Inspiriert von wahren Begebenheiten: Der Portugiese António Lobo Antunes bietet ein weiteres gewagtes Stück tiefen
Inspiriert von wahren Begebenheiten: Der Portugiese António Lobo Antunes bietet ein weiteres gewagtes Stück tiefenpsychologischer Hochliteratur. Luchterhand Literaturverlag
Spannende Literatur

Psycho-Trip ins Intimste von fünf melancholischen Mördern

Portugals Top-Erzähler António Lobo Antunes zeichnet in seinem Roman „Die letzte Tür vor der Nacht” einen widerwärtigen Mord nach – aus Sicht der Täter.
Neubrandenburg

Sie haben den Geschäftsmann – vor den Augen seiner kleinen Tochter – auf widerwärtigste Weise zu Tode gemartert, das Opfer dann mittels Schwefelsäure in einen anderen Aggregatzustand versetzt und in den Fluss entsorgt. „Keine Leiche, kein Verbrechen”, reden sich die fünf Mörder regelmäßig ein. In puncto Selbstverteidigung sind zwischen dem Rechtsanwalt, der der Kopf der Bande ist und Gesetzestexte sehr frei auslegt, seinem hirngespinstigen Bruder, einem skrupellos-pragmatischen Kräuterhändler und zwei halbweltlichen Geldeintreibern kaum Unterschiede auszumachen. Steuerbetrug in Größenordnung, Strohfirmen, Millionenbeträge – darum geht's.

Wer nun meint, es mit einem der Wochenend-Schmöker zu tun zu haben, in dem ein Charakter-Typ von Ermittler à la Brunetti, Kluftinger, Eberhofer launig seinen Fall zusammenwerkelt, wird überrascht sein. Der Roman „Die letzte Tür vor der Nacht” von António Lobo Antunes (80) hat mit dem Krimi-Genre nichts am Hut. Der Portugiese, einer von Europas besten Seelen-Forschern und Dauerkandidat für den Nobelpreis, bietet ein (weiteres) gewagtes Stück tiefenpsychologischer Hochliteratur. Inspiriert übrigens von einer wahren Begebenheit.

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Fragil-verpfuschte Existenzen

Lobo Antunes, einst Chefarzt einer psychiatrischen Klinik, nimmt seine Leser mit auf ebenso aufregende wie erkenntnisreiche (Psycho)-Trips ins intimste Innere der Mörder. Er lässt die fünf alternierend als Ich-Erzähler zu Wort kommen – und zu Offenbarungen. Traumata, verkorkste Kindheit, kaputte Elternhäuser, Sehnsüchte und Enttäuschungen, Missbilligung, Einsamkeit, Selbsthass, Obsessionen, Bindungs-, Beziehungs-, Erektionsprobleme, Leere statt Leben. Das volle Abgründe-Programm. Die Sensoren dieser fragil-verpfuschten Existenzen sind auf höchste Empfindlichkeit gestellt.

Einer der brutalen Schuldeneintreiber wundert sich, warum es unmöglich scheine, mit Leuten Freundschaft zu schließen, die er zuvor – rein beruflich! – habe „ein bisschen zerknautschen” müssen. Zumal er ihnen doch hinterher kürzeste Wege zur Apotheke weise.

Vertrauen in das literarische GPS des Publikums

Der Romancier geht einer Ungeheuerlichkeit auf den Grund. Er fragt: Wie konnten die Protagonisten zu Monstern werden? Es geht um Herkunftsterritorien, Sozialisation, auch kritische Gesellschaftsanalyse. Die Fünfstimmigkeit durchzieht eine leise Larmoyanz, Melancholie, ein Weltschmerz. Der Mix nennt sich Saudade, für den sind die Portugiesen legendär.

Immer wieder und so auch dieses Mal beschert Antunes' Mut, Erzählkonventionen in den Wind zu schießen, ein nachdrückliches Lektüreerlebnis. Der Ausnahme-Autor setzt seine Leser einem Gespinst an Assoziationen und Binnenstorys aus. Die Gedankenströmen der Mörder mäandern, legen abrupte Zwischenstopps ein, bisweilen mitten im Wort, und lieben Zeitsprünge. Sprachopulenz und Experimentierfreude verraten ein Ur-Vertrauen von António Lobo Antunes in das literarische GPS des Publikums und lassen an einen großen Landsmann denken: Modernismus-Ikone Fernando Pessoa (1888-1935).

António Lobo Antunes: Die letzte Tür vor der Nacht.
Luchterhand Literaturverlag, München, 2022. 558 Seiten. 28 Euro. ISBN 978 – 3 – 630 – 87628 – 3.

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