GROßE ORGELNACHT

Stralsund hat sich den Traum als Orgelstadt erfüllt

Nach der Einweihung der nahezu komplett zerstörten Mehmel-Orgel in St. Jakobi laden die drei großen Stadtkirchen am Freitag zur spektakulären Orgelnacht.
Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) mit der restaurierten Orgel.
Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) mit der restaurierten Orgel. Ralph Sommer
Stralsund ·

Die Hansestädter sprechen vom Wunder von Stralsund. Der große Traum von Deutschlands prominentesten Denkmalpfleger Gottfried Kiesow hat sich tatsächlich erfüllt. In den 1990er Jahren hatte der 2001 verstorbene Gründer der Deutschen Stiftung Denkmalpflege den Stadtvertretern erklärt, welch einzigartiger Schatz da in den Backsteinkathedralen der ehrwürdigen Altstadt am Sund schlummert. Mit Hilfe seiner Stiftung, der öffentlichen Hand und zahlreichen Spendern waren daraufhin zunächst die Buchholz-Orgel in der Nikolaikirche und anschließend die über 300 Jahre alte Stellwagen-Orgel in der Marienkirche restauriert und wieder zum Klang gebracht worden.

Dass eines Tages aber auch die 1877 von dem Stralsunder Orgelbaumeister Friedrich Albert Mehmel gebaute Orgel in St. Jakobi eines Tages wieder erklingen wird, daran hatten nur wenige geglaubt. Denn wie die in DDR-Zeiten nur noch als Lager genutzte Kirche, war auch das einst zu den schönsten norddeutschen Kirchenorgeln zählende Instrument im Grund schon verloren.

Von der Orgel selbst war 2017, als die Restauratoren und der Dresdener Orgelbauer Christian Wegschieder zu Werke gingen, nicht mehr viel übrig. Von den einst rund 5.000, auf 69 Register und 4 Manuale verteilten Pfeifen existieren nicht einmal mehr 1.000, unter ihnen die beiden größten Mehmel-Holzpfeifen mit einer Höhe von über neun Metern. Die meisten der aus Zinn und Blei gegossenen Pfeifen waren nach dem verheerenden Bombenangriff 1944 aus der zerstörten Kirche gestohlen worden. Auch die technische Orgelanlage war stark beschädigt.

Nirgendwo sonst: drei Orgeln aus den Epochen des Barock, der Früh- und der Hochromantik

Drei Jahre später und dank 2,4 Millionen Euro Spenden und Fördergelder erstrahlt das prachtvolle barocke Orgelgehäuse mit seinen großen Figuren wieder im alten Glanz. Mit einer festlichen Weihe wurde vor wenigen Tagen die rekonstruierte Orgel, die nun über 51 Register mit 3.246 Pfeifen, 4 Klaviaturen und große Kehlbalgen verfügt, nach 76 Jahren wieder zum Leben erweckt worden. Experten sehen die Orgel als geradezu prädestiniert für Bach-Werke. Die Orgel sei nicht nur klanglich, sondern auch optisch ein Wunderwerk, schwärmt Gerd Meyerhoff, Stiftungsvorstand von St. Jakobi.

Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU), selbst Orgel-Fan, spricht von einem überwältigenden Stolz, dass in seiner Stadt nun gleich drei Monumentalorgeln bereitstehen, damit Organisten aus aller Welt künftig an den historischen Spieltische Platz nehmen und zu ganz unterschiedlichen Kirchenkonzerten einladen. Stralsund sei nun nicht nur UNESCO-Weltkulturerbestadt, sondern dokumentiere in anschaulicher und akustischer Weise die Kunst des Orgelbaus, der 2017 als Immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt wurde. „Mehr noch: Wie nirgendwo sonst verfügt Stralsund jetzt wieder über drei historische Orgeln aus den Epochen des Barock, der Früh- und der Hochromantik.“

Zusammen mit der zu DDR-Zeiten in St. Nikolai zusätzlich eingebauten Schuke-Orgel kann nach Einschätzung von Experten jetzt in Stralsund die komplette Orgelliteratur weitgehend authentisch zum Erklingen gebracht werden. „Kiesows Traum von einem baltischen Orgelzentrum ist endlich Wahrheit geworden“, sagt Badrow.

Gleich drei Konzerte in Orgelnacht

Gefeiert wird dies Freitagabend mit einer spektakulären Orgelnacht mit gleich drei Konzerten in den Stralsunder Stadtkirchen, allerdings coronabedingt mit zahlenmäßig begrenztem Publikum. Den Auftakt gibt am frühen Abend der französische Organist Jean Luc Ho an der Stellwagen-Orgel in St. Marien. Gut eine Stunde später bringt der Leipziger Gewandhausorganist Michael Schönheit die neue Jakobi-Orgel mit Johann Sebastian Bachs Toccata d-Moll, dem mit Abstand bekanntesten Orgelwerk europäischer Kunstmusik, zum Klingen. Und gegen 22.00 Uhr sind Jan Ernst aus Schwerin und Wieland Möller an der Buchholz-Orgel in St. Nikolai zu hören.

Die Stralsunder Orgeltage, die von nun an in allen drei großen Gotteshäusern zu erleben sind, sollen künftig jedes Jahr zum Ausklang der Sommersaison zu einem Highlight für Einwohner und Gäste gestaltet werden, ab 2021 hoffentlich dann auch wieder in vollständisch gefüllten Stadtkirchen.

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