Freches Küstenkabarett

Trotz Corona – es darf natürlich gelacht werden

Kabarett in diesen schweren Zeiten? Ist das angemessen? Auf jeden Fall, das haben Birgit Lenz, Christiane Schoon und Fiete Drahs mit dem Frechen Küstenkabarett in Zinnowitz bewiesen.
Auch die Viren haben Grundrechte: Birgit Lenz (links) und Christiane Schoon.
Auch die Viren haben Grundrechte: Birgit Lenz (links) und Christiane Schoon. Frank Wilhelm
Bares für Rares in 108 Jahren: Birigit Lenz (links), Fiete Drahs als Homunkulus Horst Lichter und Christiane Schoon.
Bares für Rares in 108 Jahren: Birigit Lenz (links), Fiete Drahs als Homunkulus Horst Lichter und Christiane Schoon. Frank Wilhelm
Seine Beraterinnen (Birgit Lenz, l.) und Christiane Schoon versuchen aus Peter Amboss (Fiete Drahs) den neuen Kanzler zu forme
Seine Beraterinnen (Birgit Lenz, l.) und Christiane Schoon versuchen aus Peter Amboss (Fiete Drahs) den neuen Kanzler zu formen. Dajana Richter
Christiane Schoon kennt als Kurtaxen-Eintreiberin keine Gnade, auch nicht gegenüber einem übriggebliebenen Strandger
Christiane Schoon kennt als Kurtaxen-Eintreiberin keine Gnade, auch nicht gegenüber einem übriggebliebenen Strandgermanen (Fiete Drahs). Dajana Richter
Zinnowitz

Ja das muss doch wohl mal gesagt werden. Auch die Viren haben Rechte. Beispielsweise die im Grundgesetz verankerten Rechte aufs Leben und die freie Meinungsvielfalt. Und deshalb dürfen sie natürlich auch demonstrieren, in Persona von Christiane Schoon und Birgit Lenz, die als riesige Corona-Virus-Kugeln auf der Bühne der Zinnowitzer Blechbüchse umherplumpsten. „Das ist ja wohl der Hammer!” dachten sich viele der Premierengäste des gleichnamigen Programms des „Frechen Küstenkabaretts (FKK), die die drei Darsteller – Fiete Drahs gesellte sich zu den zwei Damen – mit reichlich Applaus und Jubelrufen zum Finale in die Nacht entließen.

„Satire darf alles”, legte Tucholsky fest

Noch einmal zurück zu der skurillen Viren-Demonstration: „Freie Viren für freie Bürger”, „Virenrechte verteidigen” und „Wir haben die Nase voll” forderten die beiden Corona-Viren, die ihr wirklich schlimmes Leben in Nase und Rachenraum fristen müssen, ständig verfolgt von Teststäbchen. Ihre Kollegen dagegen, die HIV-Viren, die dürfen auch gerne mal Geschlechtsorgane sehen und befallen, klagen die Coronas. Wow!

Ein Tabubruch? Darf man in Zeiten wie diesen öffentlich Scherze über das Virus machen? Natürlich, hätte Kurt Tucholsky gesagt, der einst dozierte: „Satire darf alles!” Zumal, wenn die Zielrichtung stimmt, die sich gegen Aluhut-Träger, Impfverweigerer und Corona-Schwurbler aller Colour richtet, die ihre Freiheit fordern, der übergroßen Mehrheit mit ihrem Verhalten aber die Freiheit nehmen.

Der eine oder andere verlässt den Hörsaal vorzeitig

Wie ein roter Faden verknüpft die Geschichte des Jung-Politikers Peter Amboss die verschiedenen Sketche aneinander. Ein Name, der an einen Nachwuchs-Politiker aus dem Nordosten erinnert, der sich seine junge Karriere bereits mit etlichen Fettnäpfchen versaut hat. Doch das Team um Regisseur Oliver Trautwein meint alle profillosen Politiker, die oft die eingleisige „Saal-Laufbahn” absolviert haben: Kreißsaal, Hörsaal, Parlamentssaal – wobei der eine oder andere den Hörsaal frühzeitig ohne Abschluss verlassen hat.

Trotzdem oder gerade wegen der geschmeidigen Anpassungsfähigkeit: „Irgendwann wird er Kanzler, weil er sich so gut benimmt, weil er immer mit dem Schwänzchen wackelt”, heißt es in einem der Songs, bei denen insbesondere Birgit Lenz und Christiane Schoon mit ihren Sangeskünsten brillieren. Wie überhaupt die Gesangsnummer, erneut in den bewährten Händen von Mike Hartmann, zu den Höhepunkten des Abends gehörten.

Spray für Küchendüfte – nie wieder kochen

Aber die Autoren Thilo Bock, Linus Hoeke, Helge May und Volker Surmann nehmen nicht nur die Politik aufs Korn: Das Talkshow-Geschwafel, das darin gipfelt, auch tote Hamster und Menschen ins Studio zu holen; die Gebühren-Wut deutscher Beamter, die von harmlosen Putzfrauen eine Bargeldsteuer erheben, oder aber der Untote Horst Lichter, der auch noch in 100 Jahren als Mix zwischen Computer-Simulation und Homunkulus „Bares für Rares” im ZDF moderieren wird. Herrlich!

Genauso wie das Dialogfeuer, das Lenz und Schoon bei der Bewerbung der Küchen-Duft-Sprays im Shopping TV entfachten: Spray für Braten, Fisch und Kartoffelsuppe. Herrlich: Nie wieder kochen, nie wieder essen, nie wieder zunehmen. Drahs alias Amboss setzte den genialen Schlusspunkt mit seiner ersten Bundestagsrede – „liebe Kinder, liebe Kinderinnen” -, bei der das Publikum als Koalition und Opposition mit passenden Zwischenrufen mitspielen durfte, wovon es reichlich Gebrauch machte.

Bei der Premiere haben die Theaterleute gezeigt, dass sie die 2G+-Regel umsetzen können. Bleibt zu hoffen, dass sie das auch in kommenden Wochen beweisen dürfen.

Weitere Aufführungen: Blechbüchse Zinnowitz, 30.11., 14.12.; Boddenbühne Barth (2.12.), jeweils um 19.30 Uhr

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Zinnowitz

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