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Punkrock-Gipfel in Berlin

Farin Urlaub, Gitarrist der „besten Band der Welt“.
Farin Urlaub, Gitarrist der „besten Band der Welt“.
Matthias Balk

Sie stritten sich, sie prügelten sich – doch mit den Jahren wurde das Verhältnis entspannter. Nun standen die Toten Hosen und die Ärzte an einem Punkrock-Wochenende in Berlin auf der Bühne.

Berlin. 1982 fängt alles an. In West-Berlin formiert sich ein Trio, das mit Hits wie „Teenagerliebe“ und „Westerland“ begeistert. In einem Keller in Bremen geben Musiker aus Düsseldorf ihr erstes Konzert. Die Ärzte aus Berlin und die Toten Hosen aus Düsseldorf entwickeln sich parallel zu den erfolgreichsten deutschen Punkrock-Bands – Zoff untereinander inklusive.

Mittlerweile ist ihr Verhältnis recht entspannt. Nun konnten mehr als 100 000 Fans binnen eines Wochenendes sowohl die fünf Düsseldorfer als auch die drei Berliner erleben – auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin.

Ein Vergleich der einstigen Rivalen: „Wir Hosen haben uns immer als Kollektiv gesehen. Die Ärzte sind drei Individuen, die sich hoch konzentriert zum Arbeiten treffen“, sagte Campino (51), eigentlich Andreas Frege, am Donnerstag in der „B.Z.“. Aber Kollektiv hin oder her – auf der Bühne ist der Sänger der „Hosen“ die Rampensau. Nur er macht Ansagen.

Bei den Ärzten darf jeder mal im Rampenlicht stehen; Bela B. (50/eigentlich Dirk Felsenheimer), Farin Urlaub (49/eigentlich Jan Vetter) und Rod González (45). 62 Konzerte geben die Toten Hosen auf ihrer aktuellen „Der Krach der Republik“-Tour. In Berlin stehen sie zwei Stunden auf der Bühne. Die Ärzte kommen bei ihren Konzerten regelmäßig auf drei Stunden – auf dem Tempelhofer Feld macht sich daher leichter Unmut breit, als die Berliner bei ihrem Heimspiel nach einer Stunde und 40 Minuten erstmals von der Bühne gehen. Doch dann folgt ein Feuerwerk an Zugaben – unter anderem „Westerland“ – und die Fans sind versöhnt. So überflügelt die Band die Hosen und rockt zweieinhalb Stunden.

„Hardcore-Fan“ sitzen auch auf Picknickdecken

Ob bei den Düsseldorfern oder den Berlinern: Für Konzerte beider Bands sind die vergleichsweise günstigen Tickets oft weg wie nix. Jeder der insgesamt drei Punkrock-Abende in Berlin kostete 39 Euro. Bei den „Hosen“ war dabei der Punker mit eindrucksvollem Irokesen ebenso zu sehen wie der Neunjährige mit Ohrstöpseln und Mama. Wenige Minuten vor den ersten Takten der Ärzte sitzt ein Paar jenseits der 50 noch auf seiner Picknickdecke, während Jannis (11) es kaum abwarten kann. „Hardcore-Fan“ sei er.

Einst gab es diverse Streitigkeiten und sogar eine kleine Prügelei unter den Bands. „Wir sind uns inzwischen sehr grün“, so Campino vor einem Jahr. In Tempelhof sagt er: „Wisst Ihr, was das Gute ist, wenn man zu einem Toten Hosen-Konzert geht? Man kann das Beste von morgen und übermorgen schon heute hören!“ Dann singt er „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.

Die Berliner Band stichelt am Samstag: „An Abenden wie diesen fragt man sich: Warum kann‘s nicht immer so sein?“ – eine Anspielung auf einen Hosen-Song. Zum Abschluss verkünden die Ärzte, wer nach ihrer Ansicht Sieger des Punk-Gipfels in der Hauptstadt ist: „Das war die beste Band der Welt bei der Arbeit – zu Hause.“