Nachruf
So kam Comic-Ikone Stan Lee zu Weltruhm

Stan Lee gilt als der Erfinder von Spiderman. Dem Marvel-Charakter, der dem Unternehmen jährlich Umsätze von knapp einer Milliarde Dollar einspielt.
Stan Lee gilt als der Erfinder von Spiderman. Dem Marvel-Charakter, der dem Unternehmen jährlich Umsätze von knapp einer Milliarde Dollar einspielt.
Ringo Chiu

Ein Universum trägt Trauer: Stan Lee, der Vater von Spiderman und vom Unglaublichen Hulk, ist gestorben. Seine Marvel-Superhelden retteten die Welt, waren aber nicht perfekt.

Bereits zu Lebzeiten galt Stan Lee (Stanley Martin Lieber) als die Ikone der modernen Comic-Welt. Nun ist Lee überraschend im Alter von 95 Jahren verstorben. Schon kurz nach Bekanntwerden seines Todes am Montagabend überschlagen sich die Kommentatoren im Internet, mit Beileidsbekundungen und Huldigungen für jenen Mann, der die bunten Bildchen in eine völlig neue Ära beförderte. Doch wer ist die Person Lee und wie schaffte er diesen grundlegenden Wandel?

1939 gelang dem Sohn aus Rumänien emigrierter Juden der Schritt in die Branche. Mit gerade 17 Jahren begann er als Assistent bei dem frisch gegründeten Label Timely Publications, welches sich später in Timely Comics umbenannte. Allerdings war sein Schaffen Anfangs nur auf Handlanger-Tätigkeiten beschränkt. So musste der junge Lee etwa Kaffee holen und Texte seiner Kollegen redigieren. Er erlebte zu dieser Zeit jedoch den Aufschwung des Verlags und  auch die sogenannte goldene Ära der Comic-Branche. Im Jahr 1941 veröffentlichte er, unter dem Pseudonym Stan Lee, seine erste Story.

Krise bei den Comic-Verlagen

Die Zeit des Aufschwungs währte allerdings nur einige Jahre und somit war Lee auch bei der ersten großen Krise des Genres mit dabei. So wurden die bunten Comics Mitte der 1950er immer öfter als jugendgefährdend eingestuft. Um Repressionen der US-Regierung zu entgehen, unterwarfen sich zahlreiche Comic-Verlage dem strengen Comic-Code - einer Art Selbstzensur. Auf Gewalt und Straftaten, aber auch auf Sex wurde überwiegend verzichtet. Schwierig, da die Comic-Helden regelmäßig auf der Jagd nach Verbrechern waren. Die Arbeit von Lee wurde immer weniger und so spielte er gar mit dem Gedanken, der Comic-Welt wieder den Rücken zu kehren.

In dieser schweren Phase gelang es einzig DC Comics, die fünf Jahre vor Timley gegründet worden waren, regelmäßig ihre Helden-Geschichten zu veröffentlichen. Die fast schon gottgleichen und nahezu unantastbaren DC-Charaktere, Superman und Wonderwoman, und die neu aufgelegte Gerechtigkeits Liga (Justice League) waren es jedoch, die der Szene – Ende der 50er – neues Leben einhauchten. Und so kam es, dass Stan Lee um 1960 vom Timely-Verleger Martin Goodman den Auftrag erhielt, neue Superhelden zum Leben erwecken.

Die Fantastischen Vier

Allerdings wollte Lee seine Schöpfungen von Anfang an nicht hochstilisieren und ihnen stattdessen eine menschliche Komponente angedeihen lassen. Dies betonte er bei Interviews immer wieder. Mit Angst, Trauer, Wut und nicht selten auch einem Spleen, sollten die neuen Superhelden von ihrem sprichwörtlichen Podest gehoben werden. Lee's erstes Eigengewächs, in Zusammenarbeit mit dem einflussreichsten Comic-Zeichner Jack Kirby, waren die Fantastic Four (zu deutsch: Die Fantastischen Vier). Die vier jungen Außenseiter gelangten durch eine kosmische Explosion zu ihren Superkräften und retteten die Menschheit fortan vor zahlreichen Schurken.

