Scherben von Prora

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Schräge Fotos vom Denkmal auf Rügen

Mit einer 60 Jahre alten Analogkamera hat der Mainzer Fotokünstler Markus Georg Reintgen den Wandel der Monumentalarchitektur von Prora dokumentiert.
Mit einer 60 Jahre alten Analogkamera hat der Mainzer Fotokünstler Markus Georg Reintgen den Wandel der Monumentalarchitektur von Prora dokumentiert.
Jens Köhler

Acht Jahre lang begleitete der Rheinländer Markus Georg Reintgen mit seiner Kamera den tief greifenden Wandel der ehemaligen Nazi-Immobilie in Prora. Sein Projekt „Scherben von Prora“ wurde jetzt mit dem europäischen Altiero Spinelli-Preis geehrt.

Der seltsamen Faszination des legendären „Kolosses von Prora“ konnte sich der Mainzer Fotograf Markus Georg Reintgen von der ersten Begegnung im Jahre 2008 nie wieder entziehen. Seitdem zog der Rheinländer viele Male durch die riesige Anlage, die von den Nazis als „Kraft-durch-Freude“-Seebad gebaut und zu DDR-Zeiten als Kaserne genutzt wurde und nun in eine Hotel- und Ferienwohnungsanlage umgewandelt wird.

Alle Fotos mit Analogkamera gemacht

Statt mit der heute üblichen Digitalkamera erkundete der 53-Jährige, der auch schon an Fotografieprojekten zum Mainzer Rathaus des Architekten Arne Jacobsen und zum jüdischen Gemeinschaftszentrum seiner Heimatstadt arbeitete, mit seiner analogen ADOX-Fotokamera aus den 1950er Jahren die sich wandelnde Monumentalarchitektur. In seiner fotokünstlerischen Dokumentation „Scherben von Prora“ experimentierte er mit Mitteln der Montage und Collage, vor allem aber mit Effekten des „Neuen Sehens“ wie extremer Untersichten, dynamisierender Diagonalen, radikaler Licht- und Schattenwirkungen und Achsverschiebungen.

„Es ist absehbar, dass das in Bau befindliche ,neue Prora’ die Erinnerung an Monumentalarchitektur und Sozialgeschichte zweier Diktaturen auslöschen wird“, kritisiert Reintgen. Teile der Blöcke seien bereits entkernt und in hochwertige Ferienwohnungen in Strandnähe umgewandelt worden. „Dabei ist zu befürchten, dass Prora gerade seine Mahn- und Denkmalfunktion weitgehend verlieren wird und das ‚Wohnen im Denkmal’ zu einer beliebigen Formel der Aufwertung von Wohnraum verkommt.“ Mit seinem Vorhaben habe er mit Unterstützung von Historikern versucht, die baulichen Veränderungen und Eingriffe sowie die unterschiedlichen Nutzungszusammenhänge darzustellen, zu kommentieren und zu deuten.

Kulturministerium MV zeigte wenig Interesse

Für seine Studien hatte der Fotokünstler zwei Stipendien der Landesregierung Rheinland-Pfalz erhalten. Das Schweriner Kultusministerium hatte sich dagegen zurückgehalten und kein Interesse gezeigt. Jetzt wurde die Prora-Dokumentation von der EU-Kommission mit einem 3. Platz des Altiero Spinelli-Preises geehrt. Der Preis würdigt die Verbreitung von Grundwissen über Europa.

Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert. Reintgen sagte, er hoffe mit seiner Arbeit dazu beizutragen, dass ein Teil des ebenfalls zum Verkauf freigegebenen Blocks 5 als Mahn- und Denkmal gesichert werde. Er würde seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen im Europäischen Kulturerbejahr gern einmal in Mecklenburg-Vorpommern öffentlich präsentieren.