LITERATUR-REZENSION

Quichotte bei den verrückten Amis

Im neuen Roman von Ausnahme-Autor Salman Rushdie will der verpeilte Titelheld Quichotte eine Talkshow-Queen erobern. Bei einem Road-Trip durch die US-Lande erlebt er den kompletten Wahnsinn des frühen 21. Jahrhunderts.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Salman Rushdie: Quichotte. Bertelsmann Verlag München, 2019
Salman Rushdie: Quichotte. Bertelsmann Verlag München, 2019 Bertelsmann Verlag
Neubrandenburg.

Eine Grille, die mit italienischem Akzent erklärt: „Ich bin eine Projektion des Gehirns.“ Eine Bronzestatue von Dänen-Dichter Hans Christian Andersen, die ihren Senf dazugibt. Eine Nachrichtensprecherin, die direkt über den Bildschirm in einen Dialog mit einem TV-Konsumenten gerät. Ein urplötzlich um die Ecke rasendes Mammut. Und: Ein nerdiger Protagonist „indischen Ursprungs, fortgeschrittenen Alters und mit schwindenden geistigen Kräften“, der quer durch die crazy US-Gegenwart tapert. Fantasie an der superlangen Leine: Salman Rushdie (72) wird mit dem neuen Roman „Quichotte“ seinem Ruf gerecht. Dem indisch-britischen Ausnahme-Autor ist bekanntlich wenig heilig, eine Trennung von Realem und Imagination ganz bestimmt nicht.

Fanatischer Anhänger geistlosen Fernsehens

Der Titel lässt es vermuten: Durch die Staaten cruist ein Erbe von Cervantes liebestollem Trauerkloß mit Hang zu Ritter-Roman-Schnulzen. Rushdies Quichotte im frühem 21. Jahrhundert – ein geschasster Pharma-Vertreter und fanatischer Anhänger geistlosen Fernsehens – ist ungesund verknallt in die schöne Miss Salma R., ebenfalls aus Bombay stammend, die die Wood-Brücke von Bolly- nach Holly- erfolgreich absolviert hat und zu einer Talkshow-Queen mutierte. Die Nummer zwei hinter der göttlichen Oprah.

„Ich bin indirekt, bescheiden, lyrisch, philosophisch, zärtlich, geduldig und edel“, behauptet dieser verpeilte Quichotte von sich. Um zu beweisen, dass er „der würdige Freier“ Salmas sei, meint er, merkwürdige Prüfungen bestehen zu müssen, und unternimmt zu diesem Zweck mit seinem (ausgedachten) Sohn Sancho einen Road-Täler-Trip durch die Ami-Landen. Was das ungleiche Duo erlebt – die komplette Bandbreite des Wahnsinns: Nationalismus und Rassismus, Body Shaming und Fettakzeptanz, Superhelden und Superschurken, Fake News und Internet-Monster, Influencer und Zombies, Cyberkrieg und Drogenmafia, Reality-Stars und Mad Maxe, eine schwindelerregende Junk-Kultur.

Entlarvende und unterhaltsame Verhohnepipelung

Salman Rushdie macht keine Betroffenheitsprosa daraus, sondern eine bissige, ebenso entlarvende wie unterhaltsame Verhohnepipelung. Um die „Apokalypse des Westens“ zu persiflieren, reicht bisweilen simple Abbildung. Erledigt sich von selbst! Mit Collagen und Szenen, die er rückwärts laufen lässt, gern auch in Zeitlupe, gönnt Rushdie sich und dem Leser diverse Späßchen. Klassische Erzähl-Strukturen? Wieso soll in einem Roman über den Zustand der Welt alte Ordnung herrschen, wenn diese Welt gerade den Verstand verliert!

Als Erzähler setzt Rushdie übrigens einen Sub-Unternehmer ein: Der ist ein mittelprächtig erfolgreicher Spionagethriller-Verzapfer, selbstredend Ex-Inder, und will parallel die Story von Zerstückelung und notdürftiger Reparatur der eigenen Familie loswerden. Ein Weilchen handeln beide Stränge vor sich hin, bis sie sich miteinander verheddern, reale Figuren zu fiktiven werden – und umgekehrt! Am Ende beraten die erfundenen Typen mit ihrem Erzeuger, wie es mit ihnen enden soll. Herrlich verrückt.

Salman Rushdie: Quichotte. Bertelsmann Verlag München, 2019. 462 Seiten. 25 Euro. ISBN 978 – 3 – 570 – 10399 – 9.

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