KRIMI AM TOLLENSESEE

Tod eines Journalisten gibt viele Rätsel auf

Ein Journalist war beim Tauchen im Tollensesee ums Leben gekommen – angeblich ein Unfall. Ein Freund glaubt an Mord und dass dies mit einer Recherche zusammenhängt. Das ist Stoff für einen Roman, der in Neubrandenburg, auf Usedom und in Berlin spielt.
Uwe Richter, Krimiautor und Kulturmacher in Wittenborn
Uwe Richter, Krimiautor und Kulturmacher in Wittenborn Frank Wilhelm
Wittenborn.

„HaGe geht am Haus vorbei zur Rückseite. Auch hier hat man einen weiten Blick über die Landschaft und in den großen Himmel. Das Nachbardorf versteckt sich hinter Bäumen.“ Der Protagonist von Uwe P. Richters (63) Krimi „H5N8. Unfall oder Mord“ steht am Rand der Brohmer Berge und schaut in die weite Landschaft. Das Gebäude ist eine stillgelegte Station der Kleinbahn – ein Haus, das es wirklich gibt, wie der Autor im Garten seines wenige Kilometer entfernten, einsam gelegenen Hauses zwischen Friedland und Strasburg erzählt.

HaGe, das ist der Spitzname von Gregor Havlitschek, früher Journalist, heute Inhaber einer Kneipe in Berlin, die auf Eisbein und Bier setzt und sich damit auf dem absteigenden Ast bewegt. HaGe trauert um seinen Freund, den Journalisten Max Mayr. Er ist beim Tauchen im Tollensesee ums Leben gekommen. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Unfall aus. HaGe glaubt an einen Mord. Hängt sein Tod vielleicht mit seiner jüngsten Recherche zusammen? Max war auf der Spur eines jungen Portugiesen, der sich im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Vogelgrippe H5N8 in der größten Geflügelfleischfabrik Europas infiziert hat und an den Folgen der Krankheit stirbt.

Viele der Handlungsorte von Richters Krimi finden sich in der Region: Friedberg, wo das einsame verlassene Bahn-Häuschen von Max zu finden wäre, Neubrandenburg, Heringsdorf, Swinemünde und Heinrichswalde. Nicht zu vergessen Berlin, wo sich Richter ebenfalls wie in seiner Westentasche auskennt. „Ich mag es, irgendwo zu sitzen und mir zu überlegen, was hier passiert sein könnte“, sagt er. Dabei gehe es auch um Genauigkeit. Wenn ein realer Ort, eine Straße benannt werde, müsse der Leser das auch nachprüfen können.

Mit einem Unfall an der Deponie fängt alles an

So wie in Ihlenberg, der zwischen Schönberg und Selmsdorf gelegenen Deponie in Nordwestmecklenburg. Dort ereignete sich am 23. November 1981 ein folgenschwerer Unfall, wie man als Einstieg in Richters Krimi erfährt: Der kleine Marcus riss sich von der Hand seiner Mutter los. Ein Lkw mit Spezialbehältern musste bremsen, eines der Fässer, das sich löste, erschlug das Kind, wie aus einem Stasi-Bericht hervorgeht. Dass bei dem Unfall italienischer Giftmüll ausgetreten war, sollte geheim gehalten werden.

Den Stasi-Bericht habe es so nicht gegeben, sagt Richter. „Aber solch ein Unfall hätte sich zutragen können.“ Es sei bekannt, dass zu DDR-Zeiten Giftmüll für Devisen mehr oder weniger sachgerecht eingelagert wurde. Mit dem Bericht legt der Autor zugleich eine erste Spur für den Leser. Marcus war der Sohn von HaGe.

Richter spielt nicht nur mit authentischen Orten, sondern auch mit Figuren, die durchaus einen realen Hintergrund aufweisen: Etwa wenn er Eberhardt Krauthagen als dauerlächelnden Ministerpräsidenten beschreibt, der den eitlen Klinikbesitzer Dieter Voigtländer trotz NVA-Vergangenheit hofiert.

Der einzige, der in der DDR freiwillig zur Armee wollte

Es liegt auf der Hand, dass Richter in seinem Text den Bogen von der DDR bis ins Heute spannt. Er ist in Suhl aufgewachsen. Radsport war seine große Leidenschaften. Er schaffte es bis zur Kinder- und Jugendsportschule (KJS) in Berlin. Aber 1974, ein Jahr vor dem Abitur, war Schluss mit dem Leistungssport. Dafür forcierte Richter seine zweite Leidenschaft – das Theater. Er war Mitglied eines Amateurtheaters und bewarb sich für ein Studium der Theaterwissenschaften an der Humboldt-Uni. „Ich bekam einen Studienplatz mit der Auflage, vorher drei Jahre zur Armee zu gehen und mich mehr mit den Klassikern zu beschäftigen.“

Als er dann für die NVA gemustert wurde, durfte er nur den Grundwehrdienst absolvieren, also eineinhalb Jahre. „Ich war bestimmt der Einzige in der DDR, der freiwillig drei Jahre zur Armee wollte und nicht durfte.“ Der Studienplatz war futsch. Nach der Wende konnte er in seiner Stasi-Akte nachlesen, dass er antisozialistische Thesen weiterverbreiten würde. „Für Richter ist das Studium zu verhindern“, legte ein Stasi-Offizier fest.

Autor verkauft sein Buch im Selbstverlag

Richter, der seine kleine Familie ernähren musste, ging zurück nach Suhl, lernte Restaurantfachmann und arbeitete als Kellner. Zugleich inszenierte er mit dem Suhler „Theater auf der Handfläche“ Texte und Stücke von Heine, Mühsam, Neruda und Heiner Müller und eckte immer wieder an. Als ihm der Suhler SED-Kulturchef bei der Feier zum 40. DDR-Geburtstag im Oktober 1989 – Richter bediente die Funktionäre – androhte, „dich kriegen wir auch noch klein“, entschloss er sich, mit seiner Familie über Ungarn in die Bundesrepublik zu fliehen.

Weitere Jobs als Kellner im Westen, die Rückkehr nach Berlin, das erste Buch „Fluchten“ (2006), Jobs für die Stiftung Aufarbeitung und die Robert-Havemann-Stiftung führten ihn über einen langen Weg zum Schreiben und nach Wittenborn, wo er seit 2013 mit seiner Frau Marita Richter, der früheren Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, lebt.

Anfangs habe er versucht, seinen Krimi Verlagen anzubieten. Irgendwann mochte er aber nicht mehr als Bittsteller antreten, der doch nur Ablehnungen erhält. Er verlegt seinen Krimi selbst übers Internet. Reich und berühmt werde er wohl nicht, so Richter. Wichtig sei der Spaß beim Schreiben, die Lust am Konstruieren einer spannenden Handlung. Am nächsten Thriller schreibt er schon, der soll in Neubrandenburg spielen.

Uwe P. Richter: H5N8. Unfall oder Mord sowie Schatten der Vergangenheit. Selbstverlag, je 10,70 Euro. www.uprichter.de

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