REZENSION

Stürme, Flut, Zeitenwende – eine Frau allein gegen den Rest der Welt

Wer profitiert von eklatanter Naturzerstörung und gesellschaftlichem Chaos? Dieser Frage geht Noah Richter im Roman „2,5°. Morgen stirbt die Welt” nach.
Buchcover zu Noah Richter „2,5°. Morgen stirbt die Welt”.
Buchcover zu Noah Richter „2,5°. Morgen stirbt die Welt”. Ulrike Schubel
Neubrandenburg ·

Apokalypse jetzt. Der Weltuntergang steht vor der Tür. Nee, den wollen wir wirklich nicht reinlassen, der kann uns gestohlen blieben. Vor allem dieses Szenario: Brände allerorten, die Böden vergiftet, die Luft verschmutzt, Wassermassen fluten das Land, Großstädte wie Hamburg, Kiel, Rotterdam sind verloren, auch Berlin hat nasse Füße, Flüchtlingsströme ziehen durch die Welt. Nichts ist mehr so, wie es einst war. Zeitenwende. Und dann marodieren noch – als gebe es nicht Unheil genug oder gerade, weil es Unheil genug gibt – Banden durchs Land, sammeln sich rechtsextreme Heerscharen, um die Macht zu ergreifen, fischen Sekten erfolgreich nach potenziellen Opfern, steigern Konzerne ihre Gewinne munter weiter und bringen sich Öko-Terroristen gegen die Klimakatastrophe in Stellung.

Jetzt lesen: Steinmeier: Pandemie nicht die „Pausentaste” für Klimawandel

Ein Unfall? Oder doch Mord?

Das alles und noch ein paar schlimme Dinge mehr hat Autor Noah Richter vereint in seinem neuen Roman „2,5°. Morgen stirbt die Welt”, dessen Geschichte er in naher Zukunft spielen lässt. Trost allerdings gibt es auch: Corona zumindest scheint die Menschheit überstanden zu haben, das Virus wird nur in einem Nebensatz erwähnt. Nun denn: Hauptfigur ist Leela Faber, die in Wittenburg lebt, schwanger mit Zwillingen ist und als Autorin ihre Brötchen verdient. Ihr Freund Jacob ist Gletscherforscher und als Geologe auf einer Station in der Antarktis. Die Innenstadt ihres Heimatortes ist überschwemmt, ihr Vater ist arbeitslos und trinkt, die Mutter glaubt den Versprechungen einer obskuren Sekte, die kleine Schwester dazwischen. Da erfährt Leela, dass ihr Jakob bei einem Gletscherabbruch gestorben ist. Ein Unfall? Oder doch Mord, weil er einer Verschwörung auf die Spur gekommen ist?

Eine geheimnisvolle Nachricht

Kurz vor seinem Tod hat Jakob seiner Leela nämlich noch eine Nachricht geschickt, verschlüsselt, die sie nach Berlin bringen soll. Purer Sprengstoff, denn von nun an ist Leelas Leben und nicht nur ihres in Gefahr. Sie muss davonlaufen – vor einem gedungenen Mörder, vor den Intrigen der mächtigen "Black Seven", für den Kampf gegen die Klimakatastrophe und das Wohl des gesamten Erdballs. Was sie letztendlich tut, ist unglaublich – und sie muss einen hohen Preis dafür zahlen. Der Leser soll allein ein Urteil finden. Darf man das tun, was sie getan hat? Was ist eigentlich richtig, was ist falsch? Und ist es in Ordnung, wenn man Millionen Leben und die Erde rettet, dass man dafür 20 Menschen tötet?

Ein Daumenkino ist auch mit dabei

„Ich heiße Leela Faber, ich bin vierundzwanzig Jahre alt. In einer halben Stunde werde ich mein Hotelzimmer verlassen, zum Kongresszentrum gehen und eine Gaskartusche mit dem Rotationswärmetauscher der Klimaanlage verbinden.” Damit beginnt das Buch und eben auch Leelas Geschichte. Sie erzählt ihre selbst – die der anderen Figuren werden von außen beobachtet. Von Kapitel zu Kapitel wechselt der Fokus, das Ganze wirkt quasi wie ein Flechtwerk – manchem Charakter fehlt ob der Fülle an Lebenslinien und Geschehnisse allerdings die Tiefe, die er bräuchte. Der Einband in Schwarz und Rot unterstreicht das Weltuntergangsszenario, faszinierend das Daumenkino, das sich von Seite zu Seite entwickelt: eine Thermometer-Skala, die Säule darin steigt und steigt und steigt – wie die Spannung auf den Seiten.

Der Autor, der in diesem Falle unter dem Pseudonym Noah Richter schreibt, verfasst Drehbücher, Theaterstücke und Spannungsliteratur, ist nach Angaben seines Verlages „engagierter Klimaschützer”, ihm liege der Klimawandel „sehr am Herzen”. Deshalb auch dieser Roman, der zeigen wolle, was auf uns zukommen könnte, wenn man die Klimakatastrophe nicht aufhalten würde.

Noah Richter: 2,5°. Morgen stirbt die Welt.Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021, 10,99 Euro

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

zur Homepage