LITERATUR

Starke Schilderung des Schtetl-Milieus

Eine Entdeckung! Aus dem Nachlass von Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer ist der Roman „Jarmy und Keila“ erschienen. Der muss sich nicht hinter den Meisterwerken des jiddischen Autors verstecken.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2019 Suhrkamp Verlag
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Neubrandenburg.

Sie heißen: Lahmer Max, Itsche Einauge, Bertha Bastard, Schmuel Schmand, Feifele Klau, Fettkloß Reitzele, Mordkele Feuerbrand. Von Berufs wegen auf krummen Touren: Ganoven, Zuhälter, Diebe, branchenübergreifende Verbrecher im ärmsten jüdischen Viertel Warschaus, 1911. Ihr Anliegen: Keila, der schönen Rothaarigen mit reichlich Puff-Erfahrung, und dem Ex-Langfinger Jarmy den Neuanfang als ehrbares Paar oberhalb der Unterwelt unmöglich zu machen. „Ich möchte ein menschliches Wesen sein, keine Ware“, sagt Keila und träumt von einem Dasein ohne Furcht vor alten Bekannten, aber ebenso vor Pogromen im dem russischen Zarenreich einverleibten Polen. Eine berechtigte Angst.

Es geht dramatisch zu, wendungsreich, zuweilen schockierend, nie langweilig in dem Roman „Jarmy und Keila“ von Isaac Bashevis Singer (1904-1991), der in Polen geboren wurde und 1935 in die USA emigrierte. Als bislang einzigem jiddischem Autor – „Doß is majn schprach“ – erhielt er 1978 den Nobelpreis. Kurz zuvor schrieb er „Jarmy und Keila“, die Geschichte erschien zunächst in einer Tageszeitung als Fortsetzungsroman, nicht in Buch-Form. Nun endlich liegt das Nachlass-Werk auf Deutsch vor. Es muss sich nicht hinter Singers Meister-Romanen verstecken. Eine Entdeckung! Eigentümlich und zugänglich zugleich. Der Leser darf sich auf seine „Gefangennahme” einstellen.

Leben in jüdischer Gemeinde nicht romantisiert

Keine Schtetl-Gemütlichkeit. Singer ließ sich nach dem Hitler-Weltkrieg nicht dazu verleiten, das Leben der ausgelöschten jüdischen Gemeinden in Osteuropa zu romantisieren. Seine Milieu-Schilderung ist schonungslos, drastisch: Schmutz, Gewalt, Zwänge. Auch das Ghetto war nach den russisch-revolutionären Unruhen 1905 Schmelztiegel der Strömungen – der Ismusse: Anarch-, Sozial-, Kapital-, Zionismus wurden disputiert. Politische Verfolgung war an der Tagesordnung, Amerika das Sehnsuchtsland. Die jüdische Religion mit ihrer Vielzahl an Ritualen und der Volksglauben um Dämonen und Dibbuks gerieten vor allem bei jüngeren Juden mit modernen Ansichten in die Kritik.

Hartes Immigranten-Leben

Für den scheuen Bunem, Sohn eines Rabbis im Viertel, steckt der Vater „tief im Mittelalter“. Er liebe seine Eltern, „aber sie sind verrückte Fanatiker“. Bunem geriet in Verdacht, mit einer Freundin, einer Bakunin-Anhängerin, unter einer Decke zu stecken. Gemeinsam mit Keila, die nichts mehr mit Jarmy zu tun haben möchte, weil der mittlerweile unter dem miesen Einfluss eines Mädchenhändlers steht, flieht er in die USA. Bei „Uncle Sam“ ist der Dollar Gott, das Immigranten-Leben hart. Das ungleiche Paar – Bunem ein Intellektueller, Keila eine Analphabetin – hält mehr der Sex denn Geist zusammen. Und: Die Feinde aus Warschau machen sie in New York ausfindig.

In unverwechselbarem Ton geht es hin und her: Hoffnung und Tragik, Liebe und Abkehr. Handlungsarmut ist diesem Roman nicht vorzuwerfen. Singer hält die wachsende Personage in Rastlosigkeit. Die präzise Zeichnung der Figuren, für die es auch Vorbilder in der eigenen Familie gibt, ist seine große Stärke.

Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 464 Seiten, 26 Euro. ISBN 978 – 3 – 633 – 54296 – 3.

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