SCHIFFSFÜHRUNGEN ZUR HANSE SAIL

Verein rettet legendären Eisbrecher „Stephan Jantzen“

Die „Stephan Jantzen“ ist eine ostdeutsche Schiffslegende. Als ein Freund von Donald Trump den Eisbrecher ersteigerte, verfiel das Schiff und wurde geplündert. Ein Verein in Rostock hat es wieder flott gemacht.
Ralph Sommer Ralph Sommer
In mehreren heftigen Eiswintern kam das Kraftpaket „Stephan Jantzen“ wie hier 2003 im Greifswalder zum Einsatz.
In mehreren heftigen Eiswintern kam das Kraftpaket „Stephan Jantzen“ wie hier 2003 im Greifswalder zum Einsatz. Stefan Sauer
Heute liegt der 52 Jahre Schiffsveteran im Rostocker Stadthafen.
Heute liegt der 52 Jahre Schiffsveteran im Rostocker Stadthafen. Stefan Sommer
Auf der Brücke an Bord hat heute Vereinskapitän Michael Egelkraut das Kommando.
Auf der Brücke an Bord hat heute Vereinskapitän Michael Egelkraut das Kommando. Stefan Sommer
In diesem Zustand hatten Vandalen das Schiff zuletzt hinterlassen.
In diesem Zustand hatten Vandalen das Schiff zuletzt hinterlassen. Jürgen Neupert
Es hatte lange vor sich hingerostet.
Es hatte lange vor sich hingerostet. Jürgen Neupert
Überall lag Müll.
Überall lag Müll. Jürgen Neupert
Täglich werden nun interessierte Besucher zu einem Rundgang durch das Schiff geführt.
Täglich werden nun interessierte Besucher zu einem Rundgang durch das Schiff geführt. Stefan Sommer
Das Schiff befindet sich heute wieder in einem vergleichsweise gutem Zustand.
Das Schiff befindet sich heute wieder in einem vergleichsweise gutem Zustand. Stefan Sommer
In der Kombüse kocht Vereinskoch Roland Rothgänger heute Königsberger Klopse.
In der Kombüse kocht Vereinskoch Roland Rothgänger heute Königsberger Klopse. Stefan Sommer
Ein Blick in eine Offizierskammer.
Ein Blick in eine Offizierskammer. Stefan Sommer
Der Kartenraum ist auch wieder hergerichtet.
Der Kartenraum ist auch wieder hergerichtet. Stefan Sommer
In der Offiziersmesse kann wieder gegessen werden.
In der Offiziersmesse kann wieder gegessen werden. Stefan Sommer
Der Maschinenkontrollraum.
Der Maschinenkontrollraum. Sommer
Der Dienstraum des Schiffsarztes.
Der Dienstraum des Schiffsarztes. Stefan Sommer
Rostock.

Das letzte Mal, dass ich an Bord der „Stephan Jantzen“ war, liegt mehr als 14 Jahre zurück. Wenige Tage vor der Außerdienststellung des damals stärksten Eisbrechers Deutschlands am 2. April 2005 hatte ich seinen letzten Kapitän Günter Towara, Bootsmann Willi Hoffmann und Steuermann Klaus Labahn zu ihren Erlebnisse an Bord des 5.400-PS-Giganten befragt.

In Aktion hatte ich das Schiff im Eiswinter 2003 erlebt, als der Koloss mit gut sechs Knoten polternd, aber mühelos durch den mehr als 30 Zentimeter starken Eispanzer im Greifswalder Bodden pflügte. Es war ein unvergessliches Erlebnis, wie der vordere Schiffspropeller das Wasser unter dem Eis ansaugte und sich der Stahlgigant auf das so unterhöhlte Eis schob und eine 18 Meter breite Fahrrinne brach.

Durch das Packeis

37 Jahre lang war die „Stephan Jantzen“ im Einsatz. In den Eiswintern 1969/70, 1978/79, 1982, 1985/86, 1996 und 2003 geleitete sie vor Rügen die Schwedenfähren nach Sassnitz, andere Fähren nach Mukran, zog Konvois von Fischkuttern durch das Packeis, brachte Handelsschiffe in Vorpommerns Häfen und Neubauten von Werften zu Probefahrten und Kunden.

Doch der Betrieb des Eisbrechers, der stündlich bis zu 1.500 Liter Diesel fraß und zur Unterhaltung zwei Besatzungen mit jeweils 22 Mann benötigte war viel zu teuer. 2005 wurde er durch das neue Mehrzweckschiff „Arkona“ abgelöst.

Vorbereitungen auf die Hanse Sail

Nun also ein Wiedersehen in Rostock. An Bord des Museumsschiffes hat heute Michael Egelkraut das Sagen, einst Schiffsinspektor und jetzt Vereinskapitän. Vor einem Jahr hatte der Verein Technische Flotte Rostock das Schiff übernommen. Seitdem bemühen sich 30 engagierte Mitglieder, die Schäden einer jahrelangen Odyssee zu beheben. Heute bereitet man sich auf die Hanse Sail vor.

„Die Geschichte der Stephan Jantzen nach ihrer Stilllegung glich einer Tragödie“, sagt der 70-Jährige. Vom Bund in einer Internet-Auktion zum Verkauf angeboten, war das Schiff zunächst für 430.000 Euro an die griechische Reederei Beta Mar gegangen, die allerdings nur eine Anzahlung über 40.000 Euro leistete und das Schiff verfallen ließ.

