„SCHOCKRAUM”

Tobias Schlegls Leben als Sanitäter-Azubi war hart

Tobias Schlegl ließ vor Jahren seinen TV-Job sausen, um sich zum Notfallsanitäter ausbilden zu lassen. Der harte Alltag ließ ihn fast aufgeben. Als Therapie und Lobbyarbeit schrieb er jetzt einen Roman.
dpa
Tobias Schlegl hat sein neues Buch „Schockraum” vorgestellt.
Tobias Schlegl hat sein neues Buch „Schockraum” vorgestellt. Georg Wendt
Tobias Schlegl hat sein neues Buch „Schockraum” vorgestellt.
Tobias Schlegl hat sein neues Buch „Schockraum” vorgestellt. Georg Wendt
Hamburg.

Wer im Rettungswesen arbeitet, wird beinahe jeden Tag in langen Schichten mit dem Tod konfrontiert. Das ist gerade für Anfänger hart. Vor mehr als vier Jahren war Moderator Tobias Schlegl („Aspekte”, „Extra3”) der Grünschnabel in der Branche. Kurz vor seinem 40. Geburtstag warf der ehemalige Viva-Moderator seinen Job hin und ließ sich drei Jahre lang zum Notfallsanitäter ausbilden.

„Das Azubi-Leben war hart. Die haben mich genauso hart rangenommen wie jeden anderen auch und das fand ich auch gut”, sagte der Hamburger der Deutschen Presse-Agentur. „Genauso wie alle anderen Anfänger wurde ich heranzitiert, wenn es um weniger angenehme Aufgaben ging wie Wachen-Küche putzen und Rettungswagen schrubben.”

 Mehr lesen: Moderator Tobias Schlegl ist jetzt Notfallsanitäter

Seine Bekanntheit durch seine Arbeit als Viva- und ZDF-Moderator habe ihm keine Vorteile gebracht. „Das war ja von Anfang an so ein bisschen meine Angst, dass ich da eine Sonderrolle bekomme.”

Härte des Jobs traf Schlegl unerwartet

Trotzdem komme es hin und wieder vor, dass Kollegen jenseits der 20 die Schicht mit ihm aufgrund seines Zweitjobs spannender finden. „Und die sind dann vielleicht am ersten Tag umso aufgeregter. Aber das legt sich dann spätestens am zweiten. Wenn sie merken, dass ich auch nur einer bin, der den Job ernsthaft ausüben will. Das, was ich sonst so mache, spielt dann keine Rolle mehr.”

Die Härte des Jobs traf ihn unerwartet. „Ich hatte recht traumatische Einsätze”, sagt Schlegl (42) in Hamburg. Er ließ sich auf Anraten eines Kollegen vom Kriseninterventionsteam betreuen. Das half. Um seelisch gesund zu bleiben, entschied sich der Journalist schließlich, einen Roman namens „Schockraum” über seinen Arbeitsalltag zu schreiben. „Der Roman ist schon eine Art der Therapieform, ein Verarbeiten der Einsätze. Hätte ich eine Band, wäre es wohl stattdessen ein düsteres Heavy-Metal-Album geworden. So ist es ein düster-melancholischer Roman geworden.”

Der 287-seitige Roman „Schockraum” setzt im Grunde da an, wo Tobias Schlegl dank seines Kollegen abbog: Notfallsanitäter Kim hat ebenfalls ein traumatisches Erlebnis im Dienst, jedoch keine psychologische Betreuung. Was das mit ihm macht, zeigt der Roman.

Unberechenbarer, antriebsloser Zombie

Kim verliert den Bezug zur Realität, sein Selbstvertrauen im Job, er wird quasi zum unberechenbaren, antriebslosen Zombie. Und damit zur Gefahr für seine Patienten und zur Enttäuschung für Familie und Freunde. Trotzdem frisst er den Stress und die Anspannung der Zwölf-Stunden-Schichten, den Unmut über banale Notfalleinsätze (zum Beispiel wegen Nasenbluten nach Popeln), hilflose Angehörige ohne Ersthelfer-Wissen und abgestumpfte Kollegen in sich hinein.

Schlegl gelingt es dabei, die von ihm und seinen Kollegen erlebten Einsätze beim Deutschen Roten Kreuz in Hamburg lesenswert aneinanderzureihen und eine Geschichte darum zu weben. „Es sollte kein wildes Sammelsurium der Einsätze werden, sondern eine packende, emotionale Geschichte”, hatte er sich vorgenommen. Das ist gelungen.

Die Einsatz-Storys kommen wie in sich geschlossene kleine Krimigeschichten daher. Es ist leicht, in diese Rettungsdienst-Welt einzutauchen und mitzufühlen. Das und die unverschnörkelte, fast schon jugendliche Sprache machen den Roman zu einem Buch, das Lust auf eine Fortsetzung macht.

Kim hat viel mit Tobias gemein, aber eben nicht alles. „Er ist schon sehr egozentrisch. Das bin ich hoffentlich nicht.” Gleichzeitig sagt Schlegl aber auch über seinen Debütroman: „Es ist das Persönlichste, was ich je gemacht habe.”

Was im Rettungsdienst Tag für Tag geleistet wird

Das Buch ist aber nicht nur als Unterhaltungsliteratur gedacht. Es soll auch zum Nachdenken anregen. Darüber, was im Rettungsdienst Tag für Tag geleistet wird. Darüber, dass es so einfach wäre, durch Erste Hilfe den Tod zu verhindern. Darüber, dass posttraumatische Belastungsstörungen auch Teil des Rettungsdienstes und nicht nur der Bundeswehr sind.

Darüber, dass die Rettungsdienstler nicht gut bezahlt werden, es in den Wachen immer eine große Personalnot gibt und viele auf dem Zahnfleisch gehen und trotzdem jeden Tag wieder Menschenleben retten. „Wenn wir die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, kriegen wir auch keinen Nachwuchs und dann verbrennen wir umso mehr alle die, die da gerade schon arbeiten.”

Er will mit seinem Buch den Kollegen auch eine Stimme geben. „Der Rettungsdienst hat nur eine kleine Lobby.” Seine Kollegen hätten sehr positiv auf sein Vorhaben reagiert. „Die unterstützen das total und stehen hinter mir. Es ist das Gegenteil von einem Shitstorm, es ist ein Candystorm”, sagt Schlegl und lacht.

Der Hamburger arbeitet nach wie vor 50 Prozent seiner Arbeitszeit für den Rettungsdienst und 50 Prozent fürs Fernsehen. „Es ist eine kluge Lösung, wenn man im Rettungsdienst alt werden will, wenn man das kombiniert.” Und das hat Schegl durchaus vor.

Doch vorher habe er noch einen anderen Wunsch. „Wenn Netflix das als Miniserie herausbringen würde, das wäre das Allergrößte.” Genügend Cliffhänger habe er eingebaut. „Ich muss auch gar nicht mitspielen.”

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Hamburg

Kommende Events in Hamburg (Anzeige)

zur Homepage

Kommentare (1)

Das Umdenken wird kommen wenn es keine Rettungssanitäter mehr gibt -