen“ entstehen, wohnt etwas reizvoll Rätselhaftes inne. Einmal empfiehlt die Autorin: „Verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften.“ Stattdessen: Sich befreien von Verständnis- und Deutungszwang, sich emotional einlassen. Und genießen! Kaskaden von Sprachfetzen, Collagen, Spontaneität. Wunderbare Sätze, wie: „immer wieder entfällt mir das Wort RHABARBER aber die Storchenfüsze des Rhabarber waren rot.“ Noch einer: Was am Papagei begeistere, sei nicht der Vogel selbst, sondern „das Wort!“ Mayröcker wird eins mit ihren Sprachbildern. Für sie gibt es kein Leben außerhalb der Literatur: „ich bin der Hund, der mich anblickt.“

„Debütantin des Todes“ nennt sich die Avantgardistin angesichts ihres biblischen Alters und einhergehender Malaisen („bin Krüppelchen“, „bestehe nur noch aus Prothesen“, „meine Leibhaftigkeit ist mühselig geworden“). Die Liste der „Worte, die mir entschwinden“, werde länger. Man ist versucht zu beruhigen: Wer so exzentrisch, kreativ und besessen mit Sprache umgeht, wird nie Mangel leiden.

Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020. 208 Seiten, 24 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 22515 – 8.

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