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Über diesen Autor ärgern sich viele

Matthias Senkel ist ein Meister der feinen Ironie – nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Erzählen im Café.
Matthias Senkel ist ein Meister der feinen Ironie – nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Erzählen im Café.
Frank Wilhelm

Mit seinem ersten Roman „Frühe Vögel“ gewinnt Matthias Senkel den Johnson-Förderpreis. Dabei beweist der 36-Jährige eine erstaunliche Kreativität. Der Leser sollte allerdings Vorsicht walten lassen.

Matthias Senkel kommt gar nicht dazu, seinen Milchkaffee zu trinken. Nach einigen Minuten Anlaufphase fängt der Leipziger an zu Plaudern. Seine Augen leuchten. Schmale Schmunzelfalten zieren sein Gesicht. Der Zuhörer merkt schnell: Der Mann hat Spaß am Fabulieren, am Schreiben. Der Mann kann sich sogar über den Tod amüsieren. Er muss auch mit diesem Thema locker umgehen können, sagt der 36-Jährige, während er im Register seines Debütromans „Frühe Vögel“ blättert, für den er vor Kurzem den Uwe-Johnson-Förderpreis zuerkannt bekam.

Ob Mord oder Selbstmord, Herzinfarkt oder Vergiftung – satirisch schreibt sich Senkel durch zahlreiche Varianten von Todesarten.

Man könne einen oder zwei, vielleicht auch noch drei Tode ernst beschreiben, sagt Senkel: „Dann wird’s langweilig.“ Die Anleihe für sein literarisches Sterberegister hat der in vielen Dingen bewanderte junge Mann aus Gotteshäusern übernommen. Auf den gemalten Todesreigen, die sich oft durch den gesamten Kirchenraum ziehen, sind tanzende Menschen zu sehen. Der Tod als Erlösung – dies hat Senkel all seinen Haupt- und Nebenfiguren zugedacht. Über mehr als 100 Seiten erstreckt sich das Register der Tode. Aber Vorsicht! Nicht alle Toten Senkels sind real. Aber auch nicht alle sind erfunden.

Gerne führt er den Leser auf falsche Fährten

Vorsicht ist ein gutes Stichwort für die gesamte Lektüre. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verwischen oft. Der Erzähler führt den Adressaten immer wieder auf falsche Fährten.

Senkels Thema ist die Entwicklung der Luft- und Raumfahrt in Europa und den USA vor dem Hintergrund der Familie von Theodor Wilhelm Leudoldt. In den 1920-er Jahren heiratet und erbt sich der junge Mann mit viel Glück nach oben. Ohne größere Anstrengungen kann er seine frühen Fantastereien von Flugobjekten und Flügen ins Weltall ausleben. Leudoldt erinnert an Heinrich Manns Protagonisten Diederich Heßling aus „Der Untertan“ – der Prototyp des nach oben Buckelnden, des frühen deutschen Spießers, aber auch der Wegbereiter von zwei Weltkriegen.

Spätestens jetzt muss über die Form des Romans von Matthias Senkel gesprochen werden. Der gebürtige Thüringer rührt quasi ein „Leipziger Allerlei“ verschiedenster moderner Montagetechniken an. Das wissenschaftlichen Abhandlungen entlehnte Register wurde schon erwähnt. Im ersten Abschnitt leuchtet das Vorbild des Lexikonromans durch. Senkel nennt den serbischen Autor Milorad Pavic mit seinem „Chasarischen Wörterbuch“ als Vorbild. Der Leser kann sich wie in einem Lexikon alphabetisch durch inhaltlich unzusammenhängende Teile durcharbeiten. Er kann aber auch – wie es Senkel als zweiten Lese-Weg anbietet – der Chronologie folgen. Klingt kompliziert. Ist aber, wenn man den Dreh raushat, erfrischend und erkenntnisreich – schließlich muss zwischendurch immer auch noch im Toten-Register nachgeschlagen werden.

Matthias Senkel: Frühe Vögel. Berlin, Aufbau, 2012, 298 Seiten, 19,99 Euro.

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