POLITIK BESORGT

Usedom bald Insel der Warmduscher?

Gilberto Pérez Villacampa erzählt seine Geschichten nur aus Worten, die bereits gedruckt worden sind: Sie waren einmal Überschriften im Nordkurier. Unerhört, eigentlich!
Simon Voigt Simon Voigt
Einige Textkollagen aus Nordkurier-Überschriften von Gilberto Pérez Villacampa.
Einige Textkollagen aus Nordkurier-Überschriften von Gilberto Pérez Villacampa. Villacampa/Ingmar Nehls/Nordkurier-Grafik
Einige Textkollagen aus Nordkurier-Überschriften von Gilberto Pérez Villacampa.
Einige Textkollagen aus Nordkurier-Überschriften von Gilberto Pérez Villacampa. Villacampa/Nordkurier-Grafik
Einige Textkollagen aus Nordkurier-Überschriften von Gilberto Pérez Villacampa.
Einige Textkollagen aus Nordkurier-Überschriften von Gilberto Pérez Villacampa. Villacampa/Nordkurier-Grafik
Neubrandenburg.

Sie sehen aus wie Erpresserbriefe, doch jemanden bedrohen will ihr Autor damit nicht. Höchstens ein bisschen provozieren, das vielleicht schon. Gilberto Pérez Villacampa saß schon oft an seinem Küchentisch und war ein ganzes Wochenende damit beschäftigt, seine Tageszeitung in kleine Stücke zu schneiden, um sie danach wieder neu zusammenzusetzen.

Dabei entstehen dann wundersame Sätze wie dieser: „In Leipzig hat Campino eine Sexpuppe für Tage wie diese hinter der Bühne versteckt.” Oder dieser: „Die Politik zeigt sich besorgt: Wenn Usedom zur Insel der Warmduscher wird, fährt der Kaiser nicht mehr hin.” Jeder dieser Begriffe war schon einmal geschrieben, sie standen in Überschriften des Nordkurier. Pérez Villacampa hat sie einfach nur auseinandergenommen und neu sortiert. Er schreibt dazu, nur zum Spaß: „Was alles im Nordkurier steht – unerhört eigentlich!”


 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Textkollage aus den Überschriften des Nordkuriers 11. März 2019 Ausgabe Neubrandenburg Manchmal bin ich ein ganzes Wochenende damit beschäftigt, Worte und Teile von Worten über meinen Küchentisch zu schieben und sie nach meinem Ermessen zu paaren. Mit der Besessenheit einer Ameise versuche ich, die goldene Nadel im Heuhaufen der wenig narrativen Überschriften unserer Tageszeitung zu finden, ohne dabei etwas dazu zu erfinden. Nur, damit ich nach getaner Arbeit sagen kann: Was alles im Nordkurier steht – unerhört eigentlich! #perezvillacampa #cuba #german #germanlanguage #deutschesprache #goetheinstitut #duden #buch #bücher #kollage #presse #erpresserbrief #poesie #poet #texter #text #tageszeitung #autorenleben #neubrandenburg

Ein Beitrag geteilt von Gilberto Pérez Villacampa (@perezvillacampa) am

Pérez Villacampa ist Philosoph und kommt aus Kuba, wohnt aber schon seit den frühen 1990er-Jahren in Neubrandenburg. Er arbeitet als Texter, Fotograf und Grafiker in einer Werbeagentur in Friedland. Nebenbei hat er seine Werke schon in einigen Ausstellungen gezeigt. Zuletzt waren in der „hakabé fotoreihe” im HKB Neubrandenburg seine Fotos unter dem Titel „Destruktion” zu sehen. Nach dem Fotografieren wollte er nun wieder Erzählen und so fing das mit den „Pressebriefen” an, wie er seine Textcollagen aus Nordkurier-Überschriften nennt.

Kein Wort soll überflüssig sein

„Unsere Sprache ist sehr bildlich”, sagt Pérez Villacampa über seine Muttersprache Spanisch. Deutsch hat er erst später gelernt, sein Wortschatz ist somit begrenzt. „Da kann ich mir den Luxus vieler Worte nicht erlauben.” Er weiß, dass das eine Einschränkung ist, doch er nutzt sie als Vorteil, um seine knappen Geschichten konstruieren zu können. Auf Spanisch, sagt er, könne er das in dieser Form nicht. Er würde sich beim Erzählen zu sehr ausweiten, zu viele Dinge ausschmücken und öfter auf Metaphern zurückgreifen. Denn genau so würden auch die Menschen in seiner Heimat Kuba Geschichten erzählen, sagt er.