Luxus-Eisbrecher für Privatfahrten

Nach diversen Namensänderungen hatte der New Yorker Immobilienmakler Paolo Zampolli, ein langjähriger Freund des heutigen US-Präsidenten Donald Trump, den Eisbrecher erworben. Doch die kühnen Pläne des Modelagenturbesitzers, das Schiff zu einem Luxus-Eisbrecher für Privatfahrten in Polregionen umzubauen, scheiterten.

Immerhin aber hatte er eingewilligte, dass der 2009 gegründete Rostocker Verein das Schiff vom Stralsunder Dänholm in seinen alten Heimathafen holen und für seinen Erhalt sorgen durfte.

„Doch das Schiff war nicht einmal versichert“, sagt Egelkraut. „Es kam zum Streit zwischen Verein, Zampolli und dem mittlerweile als Kapitän und Stellvertreter eingesetzten Kai Gunther Lehmann aus Heidelberg. Und wir flogen von Bord.“

Weil auch Liegeplatzgebühren nicht gezahlt worden seien und sich die Außenstände bei der Stadt auf fast 150.000 Euro summiert hätten, sei das Schiff 2018 zwangsversteigert worden. Für 25.000 Euro ersteigerte die Stadt Rostock das Schiff und übergab es wieder in die Obhut des gemeinnützigen Vereins.

Chaos auf dem Schiff

„Wir gingen zurück an Bord, dann der Schock“, erinnert sich Egelkraut an jenen Novembertag im vergangenen Jahr. „Unsere Vorgänger hatten wie die Vandalen gehaust.“ Überall Müll und Speisereste, das Achter- und das Peildeck total verrostet, Brandspuren, verstopfte Toiletten, zerfrorene Leitungen, aufgebrochene Türen …

Binnen weniger Monate schaffte es die Mannschaft in 18.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit das Chaos zu beseitigen. Nach dem Aufräumen wurden die Decks entrostet und fünffach gestrichen, Elektrik und Wasserleitungen erneuert, die vermüllten Kammern instandgesetzt und die Heizung wieder zum Laufen gebracht. Inzwischen funktioniert auch die Funkanlage, und in der Kombüse wird wieder gekocht.

„Wie ein Auto ohne TÜV“

Rund 100.000 Euro investierte der Verein bislang in die Rettung der „Stephan Jantzen“, finanziert durch Spenden, Eigenmittel, Einnahmen durch Besichtigungen und eine kleine Anschubzahlung der Stadt. Doch der Eisbrecher wird wohl niemals wieder in Fahrt gehen. Zwar sei auch die Maschine wieder intakt, doch eine Zulassung würde das Schiff nicht mehr bekommen. „Wir sind wie ein Auto ohne TÜV“, sagt Egelkraut.

Stattdessen soll die „Stephan Jantzen“ als Museumsschiff erhalten bleiben. Der Verein will sich auf die Wartung und Reparaturen konzentrieren und tägliche Führungen, Vortragsveranstaltungen und kleine Feiern anbieten. Für die Zukunft kann sich Egelkraut auch Klima- und Umweltprojekte für Jugendliche an Bord vorstellen.

„Für all diese Aufgaben suchen wir noch dringend zuverlässige Helfer.“ Interessenten könnten sich zum Beispiel während der Hanse Sail vom 8. bis 11. August an Bord informieren. (Spendenkonto: Technische Flotte Rostock e.V. IBAN: DE66 1305 0000 0200 0946 45)

Abenteuerliche Einsätze zu DDR-Zeiten

Der Eisbrecher war 1967 als letztes Schiff der sogenannten Nikitich-Klasse, einer baugleichen Serie von 23 Schiffen, auf der Leningrader Admiralswerft gebaut und nach dem legendären Warnemünder Lotsenkommandanten Stephan Jantzen benannt worden. Damit hatte die DDR auf den Schockwinter 1963 reagiert, als die Ostseeküste 78 Tage lang von einem dicken Eispanzer blockiert war und über 350 Handels- und Fischereischiffe festlagen.

Die „Stephan Jantzen“ kann mit ihren insgesamt drei Schiffsschrauben bis 1,5 Meter starkes Eis auf 18 Meter Breite knacken. Nach Angaben seines ersten Kapitäns Herbert Stein aus Mönkebude rollt das Schiff mit seinem geringen Tiefgang jedoch bei schwerer See wie ein Stehaufmännchen binnen sieben Sekunden von 45 Grad Backbord bis 45 Grad Steuerbord. Schon die Jungfernfahrt von Leningrad nach Rostock im Schlepp bei Sturm soll ein Abenteuer gewesen sein.

Rettungsaktion vor Rügen

Neben Eisaufbrüchen wurde das 5.400-PS-Kraftpaket auch zu Notschleppeinsätzen beordert. Zu den spektakulärsten Einsätzen gehörte 1973 das Abschleppen des niederländischen Rohöltankers „Tula“, der nach einer Havarie von Brunsbüttel zur Abbruchwerft im spanischen Santander bugsiert werden musste.

Zum Einsatz kam der Eisbrecher auch bei einer Rettungsaktion nach einer Schiffskollision des Antigua-Frachters „Seeadler H“ vor Rügen. In den 1980er Jahren diente das Schiff als Kommandobasis für eine gemeinsame Seenotrettungsübung der DDR, der Sowjetunion und Polen. Neben der „Stephan Jantzen“ existieren heute noch drei baugleiche Schwesterschiffe.

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Kommentare (1)

Der langjährige Trump Freund ist übrigens auch mit den Clintons und >Jeffrey Eppstein sehr gut befreundet. Außerdem könnte man ihn ein Umweltaktivist nennen.
Also wieso nicht: "Der langjährige Umweltaktivist Paolo Zampolli lies das Schiff verrotten"?