SOZIALES NETZWERK

studiVZ ist zurück und heißt jetzt nur noch VZ

Als Facebook noch nicht so bekannt war, verbrachten die Leute ihre Zeit bei studiVZ. Das Netzwerk ist zurück und will wieder Gruppen und Gruscheln bieten. Die Datenschutz-Versprechen sind groß, werfen aber Fragen auf.
Buschfunk, Gruppen und Gruscheln: So sieht die neue Seite von VZ aus.
Buschfunk, Gruppen und Gruscheln: So sieht die neue Seite von VZ aus. VZ.net
Neuland.

Es gab mal eine Zeit, da konnte man Menschen danach beurteilen, ob sie in Gruppen wie diesen Mitglied sind: „Du siehst so aus, als könnte ich einen Drink vertragen.” „Wenn ich alt bin, werde ich nur nörgeln. Das wird ein Spaß.” „Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem.” Nichts war leichter, Psychogramme nach solchen Gruppentiteln zu erstellen, die es bei studiVZ gegeben hat. Das Netzwerk wurde Ende 2005 gegründet und hatte zeitweise Millionen von Studenten versammelt. In den Hochzeiten soll es bei studiVZ und dem Ableger meinVZ 20 Millionen registrierte Nutzer gegeben haben, ehe Facebook dem Netzwerk den Rang ablief. Irgendwann um 2010 wechselten plötzlich viele Nutzer zum großen blauen Konkurrenten (von dem studiVZ eigentlich auch eine ganze Menge kopiert hatte) und mit dem Verzeichnis, für das VZ steht, war es irgendwie vorbei. So kann's gehen. Aber wer ist heute eigentlich noch bei Facebook aktiv?

Wer sich noch an sein Passwort erinnern kann, kann bis heute bei studiVZ reinschauen und in Erinnerungen schwelgen. Viel verpasst hat man oft nicht. Doch genau das soll sich nun ändern. Das Netzwerk will zurückkehren und sich ab sofort nur noch schlicht „VZ” nennen. Am 27. April ging die Website an den Start. Nutzer von studiVZ und meinVZ können sogar nach der Registrierung ihre alten Daten und Fotos übertragen. Immerhin sollen es noch mehr als 9 Millionen Accounts, hunderte Millionen Studentenbilder oder Spielstände geben, wie es in einer Mitteilung von „VZ Networks” heißt. In etwa drei Monaten sollen die alten Netzwerke dann tatsächlich abgeschaltet werden.

Es gibt nicht mal eine App

Zum Neustart erklärt nun Agneta Binninger, Geschäftsführerin der VZ Netzwerke: „Social Media ist in Verruf geraten und Datenausverkauf wird in deutschen Medien immer wieder als Thema aufgegriffen. Die aktuellen Anbieter sind unübersichtlich, kommerziell und Alles wird auf der Timeline breitgetreten. WhatsApp ist toll, bietet aber keinerlei Funktionen, wenn aus einer der Gruppen mal ein Event oder eine organisierte Community werden soll und Instagram ist vor allem auf eine gute visuelle Selbstdarstellung und perfekte Selfies ausgerichtet. Sowohl Facebook, Instagram und YouTube sind Profil und Timeline zentriert.” VZ will nun eine Alternative auf dem deutschen Markt bieten. „Ein komplett auf Gruppenkommunikation ausgerichtetes Netzwerk gibt es in der Form auch nicht.” Zum Start gibt es zunächst eine Beta-Version, Ziel sei es, sie anhand von Feedback der Nutzer weiterentwickeln zu können. Eine App gibt es noch nicht, in diese sollen die Ideen aber einfließen, wie es heißt.

Da sich das neue VZ so sehr auf die Gruppen konzentrieren will, für die es früher so bekannt war, will es wohl eine gemütliche Retro-Ecke schaffen und die Leute ansprechen, die schon vor 15 Jahren dabei waren. Die Kids von TikTok holt man wohl anders ab. In einem fluffigen Werbevideo ist zu sehen, wie man in den Gruppen chatten und Termine planen kann. „Ohne externen Messenger und unübersichtliche Timeline.” Allerdings muten die Beispiele aus diesem Video in Tagen der Corona-Pandemie auch schon wieder etwas retro an: Es geht um Foren für den Sportverein, das Planen von Sommerfesten und anderen Events oder das Anlegen von Reisetagebüchern. Macht bestimmt Spaß, wenn die Grenzen dicht sind. Hat hier jemand Quarantäne, Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkung gesagt?

Immerhin: Es darf auch wieder gegruschelt werden!

Verknüpft mit Facebook und Google

Neben dieser neuen Grundausrichtung verspricht VZ, viel Wert auf Datenschutz zu legen. So solle es keinen Datenausverkauf, kein Tracking und keine kommerzielle Algorithmen geben. Das Netzwerke werde auf deutschen Servern betrieben und man habe das Ziel, „die Privatsphäre der Nutzer wieder besser zu schützen”. Doch in der eigenen Datenschutzerklärung klingt das schon wieder anders. VZ schreibt dort, dass es Social Plugins von Facebook und Twitter einsetzt und auf verschiedene Dienste, unter anderem von Google, zurückgreift. Wörtlich steht dort auch dieser Satz: „Die Nutzung des Facebook-Plugins auf unserer Seite ist ebenfalls über Art. 6 Abs. 1 lit. f) DSGVO gerechtfertigt, da wir ein berechtigtes Interesse daran haben, unser Angebot mit Facebook zu verknüpfen.” Die Server dieser Anbieter stehen übrigens in den USA. Und die Dienste nutzen genau das Tracking, das VZ nicht einsetzen will. Sie verfolgen ihre Besucher auch zu anderen Internetseiten, um ein Profil zu erstellen. Hat hier jemand Datenausverkauf gesagt?

VZ betont, dass es sich ausschließlich durch sichtbare Werbung auf der Plattform, etwa durch Bannern oder Videos finanziere. Das Unternehmen mit Sitz in Berlin gehört nach eigenen Angaben seit 2018 dem Unternehmer und ehemaligen Lieferando-Gründer Jörg Gerbig, der studiVZ und meinVZ aus der Insolvenz gekauft hat.

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