Literaturkritik
Psychonauten auf Dauertrip

T. C. Boyle: Das Licht. Hanser Verlag, München, 2019. 384 Seiten, 25 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 26164 – 8.
T. C. Boyle: Das Licht. Hanser Verlag, München, 2019. 384 Seiten, 25 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 26164 – 8.

US-Autor T. C. Boyle erzählt in seinem Roman „Das Licht“ von den pseudo-wissenschaftlichen Drogen-Experimenten der Gruppe um LSD-Guru Timothy Leary in den frühen Hippie-Jahren.

Auswüchse amerikanischen Größenwahns – das ist sein Generalthema. Damit ist Thomas Coraghessan Boyle (70), Lieblings-Ami deutscher Bücherwürmer, immer up to date, zu Trump-Zeiten ohnehin. Der flippige und fiebrig-fleißige US-Spitzbart geht mit seinem neuen Roman „Das Licht“ an die Urgründe der Hippie-Bewegung als radikaler Gegenkultur. In den frühen 1960ern war Lysergsäurediethylamid das (berauschende) Zauberwort – LSD – und der Psychologe Timothy Leary selbsternannter Guru einer Gruppe Doktoranden mit familiärem Anhang, die ihm infantil gehorsam folgte.

In Boyles Fiktion zählt der wissenschaftliche Assistent Fitz Loney zu dem exklusiven Zirkel, der systematisch „auf Trip“ sein will und in Sessions die LSD-Gaben wie ein Sakrament empfing. Konsequente Empiriker. Fitz will als menschliche Laborratte bei der Neu-Programmierung des Gehirns mitmischen.

Manipulator und Ladykiller

Man hält sich für revolutionär in der Psychotherapie, verfrachtet Freud & Freunde in die Mottenkiste. Die Vision von Leary & Co. – Bewusstseinsgrenzen sprengen, Persönlichkeitsforschung generalüberholen, Barrierefreiheit und Teamgeist durch Drogen herstellen, materielles Denken und sexuellen Besitzanspruch pulverisieren. Zufälle? Gibt’s nicht. Alles Karma! Ein bisschen Omm, eine Prise Buddha. Schon ist man Kult! Zumal die Presse mies ist, die Politik entsetzt auf die „Psychonauten“ reagiert. Leary, ein charismatischer Manipulator und begnadeter Ladykiller, macht sich zum LSD-Papst.

Die Dinge laufen aus dem Ruder, der Forschungsansatz wird zunehmend pseudo. Ein Nomadenleben: Nach den Anfängen in der Elite-Uni Harvard schießt sich die Kommune in Mexiko aus dem Spießbürger-Dasein in die Welt der halluzinogenen Substanzen und landet schließlich im Kaff Millbrook bei New York in einem Riesenhaus, das als Drogenvilla zu zweifelhaftem Ruhm kommen wird.

Die Tücken der freien Liebe

Fitz nennt seine Dissertation mittlerweile „Pissertation“ und hängt dauer-stoned herum. Immer dabei: Die Sonnenbrille, wegen des gleißenden Drogen-Lichts und Katzenjammers. Die freie Liebe in der Gruppe – es bleibt ja in der Familie! – zerstört die Beziehung zu Ehefrau Joanie. Sohn Corey spielt verrückt. Totaler Kontrollverlust: Fitz scheitert, privat und beruflich.

Alles andere würde die Roman-Leser auch überraschen. T. C. Boyle macht, was er am besten kann: Nicht mit sprachlicher Finesse und Experimenten, sondern mit erzählerischer Wucht, erprobten Tempowechseln und ironischen Piksern hält er sein Publikum hellwach. Typisch Boyle: Er vermag ein (bis heute nachwirkendes) Stück Zeitgeschichte mit solidem Entertainment zu verbinden. Im Vorfeld der Buchveröffentlichung verbreitete er sich gern über eigene Drogen-Erfahrungen in der Jugend – gewiefter Selbstvermarkter.

T. C. Boyle: Das Licht. Hanser Verlag, München, 2019. 384 Seiten, 25 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 26164 – 8.