DDR-SCHAUSPIELERIN

Ursula Karusseit über die Lust am Anderssein

Die Anteilnahme nach dem Tod der Schauspielerin Ursula Karusseit ist groß. Erst vor Kurzem sprach eine Nordkurier-Redakteurin mit der Charakterdarstellerin über ihre große Leidenschaft für Theater, Film und Fernsehen.
Gerlinde Bauszus Gerlinde Bauszus
„Ihr Durchgreifvermögen und ihre ansteckende Neugier gefallen mir“, sagt Ursula Karusseit – hier mit Thomas Rühmann (Chefarzt Dr. Roland Heilmann) – über ihre Rolle als Charlotte Gauss im ARD-Dauerbrenner „In aller Freundschaft“.
„Ihr Durchgreifvermögen und ihre ansteckende Neugier gefallen mir“, sagt Ursula Karusseit – hier mit Thomas Rühmann (Chefarzt Dr. Roland Heilmann) – über ihre Rolle als Charlotte Gauss im ARD-Dauerbrenner „In aller Freundschaft“. MDR/Rudolf K. Wernicke
Refugium unter freiem Himmel: „Theater am Rand“ in Zollbrücke. Ursula Karusseit im Stück „Mitten in Amerika“, hier mit Thomas Rühmann (Mitte) und Jens-Uwe Bogadtke. Auch hier gehörte sie vor 20 Jahren zu den Schauspielern der „ersten Stunde“. 
Refugium unter freiem Himmel: „Theater am Rand“ in Zollbrücke. Ursula Karusseit im Stück „Mitten in Amerika“, hier mit Thomas Rühmann (Mitte) und Jens-Uwe Bogadtke. Auch hier gehörte sie vor 20 Jahren zu den Schauspielern der „ersten Stunde“. Theater am Rand
„Der Arzt wider Willen“ (Berliner Volksbühne, 1971): Ursula Karusseit in der Rolle der Jacqueline sowie Egon Geißler (links) als Lucas und Rolf Ludwig als Sganarelle.
„Der Arzt wider Willen“ (Berliner Volksbühne, 1971): Ursula Karusseit in der Rolle der Jacqueline sowie Egon Geißler (links) als Lucas und Rolf Ludwig als Sganarelle. Harry Hirschfeld
Neubrandenburg.

Als Ursula Karusseit vor ein paar Monaten in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ auftauchte, jubelten die Fans. Nach fast einjähriger Krankheit durften die Zuschauer die „gute Seele der Familie Heilmann“ – wenngleich nur kurz – erleben. Spätestens als Charlotte Gauss, die mit ihrem Mann Otto Stein (Rolf Becker) einst die Cafeteria der Sachsenklinik betrieb, wurde sie deutschlandweit einem Millionenpublikum bekannt – und gehörte von Anfang an neben Chefarzt Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) zu den Zuschauerlieblingen der „ersten Stunde“ in dieser Erfolgsserie. Ursula Karusseit starb am Freitag im Alter von 79 Jahren in einem Krankenhaus in Berlin.

Der Nordkurier-Artikel vom 10. Oktober 2018 ist eine Rückschau auf das Leben von Ursula Karusseit, die „das Kleine eher anrührt als das Große“:

Erst funkte es beim Laienspiel

Weit zurück gehen die Kindheitserlebnisse von Ursula Karusseit. „Manchmal aber sind die, auch wenn sie noch so klein scheinen, stärker als die Jahre danach, weil sie einschneidend sind“, merkt die 79-Jährige an. So könne sie sich gut erinnern an die Zeit nach der Vertreibung aus Ostpreußen, als sie, gerade sechsjährig, und die Familie in Malchow nahe Parchim Unterschlupf fanden bei einer Bäuerin. Mit deren Tochter, die sie immer noch gern in Mecklenburg besucht, ist Ursula Karusseit bis heute befreundet.

Sie erzählt vom Kartoffelstoppeln und Kastanien sammeln, aus denen Mehl für Brot gemahlen wurde. Dass sie mit dem Bruder in einer Remise Eier stibitzte, und wie sie dafür vom Vater, der gerade aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, Prügel bezog. Unvergessen auch, wie sie ihre Schwester kurz vor dem Ertrinken aus dem Fluss zog, obwohl sie damals selbst noch gar nicht schwimmen konnte.

