Kostbare Funde
Reiches Jahr für Mecklenburg-Vorpommerns Archäologen

Detlef Jantzen, Landesarchäologe, zeigt in seiner Dientstelle auf Schloss Wiligrad einen großen bronzezeitlichen Vorratstopf aus Keramik, der bei Grabungen entlang der Trasse für die Eugal-Erdgasleitung ab Lubmin in Richtung Süden gefunden wurde.
Detlef Jantzen, Landesarchäologe, zeigt in seiner Dientstelle auf Schloss Wiligrad einen großen bronzezeitlichen Vorratstopf aus Keramik, der bei Grabungen entlang der Trasse für die Eugal-Erdgasleitung ab Lubmin in Richtung Süden gefunden wurde.
Bernd Wüstneck

Der Silberschatz von Rügen aus der Zeit des Dänenkönigs Harald Blauzahn machte bundesweit Schlagzeilen. Die anderen archäologischen Funde des Jahres sind nicht minder aufregend – und oft genug höchst rätselhaft.

Mecklenburg-Vorpommerns Landesarchäologe Detlef Jantzen hat einen der schönsten Arbeitsplätze, den man sich denken kann. Sein Büro ist im Schloss Wiligrad nördlich von Schwerin untergebracht, im Zitronenholzkabinett von Großherzog Johann Albrecht von Mecklenburg, der 1920 in dem Schloss am See starb.

Jantzens Interesse gilt allerdings weit älteren Zeugnissen der Vergangenheit als dem restaurierungsbedürftigen Raum, dessen Wände mit exotischem Zitronenholz vertäfelt sind. Er präsentiert die schönsten und wichtigsten Funde des Jahres 2018. Neben dem Silbermünzen-Fund von Rügen aus dem späten 10. Jahrhundert, der im April bundesweit Schlagzeilen machte, gab der Boden in MV zahlreiche weitere aufregende Artefakte frei.

Teile des Silberschatzes von Rügen können der Regentschaft des legendären Dänenkönigs Harald Blauzahn (910-987) zugeordnet werden.

Das Silberschätzchen von Neubrandenburg

Anlässlich der Erschließungsarbeiten für das neue Wohngebiet „Steep” nahe des Tollensesees in Neubrandenburg gruben Archäologen Teile einer slawischen Siedlung aus dem 10./11. Jahrhundert aus. Neben viel Keramik entdeckten sie Reste von Silberschmuck – ein Teil davon zerhackt, um es als Zahlungsmittel zu verwenden. „Das war üblich”, erklärt Jantzen. „Was zählte, war der Silberwert, weniger die feine Verarbeitung.”

Manche Bruchstücke lassen mit ihrem zarten Gitterwerk und den kleinen aufgebrachten Silberperlen die einstige Schönheit der Schmuckstücke erahnen. Eine Halskette aus geflochtenem Silberdraht mit fein gearbeiteten Verschlüssen konnte weitgehend ohne Schaden geborgen werden – eine Seltenheit, wie Jantzen bemerkt.

Für die Archäologen ist etwas anderes mindestens ebenso wichtig wie das Edelmetall: „Wir haben hier einmal einen größeren Ausschnitt einer Siedlung vor uns”, sagt Jantzen. „Wenn die Ausgrabung aufgearbeitet ist, können wir lernen, wie die Struktur solcher Dörfer war.” Die Slawen lebten damals in Grubenhäusern, die einen halben Meter tief in der Erde steckten und recht klein waren, viele nur vier mal vier Meter. Wahrscheinlich waren Wohnen und Arbeiten getrennt.

Exquisiter Gold- und Silberschmuck bei Nostorf

Auf Edelmetall stieß ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger auf einem Feld bei Nostorf nahe Boizenburg im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Der Fund besteht aus einer silbernen Gewandfibel, einem zwei Zentimeter hohen, sorgfältig gearbeiteten silbernen Zierkegel und einem filigran verzierten goldenen Fläschchen, das auch nur 2,8 Zentimeter misst. „Es sind exquisite Stücke von Goldschmiedekunst aus dem 11./12. Jahrhundert”, sagt Jantzen.

Landesarchäologe Detlef Jantzen zeigt einen kleinen Gold-Flakon aus dem 11./12. Jahrhundert, den ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger auf einem Feld bei Nostorf nahe Boizenburg gefunden hat.

Das kleine Goldgefäß trägt Goldperlen und geflochtenen Golddraht, außerdem die Darstellung eines Gesichts. Stilistisch ähnele das Muster dem berühmten Goldschmuck von Hiddensee, sagt Jantzen. Der Fund soll näher erforscht werden. Offen sind Fragen wie diese: Hat ein slawischer Goldschmied die Dinge gearbeitet oder kommen sie von außerhalb? Wenn ja, auf welchem Weg? Jantzen: „Möglicherweise lebte am Fundort eine Elite, die sich solche Kostbarkeiten leisten konnte.”

Geheimnisvolle Bronze-Tierfiguren

In Weitin bei Neubrandenburg entdeckte ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger die wenige Zentimeter große bronzene Figur eines Rindes. Bisher wurden knapp 40 derartige Mini-Rinder in Mecklenburg-Vorpommern geborgen, sagt Jantzen. „Sie wurden an ganz verschiedenen Orten entdeckt und stammen aus der römischen Kaiserzeit, also aus den ersten Jahrhunderten nach Christus.”

Über ihre Funktion und Bedeutung sei bislang nichts bekannt. Jantzen zufolge wurden solche Figuren bislang hauptsächlich in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg gefunden.