Jeder „Pressebrief” enthält eine kleine Geschichte mit einem Anfang, einem Hauptteil und einem Schluss. Kein Wort soll darin überflüssig sein. Kurz, prägnant, nur das Wesentliche. Doch in der Summe soll in dem fertigen Satz so viel stecken, dass er auch Ausgangspunkt für ein komplettes Drehbuch sein könnte.

Für jeden „Pressebrief” nimmt Pérez Villacampa nur eine Ausgabe des Nordkurier auseinander, und immer nur die Lokalausgabe für Neubrandenburg. Das ist eine weitere Einschränkung, die er bewusst für sich gewählt hat. Er spricht von Minimalismus, er versucht, mit möglichst wenigen Mitteln zu arbeiten. Und da er sich auch als Perfektionisten sieht, kann er an einer Collage schon einmal drei Tage sitzen.

Auch die Dekoration war einmal Zeitung

Als Erstes sucht er sich zwei oder drei Worte aus, die möglichst gegensätzlich sind. Sie sollen eine Spannung erzeugen, die im besten Fall eine komische Situation ergeben kann. „Dann wird gefüllt.” Er sucht sich weitere Verben, Artikel und Adjektive, um seine Geschichte abzurunden. Jede Collage klebt er auf 20 mal 20 Zentimeter großen Karton, rundherum fertigt er mit bunten Schnipseln aus Anzeigen derselben Zeitung einen Rahmen. Danach wird noch alles am Computer aufpoliert.

Bevor er die Texte aufklebt, lässt er noch jemanden drüberlesen. Denn wenn sich ein Fehler einschleicht, kann es passieren, dass die ganze Arbeit wieder von vorn beginnt. Inzwischen hat er eine gewisse Routine entwickelt, sitzt auch auf Bahnfahrten oder in der Mittagspause an seinen Texten. Doch geklebt wird am Küchentisch.

Die Ergebnisse sind oft Nonsens. Oder nicht?

„In Boizenburg stand die Queen in Merkels Kluft und sprach dabei von einem 'geilen' Gefühl.” Die Ergebnisse sind mitunter ziemlicher Nonsens, sagt Pérez Villacampa. Mit den eigentlichen Botschaften aus der Zeitung haben die Sätze nichts mehr zu tun. Sollen sie auch nicht. Oder doch? „Ich arbeite gern mit Nebel.” Wenn es genug Raum für Interpretation gibt, dann fange für ihn erst die Kunst an.

Viele Geschichten klingen einfach nur witzig, doch oft stellt sich der Leser unbewusst die Frage: Ist das so, oder so in der Art, vielleicht wirklich passiert? Die Worte wurden ja schon einmal gedruckt. Manchmal sind die Briefe auch politisch. „Ich bin gegen jede Kleinbürgerlichkeit”, sagt Pérez Villacampa.


 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Textkollage aus den Überschriften des Nordkuriers 2. Mai 2019 Ausgabe Neubrandenburg Manchmal bin ich ein ganzes Wochenende damit beschäftigt, Worte und Teile von Worten über meinen Küchentisch zu schieben und sie nach meinem Ermessen zu paaren. Mit der Besessenheit einer Ameise versuche ich, die goldene Nadel im Heuhaufen der wenig narrativen Überschriften unserer Tageszeitung zu finden, ohne dabei etwas dazu zu erfinden. Nur, damit ich nach getaner Arbeit sagen kann: Was alles im Nordkurier steht – unerhört eigentlich! #perezvillacampa #cuba #german #germanlanguage #deutschesprache #goetheinstitut #duden #buch #bücher #kollage #presse #erpresserbrief #poesie #poet #texter #text #tageszeitung #autorenleben #neubrandenburg #nordkurier

Ein Beitrag geteilt von Gilberto Pérez Villacampa (@perezvillacampa) am

Nach rund 40 Texten ist nun erst einmal Pause und der Künstler will sich wieder den Bildern widmen. „Ich finde keine Worte mehr.” Viele seiner „Pressebriefe” hat Gilberto Pérez Villacampa bereits auf Instagram veröffentlicht, doch auch eine richtige Ausstellung kann er sich damit vorstellen. Sein Wunsch wäre, dass sich ein Zeichner mit seinen Texten auseinandersetzt und passende Figuren entwirft. Sein Favorit wäre der Künstler Otto Sander Tischbein. „Mit ihm teile ich die Vorliebe für Humoristisches mit spanischem Kolorit.” Gefragt hat er ihn aber noch nicht.

Weitere „Pressebriefe” gibt es auf der Instagram-Seite von Gilberto Pérez Villacampa.

zur Homepage