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Revekol – der Fujiyama an der Ostsee

„Der heilige Berg“ von Karl Schmidt-Rottluff. Auf seinen Bildern taucht der Revekol immer wieder auf.
„Der heilige Berg“ von Karl Schmidt-Rottluff. Auf seinen Bildern taucht der Revekol immer wieder auf.

Er war Wallfahrtsort, Landmarke und Inspiration: Der „heilige“ Berg im äußersten Nordosten von Pommern zog einst „junge Wilde“ in seinen Bann.

Der Leba-See an der polnischen Ostseeküste ist mit 75 Quadratkilometern in etwa zwei Mal so groß wie der Kummerower See. Dass sich mitten darauf zufällig zwei Ruderboote begegnen, ist relativ unwahrscheinlich. Und doch soll es vor vielen Jahren vorgekommen sein. Dass von dieser Begegnung bis heute erzählt wird, liegt unter anderem daran, dass in den Booten die beiden bekannten Künstler Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff saßen. Vor allem aber wird die Geschichte bis heute erzählt, weil die beiden Männer aneinander vorbei ruderten, ohne auch nur ein Wort zu wechseln – obwohl sie einst Kollegen waren.

Im Sommer 1905 gründeten die Architekturstudenten Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl und Erich Heckel in Dresden die Künstlergruppe „Brücke“. Ein Jahr später stieß auch Max Pechstein zu den „jungen Wilden“, die zum Wegbereiter des Expressionismus werden sollten. Einer Stilrichtung in der Kunst, bei der der Künstler versucht, sein eigenes Erlebnis darzustellen und weniger das, was tatsächlich zu sehen ist.

Mehr als 100 Kunstwerke werden gezeigt

Und noch etwas verband die beiden Männer: In den 20er, 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verbrachten sie viele Sommer im nordöstlichsten Winkel des historischen Pommerns, rund 300 Kilometer von Stettin entfernt.

Im Laufe der Jahre entstanden dort unzählige Kunstwerke „voll vibrierender Energie“, wie es in einer Ankündigung des Pommerschen Landesmuseums in Greifswald heißt, das im kommenden Jahr erstmals über 100 Werke von Pechstein und Schmidt-Rottluff in ihrer Entstehungsregion, also Pommern, zeigen wird. „Vorne lag das Meer, hinten die einsamen Strandseen: Die Temperaturen stiegen in sommerliche Höhe, hemdsärmlig pfiff man auf alle Konventionen und warf wie im Rausch glühende Akte in den Dünen oder die rhythmische Arbeit der Bauern und Fischer auf Papier und Leinwand“, heißt es weiter.

Große Ähnlichkeit mit japanischen Holzschnitten

Birte Frenssen, Kuratorin im Pommerschen Landesmuseum, ist es auch, die die Geschichte von den beiden Booten auf dem Leba-See erzählt. Und die einen Ring zeigt, den Karl Schmidt-Rottluff selbst geschmiedet hat und der als Stein einen schlichten Ostsee-Kiesel trägt. „Als Zeichen seiner Verbundenheit zum Meer“, sagt Birte Frenssen.

Von 1920 bis 1931 war der Künstler oft in Jershöft (heute Jaroslawiec), von 1932 bis 1943 ging er nach Rumbke (Rabka) am Leba-See in die innere Emigration. Der kleine Ort liegt auf einer Nehrung, die den Leba-See von der Ostsee abriegelt. Von dort aus gesehen liegt hinter dem See der Revekol, ein Berg, der von Schmidt-Rottluff „heilig“ genannt und mit dem Fujiyama in Japan verglichen wurde.

Für Birte Frenssen liegt dieser Vergleich nahe. Zum einen wegen der ebenmäßigen, erhebenden Form der beiden Berge. Und zum anderen habe die karge Landschaft rund um den Leba-See damals große Ähnlichkeit mit alten japanischen Holzschnitten gehabt.

Auch heute noch bestimmt der 115 Meter hohe Revekol das Hinterland am Leba-See. Vor der Verehrung, die ihm einst entgegen gebracht wurde, ist jedoch nichts zu spüren. Der Berg ist für Ortsfremde nicht ausgeschildert, der Aussichtsturm auf ihm nur von Mai bis September geöffnet. Allerdings finden sich in der näheren Umgebung kleine Schilder mit einer stilisierten Jakobsmuschel, die auf den Jakobsweg hinweisen.