Literatur

„Pubertiere“ in der Antike

Den ersten Erotik-Roman der Weltliteratur abgestaubt! Kurt Steinmann, der bereits mit der Übertragung von Homers klassischem Gemetzel für Aufsehen sorgte, hat nun die Liebes-Anleitung „Daphnis und Chloe“ frisch übersetzt.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Longos: Daphnis und Chloe. Manesse Verlag, München, 2019.
Longos: Daphnis und Chloe. Manesse Verlag, München, 2019.
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Neubrandenburg.

Dass sie zusammengehören, ist für diese Teenager keine Frage mehr. Die Symptome der Liebe sind eindeutig: Appetit- und Schlaflosigkeit, Blässe und Erröten. In Nachbarschaft als Hirten für Ziegen und Schafe haben sich das Mädchen Chloe und der wenig ältere Daphnis – einst von Adel-Familien ausgesetzt und von Bauern auf der Insel Lesbos aufgezogen – tief ineinander verguckt. Um die herzig-naive Ahnungslosigkeit jener „Pubertiere“ und ihr unverkrampftes Erkennen von Sinnlichkeit und Sexualität dreht sich Longos‘ „Daphnis und Chloe“, gern berühmtester Roman der griechischen Antike und erster Erotik-Text der Weltliteratur genannt.

Der Philologe Kurt Steinmann, der bereits mit der Versübertragung von Homers klassischem Gemetzel – „Odyssee“ und „Ilias“ – für Aufsehen sorgte, hat nun auch die kleine Liebes-Anleitung von Longos abgestaubt. Seine Übersetzung aus dem Altgriechischen neu ins Deutsche ist absolut gelungen. Eine Kunst! Steinmann respektiert das Original, dem Natürlichkeit und Unverdorbenheit eignet, und rührt mit einem Lächeln im Ton den heutigen Leser an. Eine zeitgemäße Erarbeitung, die mit Unterhaltsamkeit punktet. Zumal im Background eine nette Verulkung des Hirtenroman-Genres läuft.

Von harmloser Küsserei zu echter Leidenschaft

„Daphnis und Chloe“, im zweiten, dritten Jahrhundert entstanden, galt im Mittelalter als hohe bukolische Dichtkunst und europäischer Bestseller. Später outete sich Goethe als Fan: „Man thut wohl, es alle Jahre einmal zu lesen.“ Ein Lob, das – dank Steinmanns Frischzellenkur – auch aktuell Gültigkeit besitzt.

Es ist vergnüglich, dem Paar auf seiner Entdeckungsreise von harmloser Küsserei zu echter Leidenschaft zu begleiten. Den Ziegen und Schafen Liebes-Technik abzuschauen, das fällt schwer. Letztlich hilft Daphnis ein praktisches Lehrstündchen bei einer Dirne auf die Sprünge. Ehe es zum Happyend kommt, müssen auch die Götter mitmischen. So Pan, liebestoll, sinnestäuschend, treulos, notorisch Nymphen belästigend. Selbstredend Eros. Und: Es wird Action in die Beschaulichkeit von Lesbos‘ Landleben gebracht – heißblütige Chloe-Mitbewerber, Piraterie, Kidnapping, Raub, Gegenraub. Langeweile kann in diesem Liebesroman nicht aufkommen.

Longos: Daphnis und Chloe. Aus dem Altgriechischen von Kurt Steinmann. Manesse Verlag, München, 2019. 192 Seiten, 22 Euro. ISBN 978 – 3 – 7175 – 2486 – 1.