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Verkauf historischer Werke des Stadtarchivs

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Stralsunds Bücher bringen in New York viel Geld

Ein wertvoller Druck mit Werken des Astronomen Johannes Kepler bietet ein New Yorker Auktionshaus an. Das Buch stammt ursprünglich aus Stralsund.
Ein wertvoller Druck mit Werken des Astronomen Johannes Kepler bietet ein New Yorker Auktionshaus an. Das Buch stammt ursprünglich aus Stralsund.
Marcus Brandt

Heimlich wurden historische Bücher aus dem Stralsunder Stadtarchiv verkauft. Jetzt wird der Schaden deutlich.

Die Spur der heimlich aus dem Stralsunder Stadtarchiv verkauften Bücher lässt sich inzwischen bis in die USA verfolgen. Ein wertvoller Druck mit Werken des Astronomen Johannes Kepler (1571-1630) sowie zwei weitere Bände aus dem Bestand der Stralsunder Gymnasialbibliothek werden jetzt in einem New Yorker Auktionshaus angeboten - allein der Kepler-Band für 181 000 Euro. Die anderen beiden Werke werden für 16 000 und 6000 Euro gehandelt.

Damit offenbart sich der Schaden, der durch den heimlichen Verkauf der Bücher im Jahr 2012 angerichtet wurde, jetzt scheibchenweise. Denn der Wert der Werke, die damals regalweise veräußert wurden, war offenbar völlig unterschätzt worden. Im Jahr 2012 wurden von der damaligen Leitung des Stralsunder Stadtarchivs 5926 historische Bände für rund 95 000 Euro an einen bayerischen Antiquar verkauft. Nach Bekanntwerden des Verkaufs und einer bundesweiten Protestwelle hatte die Welterbestadt Stralsund 5278 Bände zurückkaufen können. Die anderen Bücher waren bereits weiterverkauft worden. Nach Angaben der Stadt wurden 63 Bände inzwischen zurückgesandt oder über dem freien Markt erworben. Somit fehlen weiter 585 Bände.

Viel Geld in fremden Auktionshäusern

Stralsund sei um die Rekonstruktion der historischen Identität der Stralsunder Gymnasialbibliothek bemüht, sagte der Beauftragte der Stadt für die historischen Bestände, Burkhard Kunkel. Dass die Stralsunder Bücher jetzt in fremden Auktionshäusern und zu großen Preisen gehandelt werden, sei "schmerzhaft".

Anhand einer Negativliste, die im Abgleich mit früheren Inventarlisten erstellt wurde, hat die Stadt inzwischen einen genauen Überblick darüber, was fehlt. So sucht die Stadt unter anderem weiter nach einem Druck des Danziger Astronomen Johannes Hevelius - konkret der "Selenographia sive lunae siscriptio" von 1674 oder einem Werk des Schweizer Mathematikers Leonhard Euler, das 1736 in St. Petersburg erschien. Auch wenn einige dieser Werke wie der Euler mehrfach im Bestand des Archivs vorhanden seien, sei der Verlust schmerzhaft. "Viele Werke haben Schenkungsvermerke. Durch die Autographen werden die Werke zu unersetzbaren Einzelstücken", sagte Kunkel.

Die Spur reicht nach Stralsund zurück

Bei der Fahndung nach den verschollenen Büchern setzt die Stadt vor allem auf Recherchen im Internet, so sei man jetzt im Online-Handel des New Yorker Buchauktionators Jonathan A. Hill auf die drei Werke gestoßen. Die Bände sind dem Stralsunder Bestand zuzuordnen - alle tragen den Stempel "Bibliothek des Gymnasiums zu Stralsund". Ob und welche Bände zurück erworben werden könnten, werde im Einzelfall entschieden. Es sei letztendlich eine Kostenfrage.

Der von Hill in New York angebotene Kepler-Band ist eine Sammelausgabe mit drei der bekanntesten Werke des Astronomen aus den Jahren 1619, 1621 und 1622 - darunter Keplers "Harmonices Mundi" (Weltharmonik), einer Beschreibung des dritten Gesetzes der Planetenbewegung. Neben diesem sind ein Nachdruck von Werken des griechischen antiken Mathematikers Apollonius von Perge für rund 16 000 Euro sowie ein Druck von Homers Ilias und Odyssee aus dem Jahr 1559/60 für 6000 Euro im Angebot.

Die damalige Archivleiterin wurde nach einem juristischen Streit mit der Stadt ins Kulturhistorische Museum versetzt. Ob sie mit dem Verkauf ihre Verpflichtungsermächtigung überschritten hat, prüft weiter die Staatsanwaltschaft in Stralsund.