Doch bei allen Entbehrungen, „meine Kindheit war Glück“, sagt Ursula Karusseit. Und ihre Stimme schwingt eine Oktave höher hinauf, als Erinnerungsbilder einer Vogelhochzeit zurückkommen: „Ich spielte die Braut, auf dem Kopf eine Gardine, das war der Schleier, in der Hand Gänseblümchen. Es gab auch einen Jungen, Hartmut. Er spielte meinen Bräutigam.“ Und wurde ihre heimliche Liebe. Die beiden wanderten durch das Dorf, die ganze Klasse hinterher. „Schön war das“, träumt sich die Schauspielerin zurück.

„Nein, da war nix angelegt“

Ob diese kleine Szenerie schon Vorbote für ihre Liebe zur Verwandlung war? Etwas, das tief in ihr an künstlerischem Talent angelegt schien und offenbar nur geweckt werden wollte? „Nein, da war nix angelegt“, wehrt Ursula Karusseit ab. „Zunächst war es nichts anderes als das, was jedes Kind gern macht: sich verkleiden. In die Wiege gelegt wurde mir nichts.“ Im Gegenteil, Theaterspiel erschien ihren Eltern eher „bedenklich“, suspekt. „Die Kunst kam erst später.“

Zunächst wartete auf die Lehrertochter eine kaufmännische Ausbildung, aber eben auch eine Laienspielgruppe in der Berufsschule. Dort funkte es schließlich derart, dass es sie Anfang der 1960er Jahre nach Berlin an die Schauspielschule zog. Es war soweit: „Ich wollte auf die Bühne.“ Erste Theater-Engagements, aber vor allem die Filmrolle der Haushälterin Gertrud Haberssat im Helmut-Sakowski-Film „Wege übers Land“ waren es, die sie früh bekannt machten.

„Ich war damals sozusagen Anfängerin, während die anderen schon so ihre Erlebnisse hatten“, plaudert sie weiter. Dabei denke sie vor allem an Armin Müller-Stahl, Erik S. Klein, Angelica Domröse – und Manfred Krug, zu jener Zeit bereits „ein großer Kenner der Filmbranche“. „Er machte immer so seine Witzchen. Ihm beim Spielen zuzuschauen war das reinste Vergnügen. Allerdings verspürte er wenig Lust zum Textlernen und steckte sich deshalb Spickzettel in den Zylinder. Da war er schon gewieft, aber seinem Charme konnte kaum einer widerstehen.“

Dreharbeiten nahe Feldberg

Überhaupt erinnere sie sich gern an die Dreharbeiten nahe Feldberg, an lebhafte Gespräche. „Wir schauten einander beim Spielen zu, tauschten uns aus, ermunterten uns gegenseitig, waren hellwach.“ Das vermisse sie. „Es gab seinerzeit auch viel mehr Außendrehs, originale Bauernhöfe – alles war echt.“ Heute werde ihrer Ansicht nach zu viel im Studio produziert. Das „Gestylte“ gefällt ihr nicht. „Man findet kaum noch Ursprüngliches, dafür viel zu viel Umgemodeltes. Das ist langweilig.“ Deshalb freue sie sich heute um so mehr, wenn junge Leute auf alten Gehöften im Märkisch-Oderland oder der Uckermark das Landleben wiedererwecken.

„Wir hatten damals auch wesentlich mehr Drehtage“, merkt Ursula Karusseit an und fügt schmunzelnd hinzu: „In der Zeit, wo wir ,Wege übers Land‘ produzierten, trugen Frauen ein Kind aus.“ Alle Außenaufnahmen wurden zudem synchronisiert. „Ziemlich aufwendig, ja, aber es hat sich gelohnt.“ Heute störe es sie, wenn in Film und Fernsehen oftmals die Schauspieler akustisch so schwer zu verstehen sind, und wenn die Dialoge von lauter Musik übertönt werden. Deshalb gehe sie nicht mehr ins Kino, schaut sich auch keinen Tatort mehr an. Dafür um so lieber „Inspector Barnaby “, denn da werde unter anderem „noch richtig synchronisiert“.

