Stargeiger David Garrett kann endlich wieder seine Erfolgsmischung aus klassischen Stücken und Pop- und Rock-Nummern auf
Stargeiger David Garrett kann endlich wieder seine Erfolgsmischung aus klassischen Stücken und Pop- und Rock-Nummern auf großen Bühnen live präsentieren, unter anderem in Berlin, Hamburg und Schwerin. Christoph Koestlin
Nordkurier-Interview

Stargeiger David Garrett präsentiert unbekannte Seiten

Nach langer Pause kann David Garrett endlich wieder seine Erfolgsmischung aus klassischen Stücken und Pop- und Rock-Nummern auf großen Bühnen live präsentieren − ein Nordkurier-Interview.
Neubrandenburg

André Wesche hat mit dem 41-Jährigen Stargeiger David Garrett über Authentizität, Gänsehaut-Momente und spezielle Fans gesprochen − ein Nordkurier-Interview.

Sie haben kürzlich Ihre Autobiografie herausgebracht. Wie ist die Resonanz darauf?

Das Feedback ist toll. Wir waren knapp 19 Wochen in den Top-10 oder Top-20 der Spiegel-Bestsellerliste. Das freut mich umso mehr, weil das zeigt, dass das Buch wirklich auf Interesse gestoßen ist. Aufgrund der Pandemie hatte ich plötzlich die Zeit, um so ein Projekt umzusetzen, und es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, in Archiven zu wühlen und daran zu arbeiten. Wir haben die Idee gehabt, das Buch interaktiv zu gestalten. Nicht nur mit Bildern im Buch selbst, sondern auch mit Video- und Audiodateien und zusätzlichem Bildmaterial über QR-Codes. Die Rückmeldungen sind durch die Bank sehr positiv. Ich habe zumindest noch nichts Negatives gehört. (lacht)

Das Buch heißt „Wenn Ihr wüsstet“. Nun wissen viele Konzertbesucher auch viel Persönliches über Sie.Tritt man mit einem gemischten Gefühl auf die Bühne, wenn man den Schleier ein wenig gelüftet hat?

Nein, ganz im Gegenteil! Ich glaube, es fördert das Verständnis für meine Person und meine Facetten. Dementsprechend freue ich mich umso mehr, die Bühne zu betreten. Da existiert jetzt eine zusätzliche, engere Verbindung zu meinem Publikum. Ich bin sehr glücklich darüber. Ich habe das Buch auch geschrieben, weil ich ein paar andere, bisher unbekannte Seiten von mir zeigen wollte. Es freut mich, mit diesem neuen, sehr persönlichen Ansatz Musik machen zu dürfen.

Was erwartet den Besucher Ihrer „Alive“-Tour?

Wir waren drei Jahre lang nicht unterwegs, die Konzerte für das Album „Alive“ waren aufgrund der Pandemie verschoben worden. Das Publikum erwartet nun meine Band und mich, durch jegliche Musikrichtungen Spaß habend, auf der Bühne und eine fulminante Bühnenshow, viel Spaß und Lebensfreude – und vor allem richtig tolle Musik.

Spielen Sie ausschließlich Nummern, die Sie selbst mögen, oder bedienen Sie ab und an auch das Publikum?

Ich bediene mich als Künstler und Interpret. Natürlich hoffe ich, dass ich den Geschmack des Publikums treffe. Ich würde allerdings nie in letzter Instanz eine Entscheidung für das Publikum treffen. Das habe ich mein Leben lang nicht gemacht und bin so auch sehr gut gefahren.

Ich glaube, in dem Moment, in dem du versuchst, das Publikum zu befriedigen, lehnst du dich zu weit aus dem Fenster raus und bist nicht mehr authentisch. Ich muss die Stücke jeden Abend auf der Bühne präsentieren. Da würde ich mich mit Sachen sehr schwertun, die ich nicht mag. Das würde mir nicht in den Kopf kommen.

Hatten Sie schon mal einen Auftritt, bei dem alles schiefgelaufen ist?

Nein. Wir sind grundsätzlich immer auf alle Eventualitäten vorbereitet. Natürlich kann mal etwas passieren, aber das ist dann für das Publikum – und teilweise auch für mich – amüsant. Ein Konzert lebt auch von der Spontanität. Wenn ein Mädel mal irgendetwas Komisches in die Stille rein ruft, muss das Publikum genauso darüber lachen wie ich. Es ist schön, dass nicht jedes Konzert wie der vorherige oder nächste Auftritt abläuft. Jede Kleinigkeit macht ein Konzert besonders.

Uns ist mal die gesamte Soundanlage in der Mercedes-Benz-Arena, damals noch O2 World genannt, ausgefallen. Da war dann keine Verstärkung mehr da. Ich habe ein bisschen Solo auf meiner Geige gespielt, bis die Elektronik wieder funktioniert hat. Aber auch solche Sachen sind schön für das Publikum. Gut, ich selbst habe ein bisschen Blut und Wasser geschwitzt, weil selbst die Solo-Sachen bis zu anderthalb Stunden dauern. Ich wollte das Konzert nicht mit Bach beenden, aber es hat gut für die benötigten zehn Minuten gereicht. (lacht)

Gibt es einen bestimmten Gänsehaut-Moment, den Sie nie vergessen werden?

Ja. Es ist eine Sache, Musikstücke im Studio zu arrangieren und einzuspielen. Es ist aber immer etwas Besonderes, sie das erste Mal live vor einem Publikum zu spielen. Du hast zunächst immer nur eine Vorstellung, wie du persönlich auf ein Musikstück reagierst. Ob dein Gefühl richtig lag und das Publikum es auch so empfindet, ist wahnsinnig spannend. Insofern freue ich mich immer auf das erste Konzert mit dem neuen Repertoire. Das ist für mich der schönste Moment: Zu sehen, wie ein Publikum neue Stücke aufnimmt.

