LITERATUR

Starke Storys der unbekannten Nobelpreisträgerin

Die polnische Ausnahme-Autorin Olga Tokarczuk legt im Erzählungsband „Der Schrank“ Köder für die Lektüre ihrer großen Romane aus.
Olga Tokarczuk: Der Schrank. Kampa Verlag, Zürich, 2020
Olga Tokarczuk: Der Schrank. Kampa Verlag, Zürich, 2020 Kampa Verlag
Neubrandenburg.

„Ergo Sum hatte Menschenfleisch gegessen.“ 1943, als der Vorfrühling eisig war und der Hunger im Krieg quälend. Einige Jahre (der Verdrängung) später – er ist nun Professor für alte Sprachen, ein bildungsverbürgerlichter Single – liest Sum bei seinem Liebling Platon diesen Satz: „Wer von menschlichen Innereien gekostet hat, wird unweigerlich zum Wolf.“ Und das Unbewältigte hat ihn in den Klauen. Ergo Sum sieht sich aufgefordert, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Oder vom Kopf auf die Füße?

Ungewöhnliches widerfährt den Figuren im Erzählungsband „Der Schrank“ von Olga Tokarczuk (58). Wie skurril auch immer, die Frage nach der eigenen Identität ist allen gemein: Wer, verdammt noch mal, bin ich?

Dem Werk der polnischen Ausnahme-Autorin ist eine weite Wahrnehmung zu gönnen. Als ihr im vergangenen Dezember der Nobelpreis von 2018 nachgereicht wurde, den die Schwedische Akademie zuvor wegen hausgemachter Skandale nicht vergeben hatte, geriet Tokarczuk medial fatal ins Hintertreffen. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf den parallel 2019er Nobelierten, den Österreicher Peter Handke, umstritten wegen seiner Parteinahme für Serbien seit Beginn der Jugoslawienkriege.

Eine hochbegabte Menschenerfinderin

Die erweiterte „Schrank“-Neuausgabe darf als Tokarczuk-Köder dienen. Die Schriftstellerin, eine studierte Psychologin, präsentiert sich als hochbegabte Menschenerfinderin. Wie Keime für ihre großen Romane sind die literarischen Motive und Perspektiven in der Storys-Reduktion angelegt.

In der Titel-Geschichte stellte eine Frau angesichts eines neu erworbenen alten Schranks fest, „zum ersten Mal dieses Gefühl der Unsinnigkeit meiner Existenz“ zu haben. Später stieg sie in den Schrank: „Darin war genug Platz für die ganze Welt.“ Auch für ihren Mann. „So wurden wir darin wohnhaft.“

Die Beobachtungen und das Philosophieren eines Zimmermädchens zu den Gästen im Hotel Capital sind bemerkenswert. Ebenso die Rückverwandlung nach der Schicht: Von einer verhuschten Putzkraft in ein exzentrisches Highheel-Fräulein. „Zimmernummern“ heißt diese Erzählung.

In „Amos“, einem Glanzstück, verliebt sich eine Bankangestellte in die Stimme eines Mannes, die sie während einer Unterhaltung im Traum vernimmt. Sie macht sich auf die Suche nach dem Eigner, ohne Erfolg. Am Ende bleibt ihr immerhin das Gefühl einer vagen Erkenntnis.

Protagonisten aus der Komfortzone geschubst

Olga Tokarczuk schubst ihre Protagonisten aus der Komfortzone, liefert sie – gern per Grenzüberschreitung und Magie – absurden Ausgangssituationen aus. Plötzlich stehen Existenz und eigene Definition in der Diskussion. Wurzeln sind gekappt. Seelenleben erweist sich als mega-komplex. Das ist verunsichernd, anreizend befremdlich, höchst spannend, für den Leser ebenso unterhaltend wie intellektuell herausfordernd. Kleine literarische Ereignisse. In Vollspeed-Zeiten rät Tokarczuk zu Ruhe und Unaufgeregtheit: „Die Worte brauchen Abstand, um etwas benennen zu können.“

Olga Tokarczuk: Der Schrank. Kampa Verlag, Zürich, 2020. 144 Seiten. 18 Euro. ISBN 978 – 3 – 311 – 21014 – 6.

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