Iwan Bunin: Nachts auf dem Meer. Dörlemann Verlag, Zürich, 2022
Iwan Bunin: Nachts auf dem Meer. Dörlemann Verlag, Zürich, 2022 Dörlemann Verlag
Literatur

Sensible Seelenkunde eines Flüchtlings

Die Erzählungen „Nachts auf dem Meer” von Nobelpreisträger Iwan Bunin sind ein Jahrhundert alt. Sie haben erschütternd aktuelle Momente.
Neubrandenburg

„Ja, so ist es – ich bin auf dem Schwarzen Meer, ich bin auf einem fremden Dampfer, ich bin aus irgendeinem Grund auf dem Weg nach Konstantinopel, mit Rußland ist es zu Ende, und mit allem, mit meinem ganzen Leben ist es zu Ende.” Dieses (autobiografische) Ich leidet, betrinkt sich. Um ihn herum: Chaos. Das Schiff „Patras”, übervoll von Flüchtlingen, gerät, als wäre die Verängstigung seiner Passagiere nicht schon groß genug, in einen Sturm. Ein jeder hat „ein unerhörtes, unvorstellbares Maß an Verlust und Not” erlebt, tödliche Gefahren. Dann das. – Die Geschichte mit dem Titel „Das Ende” von Iwan Bunin ist ein Jahrhundert alt und angesichts des gegenwärtigen Flüchtlingsstroms aus dem Ukraine-Krieg nachgerade erschütternd aktuell. Eine sensible Seelenkunde.

Der russische Großschriftsteller Bunin (1870-1953), ein kritischer, sich einmischender Intellektueller, verließ als 50-Jähriger das Heimatland. Er sah „sein” Russland in den falschen Händen, verfluchte die neuen Herrscher, die Bolschewiki, emigrierte 1920, kehrte nie zurück.

Fernab seiner Themen und Leserschaft

Was das Exil für den Mann, der 1933 als erster russischsprachiger Autor den Nobelpreis erhielt, bedeutete, darüber gibt der zehnte Band einer Werkausgabe mit dem Titel „Nachts auf dem Meer” Auskunft. Der vereint 28 Bunin-Erzählungen aus den Jahren 1920 bis 1924, von denen 15 erstmals ins Deutsche übersetzt sind.

Bunin landete in Paris, wo er trotz starker Emigranten-Community ein Fremdsein, eine Zerrissenheit, das Fernab von seinen Themen und seiner Leserschaft spürte. Er füttert sie dennoch, die sprichwörtlich russische Seele: „Dieses ganze wilde, unheimliche Theater, in dem der Russe mit Hingabe seinen Schmerz kleidet.”

Dem Moskauer Frühling die Liebe erklärt

In einem verqualmten Landcafé lässt Iwan Bunin von verzweifeltem Leid singen. „Der bittere Vorwurf, von dem dieses Lied schier birst, sind süßer als die höchste, die leidenschaftliche Freude.” Seine vorrevolutionären Schnitter beschwören mit ihrem Gesang „das gemeinsame Haus Rußland”.

Wobei der bemerkenswerte Satz fällt: „Es schien, als gäbe es keine Zeit, als hätte es sie nie gegeben.” Ob der Schriftsteller den „dem süßen Nichtstun” frönenden Zaubermächen-Narren Jemelija vom geliebten Ofen schubst oder dem Moskauer Frühling die Liebe erklärt – es sticht ein Heimweh.

Zarenzeit-/Bastschuh-Prosa mit Brüchen

Die geschliffene Zarenzeit-/Bastschuh-Prosa tritt einer nostalgisch-verklärenden Wirkung allerdings mit Brüchen entgegen. Bunin, alles andere als ein sowjetischer Untertan, weiß: „Das Tischleindeckdich ist zusammengeklappt.” Und: Es sind „von Ruhm und Ehre des russischen Reiches nur noch Krempelmärkte übrig”. Es wird abgerechnet.

In Paris, fiebrige Hauptstadt der Moderne, musste sich einer wie Iwan Bunin, der einen Pferderücken jederzeit einem Automobil vorgezogen hätte, verloren fühlen, fehl am Platz. Einige seiner aus der Zeit gefallenen Ich-Figuren transportieren diese Krise und Gespaltenheit des Flüchtlings. Es ist nachzulesen, wie sich der glänzende Stilist, der in der Nachfolge von Klassikern à la Tolstoi und Tschechow stand, neu erfand. Eine Lektüre, die emotional mitnimmt.

 

Iwan Bunin: Nachts auf dem Meer.
Dörlemann Verlag, Zürich, 2022.
336 Seiten, 26 Euro,
ISBN 978 – 3 – 03820 – 104 – 5.

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