Kann ein besonders schöner Ort, eine besondere Location Ihr Spiel noch beflügeln?

Nein. Eine besonders schöne Location ist allerdings auch von der Bühne schön anzuschauen. (lacht) Aber ich spiele in der letzten Instanz für die Musik. Selbst wenn man mich in einen Keller stellen würde, würde ich mit Inbrunst und Leidenschaft spielen. Ich muss mir abends vor dem Einschlafen sagen können: „Du hast alles gegeben!“ Das hat nichts mit dem Ort zu tun.

Wie viel Prozent der Zuhörer würden es merken, wenn Sie nicht auf einer Stradivari oder dem Instrument von Guarneri del Gesù, sondern auf einem guten Mittelklasseinstrument spielen würden?

Mit Verstärkern? Null Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass ich ein sehr guter Geiger bin und das kompensieren kann. (lacht) Du brauchst schon ein sehr hochwertiges Instrument, um einen großen Sound zu haben. Wenn du auf einem Mittenwalder Instrument mit hoch gewölbter Decke spielst, dann hast du einfach nicht das Volumen in dem Instrument. Du kannst darauf drücken, wie du willst, das bekomme selbst ich nicht hin. Die Veranlagung des Instruments muss schon ordentlich sein, dann werden die Leute es kaum merken. Es sei denn, man ist es wirklich gewohnt, in der Philharmonie zu sitzen.

Was für eine Lebensdauer wird Ihren Schätzen noch beschieden sein?

Ich hoffe, sie halten noch, bis ich nicht mehr da bin. (lacht) Nein, ich glaube, wenn man gute Instrumente pflegt, haben die eine sehr lange Lebensdauer. Niemand kann sagen, ob die in zwei- bis dreihundert Jahren noch funktionieren und gut sind. Die letzten zweihundertfünfzig bis dreihundert Jahre haben sie gut überstanden. Ich glaube, dass es noch ein langes Leben sein kann. Dann werde ich aber nicht mehr da sein, um das zu erleben.

Ihre Russland-Tour haben Sie aus bekannten Gründen abgesagt. Sie haben viele Fans dort. Haben Siedie Hoffnung, jemals wieder dort auftreten zu können?

Natürlich! Musik ist auch dazu da, Menschen zusammenzubringen. Ich will nicht einfach eine gesamte Nation über einen Kamm scheren. Ich habe viele nette, kultivierte, liberale Menschen in Russland kennengelernt. Die haben es nicht verdient, das sich sage: „Ich werde da nie wieder auftreten.“ Musik muss immer eine Tür öffnen und darf sie nicht schließen. Man sollte sich grundsätzlich von dieser furchtbaren Sache distanzieren, das ist ganz klar. Wo auch immer man herkommt, nicht nur als Musiker. Ich glaube, dass es schon gar nichts Politisches mehr ist, sich vom Krieg zu distanzieren, sondern ein grundsätzliches Statement der Menschlichkeit.

Reagiert das Publikum in Mexiko, Deutschland oder Italien unterschiedlich auf bestimmte Nummern, und passen Sie Ihr Programm regional an?

Ja, natürlich. Wenn ich in Mexiko südamerikanische Sachen anspiele, die einen Latino-Charakter haben oder sehr rhythmisch sind, geht das Publikum schon ein Stück weit mehr mit, als wenn man dasselbe in Mitteleuropa spielt. Aber wenn du hier in Europa etwas von Beethoven spielst, ist das eher die Sache, wo eine Identifikation im Publikum stattfindet.

Das ist schon auf Nationen angepasst, ein bisschen hier und da. Ich werde nicht das gesamte Programm ändern, aber ich versuche immer ein bis zwei „Goodies“ für die jeweilige Nation parat zu haben.

Sie sind häufig auch im Fernsehen in Quiz- und Unterhaltungsshows am Start. Machen Sie das gern, oder gehört das für Sie einfach zum Geschäft?

Ich mache das sehr gerne. Wenn man ein bisschen durch mein Buch liest, weiß man, dass ich zur Schulzeit nicht so viele soziale Interaktionen hatte. Insofern hole ich das über solche Sendungen nach. Mir macht es Spaß, ich mache das sehr gerne und bin immer mit Elan und Energie dabei.

Werden Sie manchmal von Bands angesprochen, ob Sie nicht mal einen ihrer Titel in Ihr Programm aufnehmen könnten?

Ich werde für Kooperationen angesprochen, aber nicht im Sinne von: „Hey, hast du mal Lust, diesen Titel auf der Geige zu probieren?“ Das ist noch nie passiert. Ich habe allerdings auch noch nie eine Absage bekommen. Man muss ja immer die Rechte prüfen, ob man etwas überhaupt aufnehmen darf.

Ob das jetzt Metallica, Coldplay oder Lady Gaga ist, die Rechte müssen immer geklärt werden. Ich bin sehr froh und glücklich darüber, dass ich bis jetzt immer eine Zusage bekommen habe.

Haben Sie Groupies?

Ich kann diesen Begriff irgendwie nicht richtig einordnen. Habe ich Menschen, die vernarrt in mich sind? Ja. Finde ich das manchmal etwas spooky, also ein wenig gespenstisch? Ja. Auf der anderen Seite freue ich mich, dass ich den Menschen etwas gebe. Auch wenn das manchmal spooky ist. (lacht)

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