Traumrolle mit Witz und List

Mindestens ebenso begeistern könne sie sich für „Miss Marple“. Wäre das nicht eine Paraderolle für sie, eine komische, schrullige Kommissarin? „Natürlich“, platzt es da aus Ursula Karusseit heraus. „Ist aber noch keiner drauf angesprungen, obwohl ich seit Jahren mit diesem Wunsch lautstark herumklingele. „Eine Figur à la Miss Marple – ohne Revolver, ohne Gewalt, dafür mit List, Witz und Tücke.“ Deshalb sehe sie so gern englische Filme, „weil die sich selbst auf die Schippe nehmen können und nicht so todernst sind wie die Deutschen“.

Ursula Karusseit, nicht Gretchen, nicht Julia, schon gar nicht Prinzessin, lagen seit jeher die „handfesten Typen – kantig, kauzig, kurios“. Gefeiert als „gefragte Brecht-Interpretin“, kannte die Charakterdarstellerin Mutter Courage noch persönlich. „Helene Weigel war sehr gnädig mit mir. Ich glaube, sie mochte mich, nannte mich Pupperl. Ich glaube, der Name rührt aus einem Stück, in dem wir mit Stoffmasken spielten.

„Pupperl sagte sie, lass dir dein Gesicht nicht verschandeln.“ An den 70. Geburtstag der Berliner Ensemble-Intendantin erinnert sich Ursula Karusseit gut. „Da saß ich neben ihr und hatte eine weiße Schleife im Haar. Es muss auch noch einige Fotos von dieser Feier geben.“ Wo sie sind? „Entschwunden. Irgendwo.“

Durch den Kulturpark in Neubrandenburg

Über Land und ins Mecklenburgische ging es dann wieder mit „Daniel Druskat“. Mitte der 70er. „Nach den Dreharbeiten des Fernsehromans im Müritz-Dörfchen Buchholz fuhren Angelica Domröse, Hilmar Thate, Manfred Krug und ich zurück nach Neubrandenburg. Dort wohnten wir im Hotel ,Hotel Vier Tore‘. Zu viert spazierten wir oft durch den Kulturpark. Ich glaube, da fing es auch an zu funken zwischen Thate und Domröse“, sagt sie augenzwinkernd. Dies bestätigten die beiden übrigens seinerzeit bei ihren Lesungen in der Viertorestadt. Hilmar Thate sagte damals: „Hier wurde die Liebe geboren.“

Als Ursula Karusseit 1986 von einem Tag auf den anderen an der Volksbühne kündigte, freischaffend wurde, kamen erste Regie-Angebote. Sie wagte den Aufbruch nach Köln, rettete bei den Kammerspielen als „Mutter Courage“ die Premiere, weil sie für eine erkrankte Künstlerin einsprang, pendelte drei Jahre zwischen Dom- und Hauptstadt. Doch „drüben bleiben“, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. „Ich hab meine Arbeit immer zu Ende gemacht. Dort wie hier.“

Filmhochschule Babelsberg

Später unterrichtete sie den Schauspiel-Nachwuchs an der Filmhochschule Babelsberg, inszenierte in Schwerin, Dresden, Tübingen, Nordhausen, und gestaltete mit einem Kollegen ein Karl-Valentin-Programm. „Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, so etwas auf mich zu nehmen“, hinterfragt sie sich, nennt es abenteuerlustig. „Wir zwei tingelten wie dereinst Theaterleute mit einem Gefährt samt selbst gebasteltem Bühnenbild durchs Land.“ Der Zuspruch war enorm. Und ja, auch jene Zeit erinnerte ein wenig an „Wege übers Land“ ...

Obgleich sie sich in ihrer unbändigen Spielfreude, der „Lust am Anderssein“ momentan etwas „ausgebremst“ fühlt, weil ihr beim Laufen ab und an Gleichgewichtsstörungen „in die Quere kommen“ – was sie ungemein ärgert – sei der Kopf „topfit“. Deshalb geht es weiter. „Gern auch in der Leipziger Sachsenklinik – wenn gute Geschichten kommen und immer eine kleine Lösung in Sicht ist“.

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