Spiderman

Unmittelbar nach den ersten Veröffentlichungen wurde der Verlag in Marvel Comics umbenannt und unter der Führung von Stan Lee als Chef-Redakteur wuchs das Imperium des Verlags. Den größten und lukrativsten Glücksgriff gelang dem Marvel-Team mit der Schöpfung von Spiderman, der der Marke aktuell Umsätze von einer Milliarde Dollar einspielt - jährlich.

Spiderman wird von einem schüchternen Jungen verkörpert, der von einer mutierten Spinne gebissen wurde und dadurch Superkräfte erhielt. Das Rad erfand Lee also selten neu und doch wurden die bunten Geschichten immer populärer. Die Landesgrenzen, waren auch durch Fernsehen und Kino kein Hindernis mehr und das Marvel-Netz konnte sich rund um den Globus spannen.

Die Fan-Gemeinde wuchs und wuchs. Doch immer wieder kamen Stimmen auf, dass vielmehr die Zeichner als Lee's Talent für den bahnbrechenden Erfolg sorgten. Doch sein berüchtigtes Ego und taktisches Geschick waren nicht minder wichtig. Gerade, weil er auch der vermeintlich schwachen Masse ihre eigenen Helden auf den Leib schneidern ließ.

Von Miss Marvel bis Black Panther

Da zeigten Heldinnen wie Miss Marvel oder Black Widow, dass Frauen es locker mit den Männern aufnehmen können. Der blinde Daredevil zeigte wiederum, dass es keiner Sehkräfte bedarf, um Schurken zu jagen. Selbst Hautfarbe schien kein Problem darzustellen, was der Charakter Black Panther zeigte. 1966, zu einer Zeit, in der ein schwarzes Leben Vielerorts in den USA wenig zählte, nahm er den Kampf gegen das Böse auf.

Bisweilen sorgte die schier unendliche Marvel-Kreativität auch für ziemlich skurrile Auswüchse. So wurde in einem parallelen Superhelden-Universum der korpulente Burgerbrater Butterball etabliert, dessen Fähigkeit einzig darin besteht, unbesiegbar zu sein – trotz seiner Körperfülle. Oder etwa Squirrel Girl (zu deutsch: Eichhörnchen Mädchen), die Kraft ihrer Gedanken Eichhörnchen steuern kann.

Unabhängig davon, ist das Interesse am Unglaublichen Hulk, Captain America oder etwa den X-Men ungebrochen, was sich in zahlreichen Kinofilmen niederschlug und auch weiterhin große Kinoproduktionen nach sich ziehen wird.

Stan Lee in besonderen Gastrollen

Was sich mit dem Tod von Lee in zukünftigen Marvel-Filmen allerdings ändern wird, ist die fehlende Gastrolle des kreativen Kopfes höchst selbst. Denn Stan Lee schlüpfte immer wieder in kleinen Gastrollen – sei es in Kinofilmen, Serien oder auch in den Comics – ohne sich dabei selbst zu ernst zu nehmen.

So spielte er bei Iron Man etwa einen leicht schrulligen Paketzulieferer oder bei Deadpool einen überdrehten DJ. Selbst als er kurz nach einer Herz-OP persönlich nicht an einem Drehort sein konnte, wurde Lee übergroß auf eine Häuserwand gezeichnet. So konnte er auch in Abwesenheit Teil einer Produktion sein – was künftig sicherlich auch denkbar ist.

One-Above-All

Als liebevolles Gerücht, zumindest innerhalb der Marvel Fangemeinde, hält sich indes, dass die mächtigste Figur des Comic-Multiversums, mit Namen One-Above-All (übersetzt, der über allem Stehende), eine Verkörperung von Stan Lee sei.

Die Figur habe die Macht über alle Comic-Figuren und wer könnte diese besser verkörpern, als Stan Lee – der verstorbene Vater der nahbaren Superhelden. Sein Tod zeigt der Welt einmal mehr, dass selbst eine Ikone den übermächtigen Endkampf gegen die Zeit nicht gewinnen konnte. Zurück lässt er nach seinen 95 Lebensjahren ein regelrechtes Imperium und das Wissen, dass kaum ein anderer so viel zur Entwicklung der modernen Popkultur beigetragen hat.