Römische Goldmünzen aus der Zeit der Völkerwanderung

Dieser Fund in der Nähe von Gützkow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) ist so ungewöhnlich und bedeutend, dass er in der großen Archäologie-Schau „Bewegte Zeiten” in Berlin (noch bis 6. Januar, Gropius-Bau) zu sehen ist. Er besteht aus einem eingerollten Golddraht, in dem fünf römische Goldmünzen und eine kleine goldene Öse steckten. „Wir kennen inzwischen rund 400 römische Münzen im Nordosten”, sagt Jantzen.

Sie seien aus Kupfer, Bronze oder Gold. Die meisten stammten aus dem 1./2. Jahrhundert nach Christus und kamen vermutlich mit ehemaligen germanischen Söldnern in römischen Diensten in den Norden. „Diese hier stammen aber aus dem 5. Jahrhundert, also aus der Völkerwanderungszeit.” Bisher habe man angenommen, dass zu dieser wirren Zeit im Nordosten kaum Menschen lebten. „Gerade ändert sich das Bild”, sagt der Landesarchäologe.

Schlachtfelder an Warnow und Trebel?

Die Ausgrabung des bislang ältesten bekannten Schlachtfelds der in Europa im Tollensetal hat bereits das bisher gültige Bild einer friedlichen Bronzezeit erschüttert. Jetzt sind Hinweise auf mögliche weitere Schlachtfelder anderer Zeiten entdeckt worden. An der Warnow – bei Werle nahe Bad Doberan – wurde ein Schädel mit tödlichen Hiebverletzungen aus dem 5. Jahrhundert nach Christus gefunden, dazu ein sogenannter Riemendurchzug aus teilweise versilbertem Kupfer.

Er könnte von einem Pferdegeschirr stammen. „An der Warnow wurden früher schon Knochen mit Verletzungen geborgen”, sagt Jantzen. Womöglich habe sich während der Völkerwanderungszeit dort eine Schlacht abgespielt. Entlang des Flüsschens Trebel fanden Ehrenamtliche mehrere Flintpfeilspitzen und eine bronzene Lanzenspitze in Baggergut aus dem Gewässer. „Dies könnte ein Hinweis auf einen Kampf, aber auch auf ein Jagdgeschehen sein”, sagt Jantzen. Das Schlachtfeld im Tollensetal sei auch nach dem Zufallsfund mehrerer Pfeilspitzen ausgegraben worden.

Funde von der Eugal-Trasse

Die Eugal-Erdgastrasse führt über rund 100 Kilometer von Lubmin nach Süden durch Vorpommern, ehe sie weiter in Brandenburg verläuft. Vor dem Bau haben die Archäologen gegraben. Zu den Highlights der Funde gehört für Jantzen ein großer bronzezeitlicher Vorratstopf aus Keramik, der fast vollständig wieder zusammengesetzt werden konnte. „Wir haben 58 größere Grabungen unternommen, jetzt läuft noch die Baubegleitung.”

Entdeckt wurde dabei auch ein Feldlager aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Bei Wrangelsburg legten die Archäologen eine Bestattung aus der Jungsteinzeit – 4000 bis 2000 Jahre vor Christus – mit zwei sorgfältig gearbeiteten Feuersteindolchen als Grabbeigabe frei. Vom Skelett war nur ein Zahnrest erhalten. Weitere Funde in der näheren Umgebung belegen, dass das Areal bis in die Slawenzeit besiedelt war. Danach wurde es nur noch landwirtschaftlich genutzt.

Unersetzlich – Ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger

Die Profi-Archäologen in Mecklenburg-Vorpommern können sich auf rund 160 ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger stützen. Diese gehen systematisch „ihre” Gebiete ab und halten nach Oberflächenfunden Ausschau. Dafür werden sie geschult, und sie dürfen Metalldetektoren benutzen.

 Hobbyarchäologe René Schön und der 13-jährige Schüler Luca Malaschnitschenko fanden mit einem Metalldetektor den Silberschatz von Rügen.

Mit GPS-Geräten messen sie ihre Funde ein, damit der Forschung keine Informationen des Fundzusammenhangs entgehen. Auch den Silberschatz von Rügen aus der Zeit des Dänenkönigs Harald Blauzahn haben Ehrenamtliche entdeckt. Mit ihren Entdeckungen geben sie wertvolle Hinweise auf mögliche Fundstätten, die neue Erkenntnisse zur Landesgeschichte liefern.

Forschungen zur Schlacht im Tollensetal

Das derzeit größte Forschungsprojekt der Landesarchäologie ist das Schlachtfeld im Tollensetal. Zuletzt wurde dort 2016 gegraben. Bislang wurden die Überreste von rund 140 Individuen gefunden, die bei der Schlacht etwa 1300 vor Christus ums Leben kamen. In die Aufarbeitung der Fundstücke sind derzeit zwei Ingenieurinnen in Hamburg eingebunden, die mit Hilfe eines Computerprogramms die Wucht der Schläge und Hiebe mit den damaligen Waffen anhand der Verletzungen an den ausgegrabenen Knochen ermitteln. Auch DNA-Untersuchungen stehen an.

Seit 2009 graben Archäologen auf dem Schlachtfeld im Tollensetal. Es gilt als ältestes Europas und als bedeutende archäologische Stätte.

So wollen die Archäologen herausfinden, woher die Kämpfer kamen und ob sie möglicherweise miteinander verwandt waren. Weitere Grabungen am Ort des vorzeitlichen Kampfgeschehens sind nicht ausgeschlossen.