„Nebelwand”
Sex, Lügen und Brandbeschleuniger im Usedom-Krimi

Jäckie (Oskar Bökelmann, rechts) und Karin (Katrin Sass) sind am Donnerstag im Usedom-Krimi „Nebelwand” aus dem Jahr 2017 im Ersten zu sehen.
Jäckie (Oskar Bökelmann, rechts) und Karin (Katrin Sass) sind am Donnerstag im Usedom-Krimi „Nebelwand” aus dem Jahr 2017 im Ersten zu sehen.
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Das Erste strahlt am Donnerstag den Usedom-Krimi „Nebelwand” aus. Obwohl er bereits aus dem Jahr 2017 ist, lohnt sich das Einschalten gleich aus mehreren Gründen.

Kommissarin Julia Thiel weiß schon lange, dass Usedom nicht so idyllisch ist, wie viele Touristen glauben. Im sehenswerten Usedom-Krimi „Nebelwand” aus dem Jahr 2017 muss sie sich um einen Fall kümmern, der weit in die Vergangenheit zurückreicht und gleichzeitig viel mit ihrer ganz persönlichen Gegenwart zu tun hat.

Die Ermittlungen, bei denen sich Thiel (Lisa Maria Potthoff) mal wieder von ihrer Mutter Karin Lossow (Katrin Sass) helfen lassen muss, sind so spannend wie die Auflösung überraschend. Das Erste zeigt den Usedom-Krimi am Donnerstag in einer Wiederholung ab 20.15 Uhr.

Nebelwand für Unfall auf Ostsee verantwortlich

Der Titel ist mit Absicht vieldeutig: Eine Nebelwand war angeblich für einen Unfall auf der Ostsee verantwortlich, bei dem zehn Jahre zuvor ein Ehepaar in einer Jolle getötet wurde, nur ihr Sohn Jakob hat damals überlebt. Und der scheint nun nach Usedom zurückgekommen zu sein und nennt sich inzwischen Jäckie. Vielleicht will er den Tod seiner Eltern rächen. Denn die Hintergründe des Unglücks damals sind vertuscht worden, die Wahrheit ist wie hinter einer Nebelwand versteckt. Und bisher hat sie niemand wirklich wissen wollen.

Jäckie aber weiß Bescheid und hat unter den Lügen lange genug gelitten. Kaum ist er wieder auf der Insel, brennt im Sportboothafen eine Segelyacht aus, und eine Obdachlose kommt dabei fast ums Leben. Dass es Brandstiftung war, steht schnell fest – jemand hatte eine Weinflasche mit Brandbeschleuniger aufs Deck geschleudert.

Nachwuchs macht Hauptdarstellern Konkurrenz

Starke Figuren hat der „Usedom-Krimi” mit der ehemaligen Staatsanwältin Karin Lossow – die selbst einige Jahre im Gefängnis saß – und ihrer Tochter, der selbstbewussten Polizistin Julia Thiel, sowieso. Und mit Katrin Sass und Lisa Maria Potthoff sind die Rollen perfekt besetzt mit zwei Frauen, die alle Männer neben sich blass aussehen lassen, Kollegen und Ehegatten eingeschlossen.

In „Nebelwand” (Regie: Andreas Herzog), dem vierten „Usedom-Krimi”, bekommen die beiden Schauspielerinnen allerdings Konkurrenz durch den Nachwuchs. Die Drehbuchautoren Scarlett Kleint, Michael Vershinin und Alfred Roesler-Kleint haben gleich drei Jugendliche ins Zentrum der Handlung gestellt. Da ist zum einen Jäckie, der nach dem Tod seiner Eltern schlimme Jahre im Heim und in Pflegefamilien hinter sich hat, von Oskar Bökelmann (Jahrgang 1997) mehr als überzeugend gespielt.

"Nebelwand" ist großes Kino

Seine Bekannte Simone würde alles für ihn tun, weil er der einzige ist, der sie nicht von oben herab behandelt. Lena Urzendowsky (Jahrgang 2000) ist für die Rolle der sensiblen, aber genauso aggressiven 17-Jährigen ebenfalls genau die Richtige. Und Emma Bading (Jahrgang 1998) spielt Karin Lossows Enkeltochter Sophie. Diesmal hat sie einen starken Auftritt als verletzliche Teenagerin, die sich einerseits in Jäckie verliebt, sich auf Sex mit ihm einlässt und andererseits herausfindet, dass an dem vertuschten Segelunfall auch ihr eigener Großvater beteiligt war.

Und so ist „Nebelwand” nicht einfach ein Krimi, bei dem am Ende die Polizei den bösen Täter dingfest macht, sondern ein vielschichtiges Drama und tatsächlich großes Kino. Viele Anspielungen und Seitenhiebe inklusive – auf Jugendhilfeprojekte zum Beispiel, bei dem es den Geschäftsführern mehr ums Geld als um die Jugendlichen geht. Am Schluss gibt es zwar ein Geständnis, das plausibel klingt. Aber ausgerechnet eine Weinflasche in der eigenen Wohnung lässt Kommissarin Thiel dann doch wieder zweifeln, ob die Wahrheit hinter der Nebelwand aus Lügen tatsächlich schon sichtbar ist. Ein starkes Ende für einen starken Krimi – das gibt es gar nicht so oft.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist anlässlich der Erstaustrahlung des Usedom-Krimis „Nebelwand” im Jahr 2017 entstanden und wurde entsprechend aktualisiert.